Mehr Patriotismus, bitte!

Nationalismus ist nicht so harmlos, wie uns seine neuen Propagandisten weismachen wollen.

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Donald Trump ist ein Nationalist: Das hat er selber im Wahlkampfgetümmel vor den Midterms voller Stolz verkündet. In den USA führte dies vor allem darum zu Aufregung, weil man beim Wort «nationalist» das Beiwort «white» immer schon dazudenkt. Aber auch ohne die amerikanische Rassismusgeschichte erschreckt die neue Nobilitierung des Nationalismus, wie man sie just auch in Warschau beim Unabhängigkeitsmarsch sehen konnte. Und überzeugte Europäer versuchen darum irgendwie, die brodelnden Identitäts- und Selbstermächtigungswünsche der Bevölkerung aufzufangen, ohne in die Nationalismusfalle zu tappen.

Da generiert die grenzüberschreitende liberale Kulturgemeinschaft Utopien: Der österreichische Autor Robert Menasse und die deutsche Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot riefen kürzlich eine «Europäische Republik» aus; ihr Manifest wurde in 25 Ländern und 30 Sprachen verlesen. Die Nationalstaaten seien gescheitert, heisst es dort, man wolle eine Stärkung des europäischen Parlaments und der Bürger, die überall die gleichen Rechte haben sollten. «An die Stelle der Souveränität der Staaten tritt die Souveränität der Bürger.»

Die Politik wiederum will mit geschmeidiger Begriffsjonglage warme Heimatgefühle schaffen und sich zugleich abgrenzen von nationalistischem Gebrüll. So watschte der französische Staatspräsident Emmanuel Macron an der Gedenkfeier zum Ende des Ersten Weltkriegs Trumps «Nationalismus»-Credo ab und hielt doch die Idee der «patrie», des Vaterlands, hoch. Seit damals sei Frankreich, als Hort universeller Werte, das Gegenteil eines egoistischen Volks, das nur eigene Interessen vertrete. Und er pointierte: «Der Patriotismus ist das genaue Gegenteil vom Nationalismus. Der Nationalismus ist sein Verrat.» Wer sage «unsere Interessen zuerst, die anderen sind nicht wichtig», radiere aus, was das Wertvollste einer Nation sei, was sie leben lasse: ihre moralischen Werte.

Patriotismus sei defensiv, Nationalismus hingegen machtgierig und aggressiv.


Auch in der Brexit-Debatte berufen sich EU-Befürworter auf einen Patriotismus, der eben nicht das Gleiche sei wie dummer, ruinöser Nationalismus. Diesen Vergleich – man muss ihn geradezu als rhetorischen Rettungsanker angesichts des Aufbrandens rechter Fanatismen ansehen – formulierte ein berühmter Brite nach dem Zweiten Weltkrieg. George Orwell kritisierte in «Notes on Nationalism» (1945) Nationalismus jeder Couleur, inklusive Zionismus, Antisemitismus, Rassismus, Kommunismus. Patriotismus dagegen sei etwas ganz anderes.

Typisch für jeden Nationalismus seien Obsession und Gleichgültigkeit gegenüber der Realität. Fakten spielten keine Rolle, krasse Lügen würden im Brustton der Überzeugung vorgetragen, alle Energien ins Überhöhen oder Niedermachen gesteckt. Die gleiche Tat – bis hin zu Folter und Mord – werde, je nach Täter, mit völlig anderen Ellen gemessen. Die Interessen des eigenen Blocks gingen stets vor. «Nationalismus darf keinesfalls mit Patriotismus verwechselt werden», betont Orwell hier. Die Begriffe würden oft so vage verwendet, das sie ineinanderflössen. Aber «Patriotismus ist Treue zu einem bestimmten Ort, einer bestimmten Lebensart, die man für die beste der Welt hält, aber nicht anderen aufzwingen möchte.» Patriotismus sei defensiv, Nationalismus hingegen machtgierig und aggressiv.

Patrioten fürchten das andere nicht; ebenso wenig wie es Sinn macht, sich als Heterosexueller durch die Homo-Ehe bedroht zu fühlen.


Man könnte Orwells Patriotismus als ein Verwurzeltsein beschreiben, wo Bäumchen friedlich neben Bäumchen steht – im Unterschied zum Wildwucher eines Nationalismus, der jede andere Lebensform ersticken will, zumindest in den Grenzen seiner Nation. Patrioten fürchten das andere nicht; ebenso wenig wie es Sinn macht, sich als Heterosexueller durch die Homo-Ehe bedroht zu fühlen. Und dieses Verwurzeltsein, dieses Stehenlassen des anderen, dieses – heute so sehr ersehnte – Sich-heimisch-Fühlen passt zum Universalismus Macrons; zu den Menschenrechten.

Es führt zu jenem ethischen, werteorientierten Staatsverständnis, das ein wenig aus der Mode ist, aber die Diskussion um Deutschland und Europa nach 1945 entscheidend prägte: zum Verfassungspatriotismus. Es darf gern auch ein Bundesverfassungspatriotismus sein.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.11.2018, 22:42 Uhr

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