In der Nettigkeitsfalle

Frauen in Machtpositionen werden automatisch von allen doppelt taxiert. Sie dürfen alles sein, nur keine Frau.

Angela Merkel ist sachlich bis zur Selbstaufgabe. Ihr Dress-Code ist der Blazer. Ihr Triebschicksal ist totale Selbstkontrolle und Zurücknahme jeglicher Gefühlsäusserung.

Angela Merkel ist sachlich bis zur Selbstaufgabe. Ihr Dress-Code ist der Blazer. Ihr Triebschicksal ist totale Selbstkontrolle und Zurücknahme jeglicher Gefühlsäusserung. Bild: Keystone

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Heute ein paar Takte zum leidigen Thema Frauenquote. «Ich bin gegen Frauenquoten», sagt Sandra Lienhart, Chefin der Bank Cler. Für sie zählt nur die eigene Leistung. Das würde ich auch sagen, falls ich Chefin wäre. Das sage ich sogar als Kundin von Cler, weil ich von meiner Bank Leistung will. Als Kundin bin ich irgendwie gegen die Quote, als Frau irgendwie für die Quote. Die Frau im Geschäftsleben ist ein gespaltenes Wesen. Wie tief gespalten auch Sandra Lienhart ist, sieht man ihr unmittelbar an. Diese Chefin sieht aus wie ein Chef. Kurzhaar-Frisur, Brille, Hemdbluse und Hosenanzug. Wo, bitte, bleibt die Frau?

Natürlich ist Frau Lienhart eine Frau. Der Vorwurf mangelnder Weiblichkeit muss verletzend für sie sein. Das ist keine böse Absicht von mir. Es ist unser Blick. Frauen in Machtpositionen werden automatisch von allen doppelt taxiert. Erstens: Leisten sie genug? Zweitens: Wirken sie überhaupt noch wie eine Frau?

Mehr männlich, mehr weiblich?

Falls Frauen zu «männlich» auftreten, werden sie als Frau ignoriert. Falls Frauen zu «weiblich» auftreten, werden sie nicht für voll genommen. Beides ist verletzend. Was tun? Mehr männlich, mehr weiblich wirken wollen? Ich weiss es nicht. Angela Merkel zum Beispiel hat sich für den Typus Neutrum entschieden; Helmut Kohls «Mädchen» hat sich im Laufe der Jahre weder zur «Mutti» noch zum «Mannweib» entwickelt. Sie ist sachlich bis zur Selbstaufgabe. Ihr Dress-Code ist der Blazer. Ihr Triebschicksal ist totale Selbstkontrolle und Zurücknahme jeglicher Gefühlsäusserung. Gegen Frau Merkel ist Herr Trump ein Ausbund an Emotionalität. Er leistet sich als Mann Gefühlsausbrüche wie sonst nur Frauen daheim. Er hat die Macht. Er darf die Kanzlerin abkanzeln. Und sie schweigt. Diplomatie oder weibliches Defizit?

In von Männern geprägten Sphären sind Männer das Selbstverständliche und Frauen merkwürdige Zwitterwesen, irgendwo zwischendrin. Die Zwickmühle kostet Frauen, die nach oben wollen, viel Kraft, zusätzliche Kraft. Das fängt beim Kleiderschrank an und geht beim Konkur­renzverhalten erst richtig los. Dazu gibt es unzählige wissenschaftliche Studien.

Gute Vorschläge werden übergangen

Frauen, die ehrgeizig sind, werden oft als unsympathisch wahrgenommen (auch von Frauen). Frauen, die am Rednerpult laut werden, wirken schrill und hysterisch. Frauen, die einen guten Vorschlag machen, müssen davon ausgehen, dass ihr Vorschlag zunächst übergangen und erst dann angenommen wird, wenn ihn später ein Mann wiederholt. Frauen, die sich vorwagen, lächeln dabei, als müssten sie sich für etwas entschuldigen. Frauen lächeln sogar entschuldigend, wenn ihr Chef etwas Falsches tut. Frauen stecken in der Nettigkeitsfalle.

Im Zweifelsfall entscheidet sich eine Frau, die Chefin werden will, für Anpassung an die Männerwelt. Business-Uniform, Gefühlspanzer, Leistungsüberbereitschaft. Deshalb sind Chefinnen auch nicht automatisch die netteren Chefs. Sie müssen ihr Chefsein in einer Männergesellschaft doppelt beweisen. Sie dürfen alles sein, nur keine Frau.

Als Annemarie Renger, Grande Dame der SPD und lange Präsidentin des Deutschen Bundestags, ihr Leben als Spitzenpolitikerin zusammenfasste, sagte sie den für mich unvergesslichen Satz: «Ich war wie in einem fremden Land.»

Um das fremde Land schneller mit Frauen zu bevölkern, dazu ist die Frauenquote da – bei vergleichbarer Leistung, das ist in der Leistungsgesellschaft doch sowieso selbstverständlich. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.05.2018, 10:47 Uhr

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