Legalize it!

Neben Alkohol und Nikotin wirkt die grüne Heilpflanze harmlos. Die baldige Legalisierung von Cannabis ist deshalb nicht auszuschliessen.

Die Eigenverantwortung steht beim Cannabis-Konsum im Vordergrund. Von Erwachsenen sollte dieses erwartet werden dürfen.


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Vergangene Woche hat die FDP in Deutschland einen Tweet abgesetzt, in dem sie die Cannabis-Legalisierung forderte. Selbstverständlich hat das Empörungswellen ausgelöst, spürbar bis in die Schweiz, wo übrigens gerade im April die Unterschriftensammlung begonnen hat für die Initiative zur Cannabis-Legalisierung. Nun, liebe Leser, chillen Sie ein bisschen. Auch wenn es mir Kritik einbringt: Ich stimme dem legalen Kiffen zu.

Kiffen ist ein Tütchen Entspannung, ist maximal dummes Gelaber, gemütliches Beisammensein auch. Lachsalven, Fressattacken und ein Gang durchs Zeitlupenuniversum. Kiffen ist in der Gesellschaft nicht so stark verankert wie Alkohol- oder Nikotinkonsum. Die Männerriege vom Turnverein raucht nach dem Korbball keinen Joint – eher kippt man im nächsten Lokal ein Bier oder Glas Wein. In Deutschland kiffen circa vier Millionen Menschen, in der Schweiz hunderttausende. Es sind per Gesetz Kriminelle. Geniesser von Alkohol- und Nikotin, genauso schädliche Substanzen wie Cannabis, wenn nicht schädlicher, sind es nicht.

Gesellschaftliche Inkonsequenz

Wer Cannabis verbieten will, muss konsequenterweise auch Alkohol und Nikotin verbieten. Alle psychoaktiven Substanzen sind schlecht, ergo sollten sie und ihre genussfreudigen Abnehmer alle gleich behandelt werden. Nur ist es natürlich so, dass Wein- oder Bierliebhaber eher einen Leberknacks in Kauf nehmen als auf ihr Lieblingsgetränk zu verzichten und Raucher eher eine ramponierte Lunge. Sind wir realistisch: Ein Alkoholverbot würde niemals funktionieren. Nicht mal annähernd würde es auf Akzeptanz in der Gesellschaft stossen, das hat schon die Prohibition in Amerika gezeigt. Es wäre etwa so, als würde man den Menschen den Sex wegnehmen – nur für einige viel, viel schlimmer. Wenig überraschend an der Diskussion ist, dass vor allem jene gegen Hanf-Legalisierung sind, die selber nicht kiffen. Verbote zu fordern, die einen selbst nicht betreffen, ist ja so einfach.

Wie soll Cannabis legalisiert werden und für wen? Cannabis sollte staatlich kontrolliert und nur an Volljährige verkauft werden, flankiert von wirksamen Jugendschutzmassnahmen. Wie es die Befürworter vorschlagen, könnten die zusätzlichen Steuereinnahmen für Prävention, Suchtbehandlung oder die Sanierung der Altersvorsorge eingesetzt werden.

Eine kontrollierte Freigabe von Cannabis bedeutet nicht Verharmlosung.

Sie geben jetzt zu bedenken, dass mit der Legalisierung suggeriert wird, Drogenkonsum sei in Ordnung, und damit ein komplett falsches Zeichen an Kinder und Jugendliche ausgesendet würde? Eine kontrollierte Freigabe von Cannabis bedeutet nicht Verharmlosung. Es bleibt unsere Aufgabe, Drogen nicht zu bagatellisieren, aufzuklären, zu warnen. Legal heisst nicht, man kann tun was man will.

Geringfügige Risiken

Natürlich sind Drogen schädlich, Cannabis kann gefährlich sein, besonders für Jugendliche – darum sollte es auch nur für über 18-jährige freigegeben werden. Auf jeden Fall lebt es sich ohne Cannabis gesünder. Aber darum geht es nicht; nur weil etwas schädlich ist, kann man es nicht verbieten. In Grossbritannien zum Beispiel sterben jährlich rund 3000 Menschen an den Folgen von Aspirin, wie eine Studie der Oxford Universität ergab. Für viele Menschen ist das Medikament schädlich. Sollte man deswegen Aspirin verbieten?

