Mein Leben als globale Nomadin

Die Schweiz diskutiert über die doppelte Staatsbürgerschaft. Wie ist das, keine eindeutige Heimat zu haben?

Wo gehöre ich wirklich hin? Ich weiss es nicht. Aber bis ich dort ankomme, bin ich im Flugzeug gut aufgehoben.

Wo gehöre ich wirklich hin? Ich weiss es nicht. Aber bis ich dort ankomme, bin ich im Flugzeug gut aufgehoben. Bild: Keystone

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Es regnete heftig. «Cats and dogs», wie die Engländer sagen. Ich war unterwegs in York, in der Stadt, in der ich studierte. Im Herbst letzten Jahres. Zum Schutz gegen den Regen hatte ich mir ein Tuch über den Kopf gestülpt. Als ich eine Strasse überqueren wollte, raste plötzlich ein Auto auf mich zu. Der Fahrer nahm mich regelrecht ins Visier. Ich wich zurück. Mit quietschenden Reifen bremste er knapp vor mir, durch die geöffnete Scheibe schrie er mich an: «Muslim go home!»

Ich bin blond. Das war, mit meinen langen Haaren, selbst unter dem Kopftuch noch deutlich zu erkennen. Ein einziges Zeichen reichte dem Fahrer, um blitzschnell seine Gleichung aufzumachen: Kopftuch = Muslim = Feind. Zwei Wochen zuvor hatte mich eine Frau in einem Supermarkt angeschrien, weil ich auf Deutsch telefonierte. «Das dürfen Sie jetzt nicht mehr», blaffte sie.

Szene aus England nach dem Brexit. Seither gingen mich immer öfter irgendwelche Leute an, die meinten, mir auf drastische Weise zeigen zu müssen: Du gehörst hier nicht hin. Das sind nicht nur meine Erfahrungen. Die liberale englische Presse berichtet über ähnliche Vorfälle.

Third Culture Kid

Wo gehöre ich wirklich hin? Die Frage stelle ich mir immer öfter. Ich bin ein TCK, wie Sozialwissenschaftler es neuerdings nennen, ein «Third Culture Kid» (zu Deutsch: das Kind einer dritten Kultur). Oder eine «globale Nomadin», wie wir TCK auch bezeichnet werden. Der Begriff bezieht sich auf Menschen, die in verschiedenen Kulturen aufgewachsen sind und somit eine vielfältige Prägung erfahren haben.

Geboren bin ich in den USA, um die Ecke von Washington, D. C. Dort ging ich in den Kindergarten. Später besuchte ich in Wien eine Internationale Schule. Meine Freunde dort kamen aus den USA, China, Schweden, Australien, Brasilien. Alle TCKs. Unsere gemeinsame Sprache: Englisch.

Mein Vater ist ein «Piefke», so nennen die Österreicher die Deutschen. Erkannt werden sie an der Aussprache. Ich wuchs zweisprachig auf. Mein Deutsch allerdings war «Piefke»-Deutsch, obwohl meine Mutter Österreicherin ist. Kontakt zu Österreichern zu bekommen, war nicht leicht. An unserer Schule gab es zwar eine ganze Reihe österreichischer Schüler, aber die sonderten sich meist von den anderen ab. Sie wollten auf merkwürdige Weise lokal bleiben.

Meine Erziehung gilt als ungewöhnlich. Ich bin in eine kulturgemischte Umgebung hineingeboren und nochmals in einer anderen aufgewachsen. Schon die Frage: «Aus welchem Land kommst du?», bringt mich ins Schwitzen. Ich frage zurück: «Meinen Sie, wo ich geboren bin? Oder welche Staatsbürgerschaft ich habe?» (Es sind drei.) «Wo ich lebe? Wo meine Familie lebt? Wo ich mich zu Hause fühle?»

Zu Hause ist bei meinen Eltern. Und irgendwie auch nicht. Zu Hause ist kein fester Ort.

Die Frage des eigenen Ursprungs und der eigenen Identität sind für TCKs um einiges komplexer als für Menschen mit fester Kulturzugehörigkeit und einer bestimmten Heimat, in der sie aufgewachsen sind. Als Kind war ich zwar mit meiner Schulwelt und der Familienwelt vertraut, aber mir sind Elemente beider Welten immer fremd geblieben. Ich habe in keiner vollständig gelebt, nur immer zwischen ihnen gependelt. Mit österreichischer Kultur habe ich mich nie identifiziert. Ausserdem bin in dieser Welt immer aufgefallen, durch mein «Piefke»-Deutsch oder durch mein «Ami-Englisch».

