Hexenverfolgung im 21. Jahrhundert

In Papua-Neuguinea fallen immer wieder Frauen der Jagd nach vermeintlichen Hexen zum Opfer. Doch auch im Rest der Welt häufen sich die Fälle. Amnesty International und UNO schlagen Alarm.

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Der Fall ging an Ostern um die Welt: In Bougainville im Osten des südpazifischen Inselstaates Papua-Neuguinea wurden zwei ältere Frauen der Hexerei beschuldigt, gefoltert und dann geköpft. Wie die lokale Zeitung «Post-Courier» schreibt, machten die Dorfbewohner sie für den Tod eines Lehrers verantwortlich, verschleppten sie und folterten sie drei Tage lang.

Hunderte fallen laut Expertenschätzungen jedes Jahr der Hexenjagd in Papua-Neuguinea zum Opfer. Zurückzuführen ist dieses Phänomen auf «Sanguma», den in dem Land weit verbreiteten Glauben an schwarze Magie und böse Geister. So werden Krankheiten und nicht erklärbare Todesfälle oft den vermeintlichen Hexen zugeschrieben.

Genaue Zahlen existieren nicht

Man macht sie etwa verantwortlich, wenn ein Verwandter oder Nachbar an Aids stirbt, eine nicht seltene Todesursache in dem Land, denn die Krankheitsrate ist mit 1,28 Prozent die höchste in der Asien-Pazifik Region. Die Beschuldigten werden dann von Verwandten der Verstorbenen gejagt und gefoltert, manchmal auch getötet. Vor allem Frauen, ältere Menschen und Kinder sind betroffen.

Immer wieder werden ähnliche Fälle bekannt – nicht nur in dem südpazifischen Land. Weltweit werden nach Einschätzungen von Experten Tausende Menschen der Hexerei bezichtigt und verfolgt. Eine Übersicht über die betroffenen Länder oder genaue Zahlen gibt es nicht, auch wenn man weiss, dass Hexenverfolgung vor allem in den Ländern Afrikas südlich der Sahara und in Teilen Asiens, etwa Indonesien oder Thailand, existiert.

Oft sind die Schwächeren einer Gemeinschaft betroffen

Jill Schnoebelen hat für die UNO einen Bericht über das Phänomen der Hexenverfolgung verfasst. Die Expertin erklärt darin, der Glaube an Hexenkunst sei nicht von sozialem Status oder Bildungsgrad abhängig. In allen Bevölkerungsschichten bringen vor allem soziale oder kulturelle Veränderungen die Menschen dazu, Mitglieder einer Gemeinschaft der Hexerei zu beschuldigen und zu verfolgen. So lasse sich auch kein exaktes Täterprofil erstellen.

Oft dienen Naturkatastrophen, Kriege oder persönliche Verluste als Auslöser, auch Neid und Angst können eine Rolle spielen. Lassen sich diese Phänomene dann nicht auf natürliche Weise erklären, suche man die Lösung im Übernatürlichen, schreibt die UNO-Expertin. Menschen, die zu den Schwächeren einer Gemeinschaft gehören, werden dann als vermeintliche Hexen vom Rest der Bevölkerung zur Verantwortung gezogen.

Als Hexenkinder verstossen

Tansania ist eines der Länder, in denen das Phänomen am häufigsten auftritt. Der UNO-Bericht spricht von etwa 1000 Fällen pro Jahr, wobei die Dunkelziffer laut Experten weit höher liegen dürfte. Vor allem ältere Frauen werden Opfer von Gewalt, die Tendenz ist trotz Anstrengungen seitens der Regierung steigend. Oft stiften Heilkundige die Bewohner dazu an, vermeintliche Hexen umzubringen, wie die tansanische Zeitung «Guardian» schreibt.

In Saudiarabien ist dies sogar gesetzlich verankert: 2007 wurde ein ägyptischer Apotheker hingerichtet, weil er durch Hexerei versucht haben soll, ein Ehepaar auseinanderzubringen, wie es in einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch heisst. 2011 allein sollen 73 Menschen aus ähnlichen Gründen zum Tode verurteilt worden sein. Schwarze Magie zählt in dem konservativen islamischen Land neben Mord oder Vergewaltigung zu den Kapitalverbrechen und wird mit Todesstrafe geahndet.

