Leben

Leihmutter für 25'000 Franken

Die Schweizerin Andrea Meier (Name geändert) hat eine Frau in Kalifornien dafür bezahlt, ihre Zwillinge auszutragen. Sie erzählt ihre Geschichte, um zu zeigen, dass Leihmutterschaft «etwas Schönes» sein kann.

15 Seiten umfasste der Vertrag, der den Ablauf der Leihmutterschaft und die Geburt der Zwillinge regelte. Bild: Rebecca Hudson (Alamy)

15 Seiten umfasste der Vertrag, der den Ablauf der Leihmutterschaft und die Geburt der Zwillinge regelte. Bild: Rebecca Hudson (Alamy)

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Aus Vertragspartnerinnen wurden Freundinnen. Die Frauen besuchen einander heute noch, telefonieren, schreiben Mails. Etwa 100'000 Franken haben Andrea Meier und ihr Mann investiert, um ihre Kinder mithilfe einer Leihmutter zur Welt zu bringen.

Andrea Meier heisst nicht Andrea Meier. Was sie getan hat, ist in der Schweiz verboten. Sie wolle zeigen, dass Leihmutterschaft «etwas Schönes» sein könne, sagt sie. Deshalb erzählt sie ihre Geschichte – unter dem Schutz der Anonymität – am Telefon.

Bundesverfassung verbietet Leihmutterschaft

«Baby frisch ab indischer Presse», «Das grosse Geschäft mit Leihbabys», «Japaner liess 16 Kinder mit Leihmüttern zeugen». Das Thema macht in der Schweiz immer wieder Schlagzeilen. Zuletzt, als zwei Schwule vom St. Galler Verwaltungsgericht als Väter eines Kindes anerkannt wurden, das eine kalifornische Leihmutter in ihrem Auftrag ausgetragen hatte.

Der Entscheid erregte Aufsehen. In der Bundesverfassung steht: «Alle Arten von Leihmutterschaft sind unzulässig.» Wie viele unfruchtbare Paare deshalb ein Kind im Ausland austragen lassen, weiss niemand. Laut einem Bundesratsbericht sind den Behörden etwa zehn Fälle bekannt, Experten gehen von Hunderten Paaren aus.

Im Reagenzglas gezeugt

Die neuen Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin bringen juristische Probleme mit sich. Nach Schweizer Recht ist die Mutter jene Frau, die das Kind geboren hat. Andrea Meiers Zwillinge wurden im Reagenzglas aus ihren eigenen Eizellen und dem Samen ihres Mannes gezeugt. Sie hat die beiden aber nicht zur Welt gebracht. «Es sind meine Kinder, ich bin ihre Mutter», sagt sie. Das ist ihr wichtig.

Andrea Meier erfuhr mit 17, dass sie keine Gebärmutter und nur eine Niere hat. Sie war zum Frauenarzt gegangen, weil ihre Periode noch nicht eingesetzt hatte. Er untersuchte sie und erklärte ihr, dass sie eine seltene Fehlbildung namens Mayer-Rokitansky-Küster-Hauser-Syndrom habe – und keine Kinder haben könne.

Michael Singer sagte ihr etwas anderes. Er ist Gynäkologe und hat sich auf Reproduktionsmedizin spezialisiert. Als Andrea Meier ihn – Jahre nach der Diagnose – aufsuchte, hatte sie bereits einen Plan.

Auch ihr Mann wollte Kinder

Sie konnte sich ein kinderloses Leben nicht vorstellen. Kurz nach der Diagnose dachte Andrea Meier schon über Adoption und Leihmutterschaft nach. Je älter sie wurde, desto mehr beschäftigte sie sich damit. Als sie ihren Mann kennen lernte, wurden die Überlegungen konkret. Sie hatte ihm nach ein paar Monaten Beziehung mit Angst vor seiner Reaktion von ihrer Diagnose erzählt. Er sagte das Richtige: «Ich mag dich so, wie du bist.» Auch er wollte Kinder. Andrea Meier informierte sich im Internet über die Möglichkeiten, druckte einen Stapel aus, gemeinsam arbeiteten sie sich in das Thema ein. Später verbrachten sie die Ferien in Kalifornien und besuchten verschiedene Leihmutteragenturen.

