«Männer sollten aufhören, ihre Frauen zu imitieren»

Wenn Väter mehr Verantwortung in der Familie übernehmen sollen, müssen Mütter lernen, loszulassen, schreibt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in ihrem neuen Buch.

Auch auf den Vätern lasten heute grosse Erwartungen, sagt Margrit Stamm. Foto: Plainpicture

Auch auf den Vätern lasten heute grosse Erwartungen, sagt Margrit Stamm. Foto: Plainpicture

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Frau Stamm, was ist eine gute Mutter?
In unserer Gesellschaft gilt eine Mutter dann als gut, wenn sie eine intensive Mutter ist, also ihre eigenen Bedürfnisse jenen des Kindes unterordnet. Und wenn sie ihr Kind fördert und erkennt, wo es spezielle Unterstützung braucht. Ob sie berufstätig ist oder nicht, ist zweitrangig.

Und was ist ein guter Vater?
Manchmal gilt ein Vater schon als gut, wenn er am Freitagnachmittag freinimmt und Windeln wechselt. Als «neuer Vater» gilt einer, der Vaterschaftsurlaub nimmt und mit seiner Partnerin Berufs- und Familienarbeit aufteilt. Aber: Ein guter Vater ist nicht nur in den ersten Monaten da, sondern langfristig ein verlässlicher Partner für sein Kind. Derzeit vergisst man das gerne.

Weshalb?
Wegen der Diskussion um den Vaterschaftsurlaub. Wir fokussieren zu stark aufs Vaterwerden und zu wenig aufs Vatersein. Die Qualität eines Vaters zeigt sich nicht nur in den ersten Monaten. Und wichtig scheint mir: Ein Mann kann auch ein guter Vater sein, wenn er Vollzeit arbeitet.

Unser gesellschaftliches Ideal ist ein anderes.
Die häusliche Verfügbarkeit des Vaters wird überbewertet. Es kommt darauf an, ob ein Vater die ganze Zeit am Handy hängt oder ob er sich für seine Kinder interessiert, sie spüren lässt, dass er für sie da ist. Wenn er sich am Wochenende oder an zwei Abenden in der Woche ganz auf seine Kinder konzentriert, kann er ein genauso guter Vater sein wie ein Teilzeitvater. Die geistige, emotionale Präsenz ist wichtiger als die stete physische Anwesenheit.

Dann heisst es rasch: Das sind Freizeitpapis, die nur die ­spassigen Aufgaben übernehmen.
Rund drei Viertel der Schweizer Väter sind Haupternährer. Die volle Lohntüte ist auch eine Art der Fürsorge. Oft füllen Männer die Steuererklärung aus, schliessen Versicherungen ab, bringen das Auto in die Reparatur. All diese Sicherheiten sind ein wichtiges Fundament für die Familie. Wir unterschätzen diese unsichtbaren Leistungen der Männer.

Diese Zeitung zitierte jüngst eine Studie, wonach Väter glücklich sind, wenn sie Vollzeit arbeiten. Auch Sie schreiben: Viele Männer sagen, sie wollen mehr Zeit mit der Familie verbringen, tun es aber nicht.
Männer stehen unter einem riesigen gesellschaftlichen Druck, dem zu entsprechen, was als guter Vater gilt. Deshalb – so meine Annahme – sind ihre Aussagen in vielen Studien gesellschaftskonform und entsprechen weniger dem, was sie wirklich denken. Ausserdem wurden viele der Männer um die 40 so sozialisiert, dass sie die Rolle als Ernährer verinnerlicht haben. Aber wir müssen hier auch die Frauen in die Pflicht nehmen: Zwar sind viele sehr eigenständig und selbstbewusst. Doch nicht wenige erwarten vom Mann immer noch, dass er den Grossteil des Geldes nach Hause bringt. Das widerspiegelt sich in der Berufswahl: So viele Frauen wählen geschlechtstypische Berufe wie Coiffeuse, Kosmetikerin oder Floristin, die schlecht bezahlt sind und in die finanzielle Abhängigkeit führen können.

Laut Ihrer Studie sind 20 ­Prozent der Frauen ­«Türstehermütter», die ihren Partnern keine Verantwortung übertragen und ihnen etwa eine Liste machen, wenn sie mal mit der Freundin ins Kino gehen.
Solche Frauen behandeln ihre Männer wie einen Juniorpartner. Es wäre jedoch falsch, sie einfach als Glucken zu bezeichnen. Eine Gluckenmutter – ich war selbst eine – behütet ihre Kinder im Übermass, lässt aber den Mann als ebenbürtigen Partner zu. Eine Türstehermutter hingegen ist vielleicht gar nicht unglücklich, wenn der Mann zu Hause nicht so viel mitmischt – und sie selber unentbehrlich wird. Solche Mütter – oft bildungsaffine und wenig selbstsichere Frauen – sind überzeugt, als weibliche Wesen von Natur aus fürsorglicher und besser geeignet zu sein, für die Kinder zu sorgen. Die Forschung stützt solche Überzeugungen jedoch nicht. Männer sollten aufhören, ihre Frauen zu imitieren. Ihre oft robustere, wettbewerbsorientierte Art ist wertvoll für das Kind.

