Hass vernebelt den Verstand

Einschüchterung und Vorverurteilung schadet nicht nur der offenen Debatte sondern provoziert auch die Bildung von extremen linken und rechten Rändern.


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Never hate your enemies. It affects your judgment. Hüte Dich, Deine Feinde zu hassen, denn es trübt Dein Urteilsvermögen. Das berühmte Zitat von Michael Corleone aus dem Film Der Pate könnte treffender nicht sein. Aktuelles Beispiel liefern zwei Texte von Journalisten.

Der erste Text kommentierte einen Appel von Terre des Femmes. Die Frauenrechtsorganisation fordert ein Vollverschleierungsverbot und schrieb jüngst auf ihrer Webseite: «Ohne ein Verbot wird es in Deutschland bald sehr viel mehr Vollverschleierung geben.» In einem Positionspapier listet Terre des Femmes die Argumente für das Verbot auf.

Auf Schlagzeilen aus einer bestimmten Richtung kann man sich blind verlassen. Und so tippte denn auch eine Redaktorin der deutschen Tageszeitung TaZ.de flugs den Titel «Helfershelfer der AfD» über ihren Kommentar zur Forderung von Terre des Femmes. Mit dem Ansinnen des Vollverschleierungsverbotes, das für die Redaktorin «nicht sonderlich weit oben auf der Liste der Dringlichkeiten steht», stärke die Frauenrechtsorganisation die «Scheindebatte der Rechten».

Das Problem sei, dass sich «antimuslimische Ressentiments und immer weiter nach rechts driftende Positionen überbieten.» Wer diese wie Terre des Femmes ohne jede Not verbreite, legitimiere sie, so die Schreiberin. Damit unterstellte sie der Organisation Beihilfe zum Rechtspopulismus. Würden solcherlei Diffamierungsexperimente unserer Gesellschaft nicht akut schaden, wäre es beinahe lustig.

Nazi Mops

Der zweite Artikel offenbarte eine ähnlich verquere Logik, aber jetzt geht’s um den Fall Mark Meechan. Meechan alias Count Dankula ist ein schottischer Youtuber, der jüngst wegen eines sogenannten Hassverbrechens zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Sein Hassverbrechen bestand darin, dass er dem Mops seiner Freundin aus Witz den Hitlergruss beibrachte – der Mops streckt in dem Video tapsig sein kurzes Pfötchen in die Höhe, während Meechan pro-Nazi-Kommentare von sich gibt.

Das Ganze erweckt bei der Zuschauerin ein Gefühl zwischen Kopfschütteln und Lachreiz. Meechan wollte damit seine Liebste auf die Palme bringen, was er im Nachhinein selbst als dumm bezeichnete. Das Video, das klar als Scherz erkenntlich war und nun als «Nazi pug» (Nazi Mops) in die Youtube-Annalen eingeht, war für die Schottischen Behörden keiner; Anstiftung zu Antisemitismus in einem «extrem beleidigenden» Video lautete die Anklage. Unterstützung erhielt Meechan von dem beliebten britischen Comedian Ricky Gervais: «Wenn du nicht daran glaubst, dass eine Person das Recht hat Dinge zu sagen, die du vielleicht als beleidigend empfindest, dann glaubst du auch nicht an Redefreiheit», schrieb er auf Twitter.

Ein Journalist der britischen Onlinezeitung INews beurteilte das anders (was sein gutes Recht ist). Er sah sich in seinem Kommentar genötigt, Gervais – der sich, nebenbei, bei den Wahlen 2017 für Labour Party-Chef Jeremy Corbyn aussprach – als Helfer der Rechtsextremen zu bezeichnen: «Die Rechtsextremen benützen Online-Witze um ihre rechte Ideologie attraktiver zu machen und Mainstream-Comedians helfen ihnen dabei.» Die Comedians, und damit meinte er vor allem Gervais, würden den richtigen Kontext des Videos nicht verstehen, so seine Behauptung.