Gynäkologe Singer bestätigte sie in ihrem Vorhaben: «In einem solchen Fall halte ich eine Leihmutterschaft für absolut legitim», sagte er. Entscheidend sei, dass eine Frau eigene Eizellen habe, im gebärfähigen Alter sei und das Kind aus medizinischen Gründen nicht selbst austragen könne. In 20 Jahren als praktizierender Arzt habe er etwa fünf Fälle gehabt, bei denen er zu einer Leihmutterschaft geraten habe, sagt Singer. «Frau Meier fehlte nur ein Baustein, um ein Kind selbst auszutragen: die Gebärmutter.»

2 Milliarden Umsatz in Indien

Dieser Baustein lässt sich heute mieten. In Indien werden laut dem nationalen Industrieverband mit Leihmutterschaften jedes Jahr über 2 Milliarden Franken umgesetzt. Auch in der Ukraine, Georgien und 18 US-Bundesstaaten ist die Leihmutterschaft legal. Die Preise variieren: In Indien müssen Paare mit etwa 23 000 Franken rechnen, in der Ukraine mit 36 000 und in den USA mit 50 000 bis 120 000 Franken. Man spricht von «Reproduktionstourismus».

Andrea Meier zittern die Hände, als sie den Brief aus Kalifornien öffnet. Ein ganzes Jahr haben sie und ihr Mann nach ihrer Reise in die USA gebraucht, um sich für eine Leihmutteragentur zu entscheiden. Im Umschlag sind die Profile dreier Leihmütter «Es war sofort klar», sagt Andrea Meier. Amy ist Anfang 30. Sie hat liebliche Gesichtszüge, die Fotos zeigen sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern. Als Andrea Meier ihr Profil liest, denkt sie: «Das könnte auch meines sein.»

25 000 Franken Verdienst

Amy schreibt, sie wolle anderen dabei helfen, eine Familie zu gründen. Ihr Mann arbeitet als Elektriker, sie betreut als Tagesmutter einige Kinder bei sich zu Hause. Mit der Leihmutterschaft verdient sie etwa 25 000 Franken. Andrea Meier möchte eine Leihmutter, die aus Überzeugung handelt. Nicht, weil sie arm oder arbeitslos ist.

Vor dem ersten Anruf schreibt sie sich die englischen Begriffe für Eizelle und Gebärmutter raus. Die Nervosität verfliegt schnell, die Frauen sind sich sympathisch, reden ungezwungen. Andrea Meier ist froh – und ihrem Ziel ein Stück näher.

Drillingsschwangerschaft zulässig?

Per Telefon lernen sich die Ehepaare allmählich kennen, die Anwälte der Agentur arbeiten inzwischen die Verträge aus. Wird eine Drillingsschwangerschaft zugelassen? Darf die Leihmutter das Kind nach der Geburt sehen? Wird abgetrieben, wenn das Kind behindert ist? Amy und sie seien immer gleicher Meinung gewesen, sagt Andrea Meier.

Der Vertrag ist 15 Seiten lang. Nach der Unterzeichnung geht es schnell. Andrea Meier und Amy gleichen ihre Zyklen mit Hormonspritzen an, dann reisen Meiers wieder nach Kalifornien. Amy wohnt mit ihrer Familie in einem Einfamilienhaus mit Vorgarten. Beim ersten Treffen ist eine Psychologin der Agentur dabei, später gehen die Paare allein essen.

Andrea Meier wird in einer Klinik in Vollnarkose versetzt, die Ärzte entnehmen ihr Eizellen. Als sie Amy eingesetzt werden, sind Meiers dabei. Auch auf Amys Wunsch. Zurück in der Schweiz, kommt der Anruf des amerikanischen Arztes: Es hat nicht geklappt. Einen Monat müssen Andrea Meier und ihr Mann bis zum nächsten Versuch warten. Mit den entnommenen Eizellen haben sie noch zwei bis drei Versuche. Danach finge die Prozedur wieder von vorne an.

«Das System funktioniert gut»

Wie viele Eizellen ihr entnommen wurden, möchte Andrea Meier nicht sagen. In der Bundesverfassung steht: «Es dürfen nur so viele menschliche Eizellen ausserhalb des Körpers der Frau zu Embryonen entwickelt werden, als ihr sofort eingepflanzt werden können.» In Kalifornien sind die Gesetze weniger streng. Auch das Schweizer Gesetz soll gelockert werden. Der Bundesrat möchte, dass künftig so viele Eizellen entwickelt werden können, «als für die medizinisch unterstützte Fortpflanzung notwendig sind». Konkret wären das maximal acht Embryonen pro Zyklus, statt drei wie bisher.