Margrit Stamm. Foto: PD

Könnte zum Beispiel ein ­Vaterschaftsurlaub dem sogenannten «Maternal ­Gatekeeping» entgegenwirken?
Ich denke schon. International betrachtet, ist es unverständlich, dass wir überhaupt über einen Vaterschaftsurlaub diskutieren müssen. Erfahrungen aus Deutschland zeigen: Kann der Vater eine Zeitlang mit dem Kind zu Hause sein, entsteht eine Verbundenheit und eine väterliche Selbstsicherheit, die dem Gatekeeping entgegenwirkt. Und die Mutter lässt auch eher zu, dass der Vater das Kind vielleicht nicht so füttert, wie sie das tun würde.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die mediale Inszenierung von Super-Daddys und betonen, dass auch Väter nicht alles unter einen Hut bringen. ­Einverstanden – nur haben Mütter die gleichen Probleme.
Klar. Ich fokussiere bewusst und auch ein bisschen provokativ auf die Männer. Die weibliche ­Perspektive ist zu dominant und muss ein Gegengewicht bekommen. Frauen sind nicht a priori die überlasteten Opfer. Viele übernehmen diese Rolle absolut freiwillig und ohne zu überlegen, was das für ihre Zukunft bedeutet. Etwa – was zwar bewundernswert ist – wenn sie sich nach dem ersten Kind aus dem Berufsleben zurückziehen und ihre Selbstständigkeit aufgeben. Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft mehr darüber diskutiert, dass Frauen sich nicht nur als Opfer sehen sollen.

Zudem ist die Diskussion elitär: Was ist mit Alleinerziehenden oder Familien, in denen beide arbeiten müssen?
Stimmt, mein Buch dreht sich um Mittelstandsfamilien. Ein Drittel der Gesellschaft oder mehr hat ganz andere Sorgen. Viele Eltern fragen sich einfach, ob am Ende des Monats genug Geld da ist. Eine andere wichtige Frage wäre auch: Was bedeutet Vaterschaft, wenn die Beziehung auseinandergeht? Jedes Mal, wenn ich etwas darüber schreibe, bekomme ich seitenlange Briefe von getrennten Vätern, die mir schildern, wie sie darunter leiden, dass sie ihre Kinder wenig sehen.

Sie selber steckten zugunsten Ihres Mannes zurück: Solange die Kinder klein waren, waren Sie Vollzeit-Hausfrau, später begannen Sie ein Studium. Würden Sie wieder so handeln?
Eine gute Frage, die ich oft mit meinem Mann diskutiere. Ich hatte damals grosse Ängste um meine berufliche Zukunft. Mein Mann, der Arzt ist, versprach mir: «Wenn meine Praxis läuft, bist du dran.» Viele Frauen werden auf später vertröstet. Nur ist ungewiss, ob die Partnerschaft hält. Von daher kann ich dieses Modell kaum empfehlen – ausser die Frauen drängen darauf, mit dem Partner eine vertragliche Absicherung zu schliessen.

Ihr Mann hielt Wort: Als die Kinder in die Schule kamen und er seine Praxis aufgebaut hatte, reduzierte er sein Pensum und finanzierte eine Kinderfrau, damit Sie studieren konnten.
Ich war damals 35 und wurde dafür von den anderen Frauen im Quartier scharf kritisiert. Man hätte es lieber gesehen, wenn ich für meinen Mann die Buchhaltung gemacht oder als Praxisassistentin gearbeitet hätte. Aber Studieren? Das war ungewöhnlich. Man hatte Erbarmen mit meinem Mann, wenn er am Mittag mit einem Pariserbrot und ein paar Wienerli unter dem Arm nach Hause hetzte, um den Kindern Zmittag zu machen. Ich würde heute, wenn es um die berufliche Selbstverwirklichung geht, möglicherweise früher Druck machen. Allerdings hätte dann unsere Beziehung vielleicht nicht gehalten – und an der liegt mir viel. Doch mein Mann war schon damals fortschrittlich und übernahm während meines Studiums auch Hausarbeit. Und er hat es ertragen, dass ich ihn überholt habe. Erst war er Dr. Stamm und ich die Frau des Doktors. Heute bin ich Professorin.

Margrit Stamm: Neue Väterbrauchen neue Mütter – Warum Familie nur gemeinsam gelingt. Erscheint am 1. August im Piper-Verlag. 320 S., ca. 28 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.07.2018, 23:16 Uhr

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