Vielerorts, vor allem im Kongo und in Nigeria, verbreitet sich seit den 90er-Jahren ein weiteres grausames Phänomen, das «bana bandoki». Die sogenannten Hexenkinder werden von ihren Eltern oder anderen Verwandten der Zauberei beschuldigt und verstossen. Für Jill Schnoebelen sind vor allem unerklärte Todesfälle sowie finanzieller Druck der Auslöser, wenn Eltern ihre Kinder fortjagen.

Mittels exorzistischer Rituale die «bösen Geister austreiben»

Im Kongo hatte aber auch der Bürgerkrieg seinen Teil beigetragen: Mit dem Auftreten von Kindersoldaten fühlte sich die Bevölkerung immer mehr von Kindern bedroht. Bei einem Unglück in der Familie seien dann die eigenen Kinder bestraft worden. In der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa sollen 25'000 sogenannter Hexenkinder auf der Strasse leben.

Nach Medienberichten beteiligen sich oft evangelistische Kirchen an der Hexenjagd. So haben einige Vertreter des afrikanischen Christentums es sich zur Aufgabe gemacht, Hexenkinder gegen Bezahlung ausfindig zu machen und ihnen mittels exorzistischer Rituale die «bösen Geister auszutreiben». Zwar stellt seit 2005 ein Gesetz die Anschuldigungen gegen die Kinder unter Strafe. Die Behörden schreiten bei Missbrauch zu Hause oder in der Kirche jedoch äussert selten ein.

Regierung will Abschaffung diskutieren

In den betroffenen Ländern wiederholt sich das gleiche Muster: Die Behörden sind oft überfordert oder machtlos gegen den Mob, der es sich zur Aufgabe macht, diejenigen zu bestrafen, die sie der schwarzen Magie beschuldigen. Nach dem neuesten Fall von Hexenjagd in Papua-Neuguinea etwa sagten die Polizeibeamten in Bougainville gegenüber den lokalen Medien, sie hätten nichts für die zwei Frauen tun können, wären sogar selbst bedroht worden.

In dem Inselstaat ruft neben Amnesty International inzwischen auch die UNO die Regierung auf, gegen die aufkeimende Gewalt an mutmasslichen Hexen vorzugehen (siehe Infobox). Sie fordern, das Zaubereigesetz von 1971 abzuschaffen und den Schutz der Betroffenen zu verbessern. Die Regierung Papua-Neuguineas hat inzwischen angekündigt, die Abschaffung des Gesetzes im Parlament zu diskutieren. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.04.2013, 17:07 Uhr

Papua-Neuguinea

UNO fordert Schutz von Wunderheilern

Nach einem weiteren Mord an einer vermeintlichen Hexe haben die Vereinten Nationen Papua-Neuguineas Regierung zum Einschreiten aufgerufen. Die Selbstjustiz müsse gestoppt und der Schutz der Menschen, denen Hexerei vorgeworfen werde, dringend verbessert werden, hiess es in einer UNO-Erklärung vom Freitag.

«Die Vereinten Nationen sind tief verstört über zunehmende Berichte von landesweiter Gewalt, Folter und Morden an Personen, denen Hexerei vorgeworfen wird». Diese Verbrechen dürften nicht ungestraft bleiben.

Über Ostern waren laut Medienberichten sechs vermeintliche Hexen mit glühenden Eisen als rituelle Opfer gequält worden, im März war eine Frau bei lebendigem Leibe verbrannt worden.

In dem nur schwach entwickelten Pazifikstaat Papua-Neuguinea ist der Glaube an Hexerei weit verbreitet.1971 erliess das Land, damals noch unter australischer Kolonialherrschaft, ein entsprechendes Gesetz, den sogenannten «Sorcery Act», der die Ausübung von Sanguma-Magie unter Strafe stellt.

Ursprünglich eingeführt, um die Tötung mutmasslicher Hexen zu verhindern, dient dieses Gesetz laut Experten immer häufiger als Grundlage für Hexenverfolgung. (ajk/AFP)

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