An Kirchweihen trage ich Dirndl. Aber sonst?

Meine Mannschaft

Fussball-Fan bin ich. Ich fiebere mit der deutschen Nationalmannschaft. Da scheint es doch einen väterlichen Einfluss zu geben. Aber ich singe nicht die Hymne. Patriotin bin ich nicht, weil ich kein richtiges Heimatland habe. Wem gegenüber sollte ich besonders loyal sein? Menschenrechte und Respekt sind mir wichtiger als nationale Zugehörigkeit.

Im Fussballstadion falle ich nicht auf, solange ich nicht den Mund aufmache. Für die Deutschen klinge ich Wienerisch. Österreicher finden sie nett und lustig, aber sie nehmen sie oft nicht richtig ernst. Ich bin (zu einem Teil) Amerikanerin. Muss ich mich für Trump rechtfertigen? Den Eindruck habe ich manchmal, weil so leicht mit negativen Stereotypen generalisiert wird. Mich trifft das.

Zugehörigkeit ist ein Wort, das ich als TCK nur schwer in Anspruch nehmen kann. Neben dem Spagat zwischen zwei Sprachen musste ich einen weiteren leisten: den der kulturellen Diversität. Zusätzlich wurde ich in meinem Lebenslauf ständig mit unterschiedlichen Weltanschauungen konfrontiert. Dadurch baute ich eine Beziehung zu beiden Kulturen auf, ohne eine davon völlig für mich in Besitz zu nehmen. Als TCK fühle ich mich fremd in zwei vertrauten Welten – und zu Hause in zwei fremden Welten.

An den meisten Orten, wo ich bin, gelte ich als «Ausländerin». Immer öfter weniger als mehr geduldet. Jedenfalls oft nicht willkommen geheissen. Abgrenzungen und Ausgrenzenden nehmen anscheinend zu. Aber es gibt eine Gegentendenz dazu, ebenso gefördert durch die Globalisierung. Die einen erleben sie als Bedrohung, die anderen als Chance. So begegnen sich TCKs überall dort, wo Gemeinschaften international sind und sie es schätzen, dass es genau so ist. Internationalität als persönliche Bereicherung.

Dennoch bestehen einige Hürden für TCKs. Einen zweiten oder dritten Pass zu beantragen, ist zum Beispiel ein kompliziertes Verfahren. Nicht alle Länder akzeptieren die mehrfache Staatsbürgerschaft. Manchmal, wenn man Glück hat, drücken die Angestellten bei der Botschaft ein Auge zu und tun einfach so, als würden sie nicht mitkriegen, dass man im Besitz mehrerer Pässe ist. Aber auch das kann nicht auf ewig gut gehen. Also muss man sich entscheiden: Bringt eine bestimmte Staatsangehörigkeiten politische Vorteile? Identifiziert man sich mit einem Land eher als mit dem anderen? Und was ist wichtiger: das Emotionale oder das Politische?

Einmal um die ganze Welt

Meine Schulfreunde leben verstreut um die Welt. Übrigens auch meine Geschwister: in Los Angeles, San Francisco, London und Buenos Aires. Untereinander reden wir Englisch. Meinen Eltern, die darauf bestanden, dass wir zu Hause Deutsch sprachen, habe ich als kleines Mädchen erklärt, dass man die Sprache doch gar nicht brauche. Heute bedauere ich, dass ich damals so stur gewesen bin. Es würde mir leichter fallen, diesen Text zu schreiben.

Jetzt lebe ich in der Schweiz, sozusagen als Gastarbeiterin. Ich werde überall freundlich aufgenommen, die Schweizer machen es mir leicht. Sind sie besonders weltoffen? Meine Kollegen auf der Redaktion sagen mir, dass derzeit diskutiert werde, ob Bundesräte mehrere Staatsbürgerschaften haben dürfen. Selbst hatte ich die Situation nicht wirklich als heikel eingeschätzt. Die Schweiz war oft Zuflucht für viele, die in ihrer Heimat nicht mehr geduldet waren. Einwohner mit zwei Pässen sind hier nicht ungewöhnlich. Man muss nur die Multikulti-Truppe der Fussball-Nationalmannschaft anschauen. Sie gefällt mir übrigens gut.

Ich bin immer gerne gereist. Neue Orte, neue Länder, andere Kulturen kennenzulernen, finde ich spannend. Dabei bleibt die Frage: Wo gehöre ich wirklich hin? Eine richtige Antwort habe ich nicht. Aber wie der echte Wiener sagen würde: Es ist mir eigentlich auch Wurscht. (Basler Zeitung)

Erstellt: 11.09.2017, 10:10 Uhr

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