Kommentar

Masseneinwanderung in die Ehe

Die Ehe soll laut einem Gutachten, das Bundesrätin Sommaruga erstellen liess, überdacht werden. Manchmal ist dieses Land so wie ein Ehepartner – man versteht ihn trotz vieler gemeinsamer Jahre ­einfach nicht. Ein Kommentar.

Das furchtbare an diesem Gutachten-Versuch ist, dass es die altbekannte Ehe abschaffen will, um neue Ehen zu stiften, die dann aber nicht mehr Ehe heissen, findet Michael Bahnerth.

Das furchtbare an diesem Gutachten-Versuch ist, dass es die altbekannte Ehe abschaffen will, um neue Ehen zu stiften, die dann aber nicht mehr Ehe heissen, findet Michael Bahnerth. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Weil es seit dem Rütlischwur in der Schweiz erstmals mehr Ledige als Verheiratete gibt, überlegt sich Frau Simonetta Sommaruga – als Vorsteherin des EJPD auch oberste Ehe-Wächterin –, der offenbar unpopulär gewordenen Institution zwischen Mann und Frau ihre Sonderstellung im Familienrecht abzuerkennen. Das Familienrecht soll sich an die neue gesellschaftliche Realität anpassen. Um herauszufinden, wie die so ist, hat Frau Sommaruga (verheiratet) ein Gutachten erstellen lassen, in dem die Basler Privatrechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer ihr Bild von den neuen Realitäten im Geschlechterkosmos skizzieren darf.

Ganz abgesehen davon, dass bei der Generation der heute 18- bis 28-Jährigen die Ehe wieder «cool» ist, was zugegebenermassen daran liegen könnte, dass diese «Maybe-Y-Norecore-Generation» noch zu wenig lange verheiratet ist, um die Segnungen einer Scheidung zu begreifen – abgesehen davon liegt der Schluss nahe, dass Frau Schwenzer im Fahrwasser der sozial-philosophischen Gedankenströmung des «Anything goes» Ende der 1970er-Jahre hängen geblieben ist und Frau Sommaruga und ihre Berater als hochrangige Chefbeamte losgelöst vom Realitätsfluss einer Gesellschaft das nicht bemerkten.

Diskussion über polygame Gemeinschaften

Um die Ehe gesellschaftsfit zu machen, soll sie ausgebaut werden: Homosexuelle sollen heiraten dürfen, was ja noch okay ist. Weiter aber sei das Inzestverbot (Geschlechtsverkehr zwischen eng verwandten Menschen) sowie das Verbot «polygamer Ehen (verheiratet mit mehreren) zu «hinterfragen». Im Gutachten heisst es: «Die Zunahme der Zahl an Mitbürgerinnen und Mitbürgern islamischen Glaubens wird in der Zukunft auch die Diskussion über polygame Gemeinschaften erfordern.» Vielleicht müsste man dann im Zuge dieser Diskussion sich überlegen, ob das heiratsfähige Alter nicht gleich von 18 auf zwölf Jahre heruntergesetzt wird.

Warum, wenn dann schon die Mutter mit dem Sohn, der Vater mit der Tochter und jeder so viele heiraten darf, wie er möchte, warum denn auch nicht gleich Lebenspartnerschaften mit Haustieren ins Familienrecht aufnehmen und ihnen die Rechte und Pflichten einer Ehe zubilligen? Und wenn Mütter ihre Söhne heiraten, wie stehts dann mit dem Vollzug der Ehe?

Bloss Inhalt eines Gutachtens

Natürlich, das ist alles nur Inhalt eines Gutachtens, und Frau Professorin wird ja mal laut denken dürfen und das dann aufschreiben und Frau Sommaruga schicken. Im Juni wird Frau Sommaruga mit Fachleuten darüber diskutieren, was so gedacht worden ist, und bis Ende Jahr will sie dem Bundesrat ihre Vorschläge unterbreiten. Nebst dem Freibrief für Eigenfleischgebrauch sowie Vielweiber- und -männerei schlägt das Gutachten einen Transfer der Ehe hin zu einer «Lebensgemeinschaft» vor, obwohl sie das ja schon immer war. Es geht darum, dass «Lebensgemeinschaft» eher in der Lage sei, «die Pluralität der familialen Beziehungen abzubilden».

Eine «Lebensgemeinschaft» wäre gegeben, wenn ein Paar seit mehr als drei Jahren zusammen ist und entweder gemeinsamen Nachwuchs hat oder wenn einer der beiden oder beide erhebliche Beiträge für die Gemeinschaft erbracht haben. Nur: Wie sollen Schwule Nachwuchs zeugen? Wollen wir, dass, bei voller Inzestfreizügigkeit, Kinder Kinder von ihren Eltern kriegen und umgekehrt, also Eltern Kinder von ihren Kindern? Was sind «erhebliche Beiträge für die Gemeinschaft»? Der eine kauft ein Sofa, der andere eine Garnitur Fischbesteck, und zusammen kaufen sie ein Auto?

Der Staat wie ein Ehepartner

Das furchtbare an diesem Gutachten-Versuch ist, dass es die altbekannte Ehe abschaffen will, um neue Ehen zu stiften, die dann aber nicht mehr Ehe heissen. Manchmal ist dieses Land so wie ein Ehepartner – man versteht ihn trotz vieler gemeinsamer Jahre ­einfach nicht.

Ich persönlich übrigens mag die Ehe. Der Gedanke, dass zwei Menschen gemeinsam durchs Leben gehen und teilen, und zwar in guten wie in schlechten Zeiten, ist vom romantischen Potenzial her nicht zu überbieten. Man lernt sich kennen, verliebt sich, liebt sich und dann muss man ja irgendwie in einen Hafen kommen, emotional und rechtlich, das ist in Ordnung. Ich schätze die Ehe als unabdingbare Keimzelle für einen Staatsorganismus, als vielleicht letztes Element, das noch den Kitt hat, den Laden zusammenzuhalten. Vielleicht liegt das daran, dass ich noch nie verheiratet war, mag sein. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.04.2014, 11:24 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kampf um die Ehe ist eröffnet

Analyse Wertedebatte: Schlagworte wie «Polygamie» gefährden die dringend nötigen Anpassungen des Familienrechts. Mehr...

«Es gibt keine Alternative zur Ehe»

Ein Gutachten für den Bund empfiehlt, die Ehe abzuwerten und dafür eine neue Institution zu schaffen. Was Familienpolitiker zum radikalen Papier sagen. Mehr...

Die Revolution der Ehe

Der Bund hat ein Gutachten für ein neues Familienrecht erstellen lassen. Es enthält einige radikale Ideen zu Themen wie Polygamie und Inzest. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...