Gynäkologe Singer befürwortet die geplante Liberalisierung der Präimplantationsdiagnostik. Die Leihmutterschaft möchte er aber nicht legalisieren. «Das System mit den amerikanischen Agenturen funktioniert gut», sagt er. Singer betont, dass In-vitro-Befruchtung und Leihmutterschaft zwei unterschiedliche Themen sind. «Ich fände es bedenklich, wenn die Bevölkerung den Eindruck bekommt, dass jetzt in der Fortpflanzungsmedizin alle Dämme brechen.»

Nach sieben Tagen klingelt das Telefon: «Check your mail!» Amy ist am Apparat, das Foto in der Inbox zeigt den Schwangerschaftstest. Die Freude ist riesig. Ein paar Tage später ist klar: Es sind Zwillinge. «Nur noch Glücksgefühle», sagt Andrea Meier. Täglich schreiben sich die beiden Frauen. Vier Monate später fliegen Meiers nach Kalifornien, wohnen in einem Hotel in Amys Nähe, besuchen sie zu Hause, begleiten sie zu den Untersuchungen. Keine Komplikationen. Als sie sich verabschieden, wissen sie bereits, wann sie sich wiedersehen.

Geburt in derselben Minute

Eine Woche vor dem Kaiserschnitt sind Meiers wieder in den USA. Am Morgen fahren die Ehepaare gemeinsam zum Spital, die Sonne scheint. Die Zwillinge kommen kurz nacheinander zur Welt, in derselben Minute. Meiers sind im Kreisssaal dabei. Sofort werden die Kinder Andrea Meier und ihrem Mann übergeben. Sie trennen die Nabelschnur durch, tragen die Zwillinge zur Untersuchungsstation. 
«Ich glaube, Amy war genauso glücklich wie wir», sagt Andrea Meier. Sie ist bei ihr, als sie aus der Narkose erwacht und gibt ihr die Kinder in den Arm. In der Nacht kümmern sich Meiers um die Zwillinge, Amy schläft in einem anderen Zimmer. Sie stillen die Kinder mit Amys abgepumpter Milch. Nach der Zeit im Spital sehen sich die beiden Familien täglich. Laut Vertrag hat Amy das Recht, die Kinder nach der Geburt mindestens zwei Stunden lang zu sehen. «Darüber haben wir gelacht.» Andrea Meier lässt die Zwillinge bei Amy, als sie etwas erledigen muss, gemeinsam gehen sie spazieren, Meiers besuchen die Schulaufführung von Amys Tochter. Nach neun Tagen fliegen sie mit den Zwillingen in die Schweiz zurück.

Ein halbes Jahr später kommt Amy zu Besuch. Meiers organisieren für sie ein grosses Fest, mit Freunden und Familie. Vier Jahre später besuchen sie Amy und ihre Familie in Kalifornien. Die Frauen haben ihren Kindern «altersgerecht» von Amys Rolle erzählt. Sie war seither nicht mehr Leihmutter. Für Meiers hätte sie es noch einmal getan, sagt Amy. Aber Andrea Meier und ihr Mann sind zu­frieden. Acht Ordner füllt das Thema Leihmutterschaft bei ihnen zu Hause, die Kinder gehen heute zur Schule.

Gemeinden mit dem Thema überfordert

Rechtlich ist der Status von Leihmutterkindern in der Schweiz problematisch. Anwälte sagen, die Gemeinden seien mit dem Thema überfordert. Diesen Sommer berichtete der «Blick» über die Familie Körner: Die Eltern hatten ein Kind von einer amerikanischen Leihmutter austragen lassen. Zurück in der Schweiz, schöpfte die Zivilstandsbehörde Verdacht, machte eine Gefährdungsmeldung und ernannte einen Vormund für das Kind. Familie Körner floh nach Amerika.

Andrea Meier und ihr Mann standen von Anfang an als Eltern auf der Geburtsurkunde, ihre Kinder haben den amerikanischen Pass. Bei der Einreise in Kloten gab es keine Probleme, Familie und Freunde holten sie am Flughafen ab. Zu Hause war das Kinderzimmer schon eingerichtet.

Für Frauen wie Andrea Meier gibt es Kissen aus Silikon, Babybauchattrappen. Sie hat so etwas nie benutzt. Ihrem Umfeld hat sie von der Leihmutterschaft erzählt, auch ihrem Chef. «Ich habe nichts Falsches getan», sagt sie. «Ich habe mir einfach Hilfe in den USA geholt.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.09.2014, 23:05 Uhr

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