Ob Meechans Witz lustig war, total daneben, ob Redefreiheit das Recht beinhaltet zu beleidigen, ob die Forderung der Frauenrechtsorganisation nach einem Vollverschleierungsverbot berechtigt ist – das soll hier heute nicht der Punkt sein. Von Bedeutung ist die Ähnlichkeit, die die Fälle von Terre des Femmes und Gervais offenbaren: Beide verteidigen und stehen für Prinzipien ein, die für sie selbst und für eine Gesellschaft massgebend sind; Frauenrechte und Redefreiheit. Und beide werden deshalb der Beihilfe zum Rechtspopulismus, gar zur Handreichung zum Rechtextremismus bezichtigt.

Redefreiheit ja, aber...

Hier ist das Problem: Auch die AfD in Deutschland fordert ein Vollverschleierungsverbot – und auf der Insel kämpfen, nebst den Liberalen, auch Rechtsaktivisten und Rechtsextreme für Redefreiheit und kritisieren das Urteil gegen Meechan öffentlich lautstark. Mit diesen Gruppen setzen sich halt dummerweise die Falschen für die richtige Sache ein.

Natürlich ist die Motivation von verschiedenen Gruppen dahinter nicht immer dieselbe, man ist womöglich aus unterschiedlichen Gründen für oder gegen ein Anliegen. Das ändert aber in dem Moment an dem konkreten Thema nichts.

Es stellt sich die Frage: Was wäre, wenn die AfD für den Klimaschutz eintreten würde? Würden Menschen dann Reifen im Garten verbrennen? Ein grösseres Auto anschaffen? Kohlekraftwerke unterstützen? Der Vorwurf 'Helfershelfer der AfD' an Terre des Femmes, nur weil die Organisation für dieselbe Sache einsteht wie jemand den man selbst verachtet, offenbart die beschränkte Denkweise mancher Leute.

Gemäss ihrer Logik sollten sich Frauenorganisationen also nur für Frauenrechte einsetzen, solange sich keine verhasste Gruppe für dieselben Rechte einsetzt – weil sie ansonsten dieser Gruppe in die Hände spielen. Und gemäss derselben Logik sollte sich Comedian Gervais nur für Redefreiheit einsetzen, solange kein verhasster Youtuber, Aktivist oder Politiker ebenso für Redefreiheit kämpft – ansonsten unterstützt man diese bei der Verbreitung ihrer Ideologie.

Man kann mit der Agenda des politischen Gegners kollidieren. Kann sie für würdelos halten, übergeschnappt, für rassistisch auch. Wenn man aber aufgrund seiner Verachtung nicht mehr zu differenzieren vermag und reflexartig mit der Diffamierungsaxt um sich schlägt, schadet man nicht nur der offenen Debatte, sondern der Sache selbst.

Pauschalisierung schadet der Sache

Als ob sie es ahnen würde, fügte Terre des Femmes auf ihrer Webseite zum Vollverschleierungsverbot bei: Religionskritik sei generell ein Merkmal jeder aufgeklärten und offenen Gesellschaft und habe nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Aber vor allem Kritik am Islam würde pauschal mit Rassismus und Rechtspopulismus gleichgesetzt. «Die Vorwürfe sind so vehement, teils denunziatorisch geworden, dass sie die Debatte vergiften und nichtreligiöse wie religiöse säkulare und liberale Kräfte zum Schweigen bringen.»

Die zwei Kommentare und ihre Autoren sind so unbedeutend wie die Regenwolken vom Morgen. Sie stehen aber als Symbol einer Gesellschaft, die mit ihrem Gebaren zunehmend Menschen einschüchtert und so zur Bildung von extremen linken und rechten Rändern beiträgt. Deren Repräsentanten setzen sich geräuschvoll für ihre Prinzipien ein, während die grosse Mehrheit aus der Mitte aus Angst vor solcherlei Aburteilung lieber stumm bleibt, ihre Meinung nur mehr an privaten Abendessen preisgibt. Frauenrechte und Redefreiheit betrifft uns aber alle. Wir sollten den Kampf dafür gemeinsam führen, statt uns gegenseitig anzugreifen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 11:32 Uhr

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