Sie argumentieren mit der Gefahr von Psychosen? Ja, es ist bewiesen, dass Cannabiskonsum psychotische Störungen auszulösen vermag. Regelmässiger Konsum in hohen Mengen erhöht das Risiko. Der Prozentsatz der Menschen mit hanfinduzierten Psychosen ist aber klein – auch wenn Legalisierungs-Gegner nun plötzlich alle «jemanden in der Bekanntschaft kennen», der mal eine Psychose erlebt hat. Laut einer schwedischen Studie ist die Wahrscheinlichkeit zwar dreimal höher, dass Vielkonsumenten Schizophreniesymptome entwickeln als Abstinenzler, aber nur 1,4 Prozent der Cannabis-Konsumenten zeige überhaupt Anzeichen einer Störung im Vergleich zu 0,6 Prozent der Personen, die nach eigenen Angaben noch nie Cannabis konsumiert hatten.

Es gibt aber keine Beweise für einen erwähnenswerten Anstieg in Ländern mit liberaler Drogenpolitik.

Ausserdem besteht die Gefahr von Psychosen auch bei Alkoholkonsum, haben Sie das gewusst? «Eine substanzinduzierte Psychose ist eine psychotische Störung, die von einer psychotropen Substanz wie etwa Alkohol oder Cannabinoide ausgelöst wurde», heisst es bei Wikipedia.

Mit der freien Verfügbarkeit würde der Konsum steigen? Möglicherweise kurzfristig. Am Anfang entsteht ein kleiner Hype, auch weil der lästige Weg zum Dealer endlich wegfällt. Es gibt aber keine Beweise für einen erwähnenswerten Anstieg in Ländern mit liberaler Drogenpolitik. Der US-Bundesstaat Colorado führte die Cannabis-Legalisierung 2012 ein. Laut 20 Minuten zeigt ein Bericht der Drogen- und Kriminalitätsabteilung der UNO, dass der dortige Konsum von Mitte 2000er-Jahre bis 2014 von sechs Prozent auf acht gestiegen ist, der Anstieg könne aber Ursachen haben wie gesellschaftliche Normen, Zugänglichkeit oder Preisveränderungen.

Cannabis sei eine Einstiegsdroge? Sie kann es sein. Aber der Gang zum illegalen Dealer erleichtert den Einstieg zu härteren Drogen erst recht, weil einem dort, sei es am Rande des Stadtparks oder in einem dreckigen Hinterhof, gefährlichere Substanzen oftmals gleich mitangeboten werden. Ist es nicht besser, Cannabis dort zu kaufen, wo die Abgabe kontrolliert, die Qualität einwandfrei ist und keine dubiosen Gestalten unterwegs sind?

Eigenverantwortung im Vordergrund

Zu guter Letzt, Sie haben Angst vor bekifften und benebelten Autofahrern? Fürchten Sie sich auch vor betrunkenen Autofahrern? Zu einer Hanf-Legalisierung gehören natürlich genau wie beim Spiritus – nebst Regulierung und Altersbeschränkung – Regulationen im Strassenverkehr und kluge Testverfahren. Apropos: Sind Sie jemals einem aggressiven, pöbelnden Kiffer begegnet? Ich auch nicht. Meistens sind das relaxte Leute, die niemandem etwas zuleide tun. Aber wir alle hatten schon unsere negativen Erfahrungen mit Betrunkenen.

Kiffen ist ebenso wie Alkohol zum Kulturgut avanciert.

Stellen Sie sich einmal vor, heute wäre keine Substanz erlaubt und wir als Gesellschaft müssten darüber befinden, welche Substanzen legalisiert werden sollen. Ist es nicht so, dass wir nach gründlichem Abwägen aller Faktoren mit grosser Wahrscheinlichkeit Cannabis legalisieren würden – lange vor Nikotin und Alkohol? Und sollten Sie es noch nicht mitbekommen haben: Alkoholgenuss hat in unseren Breitengraden zwar eine längere Tradition, aber die Tüten haben aufgeholt, Kiffen ist ebenso zum Kulturgut avanciert. Die Gesellschaft wandelt sich, Gesetze und Regelungen sollten darum angepasst werden.

Wer kiffen will, der tut es sowieso. Wie so oft geht es darum, das richtige Mass zu finden, von Erwachsenen sollte man einen angemessenen Umgang mit dem Kraut erwarten können. Ich selbst kiffe übrigens nicht. Ich bin für Hanf-Legalisierung, weil mir Eigenverantwortung wichtig ist und eine freie Gesellschaft, in der Menschen selber entscheiden können. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.04.2018, 10:56 Uhr

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