Miss Schweiz: Verfall einer Boulevardfigur

Die Figur der Miss Schweiz, die liebe, schöne, putzige junge Schweizerin, wurde geschaffen, weil das Land zu wenig Prominente und Autounfälle hat.

Die Realität: Ex-Missen Toyloy (links) und Rigozzi küssen Fabian Cancellara an der Tour de Suisse 2010.

Die Realität: Ex-Missen Toyloy (links) und Rigozzi küssen Fabian Cancellara an der Tour de Suisse 2010.

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Selten gewinnt die Schönste, selten die Anregendste. Denn bei der Wahl der Miss Schweiz spielen auch das Volk und vor allem die Frauen mit. Ein Vamp wie Xenia Tchoumitcheva beispielsweise kann nur Zweite werden, denn all die votenden Mütter wollen sich Xenia nicht als Schwiegertochter vorstellen und die jüngeren Frauen nicht als Rivalin. Sie soll hübsch sein, ja, aber vor allem nicht zu sexy. Deshalb ist die Miss Schweiz oft eine Miss Bieder, Miss Köpfchen und Miss innere Werte, was zuweilen auf Kosten des Äusseren geht, eine Miss Kompromiss sowieso.

Eine Miss Schweiz, so die Meinung der Sendung «Glanz & Gloria», soll das Matterhorn erkennen, wenn man ihr ein Bild vorlegt und auch den Bundespräsidenten. Sonst kann es leicht geschehen, dass sie als potenzielle Miss Halbschlau vom Boulevard abgestraft wird. Denn die Miss Schweiz, so der Anspruch, soll das Land repräsentieren.

Schönheitswettbewerbe werden überall ausgetragen, aber kaum ein Land veranstaltet ein solches Brimborium um ihre Miss wie die Schweiz. Woran das liegt? Die Schweiz ist für den Boulevard karg und unergiebig: Das Land ist klein, Stars gibt es nur wenige, und von diesen wenigen leben viele noch beherrschter als ihre unbekannten Mitbürger.

Die Miss Schweiz ist eine Schöpfung des Boulevards aus Mangel und Verlegenheit. Die Figur, die liebe, schöne, putzige junge Schweizerin, wurde geschaffen, weil das Land zu wenig Prominente und Autounfälle hat.

Niemand braucht die Miss Schweiz denn auch so sehr wie der Blick und die Schweizer Illustrierte (SI). Lange konnte das Medienhaus Ringier die Schweizer von der Bedeutung ihrer Miss überzeugen, vor allem solange das Schweizer Fernsehen die Show noch übertragen und die Wirkung der Miss verstärkt hatte. 2011 stieg das Fernsehen SRF aber aus. Innert zehn Jahren hatte sich die Einschaltquote halbiert. Und wie der traditionelle Boulevard allmählich verserbelt, verserbeln nun auch die Missen in der Bedeutungslosigkeit. Der Boulevard hat sich globalisiert: Längst befassen sich viele Schweizer lieber mit internationalen Schönheiten als mit einer Dominique Rinderknecht.

Der ewige Prinzessinnen-Traum

Geradezu rührend ist, wie altmodisch und anachronistisch der Wettbewerb geblieben ist. Zugelassen sind nur unverheiratete, kinderlose Frauen zwischen 17 und 25 Jahren. Ein Hauch von Jungfräulichkeit weht durch die verstaubten Reglemente, was Feministinnen natürlich unglaublich auf die Nerven geht, wie sie überhaupt empört sind über die unwürdige Zurschaustellung der Frau in dieser aufgeklärten Zeit.

Die SI fragte die neue Miss Schweiz: «Träumten Sie davon, Prinzessin zu werden?» «Jedes Mädchen tut das. Aber dass es nun Realität wird, ist schon komisch.» Wer das sagt, ist die Medizinstudentin Laetitia Guarino.

Der Prinzessinnen-Traum ist noch lange nicht ausgeträumt, vielleicht wird er bei Frauen gar umso dringlicher, je weniger sie davon träumen müssen, Ärztin, Anwältin und Friseuse zu werden. Doch das Publikum interessiert sich immer weniger für die Träume der Mädchen.

Die Sublimierung des Krönchens kolidiert heftig mit der Wirklichkeit des Missen-Daseins, wo Auftritte bei «Glanz & Gloria» und Modeln für unbedeutende Modeketten zu den glänzendsten Aktionen zählen. Alles Weitere ist Autogrammstunde in Schlieren, verschwitzten Velofahrern zusammen mit der Ex-Miss die Wange küssen, die Filiale einer Pizza-Kette eröffnen.

Den Höhepunkt hatte die Prinzessinnen-Schimäre von Laetitia Guarino erreicht, als sie die Märchenkutsche vor dem Swiss Dome bestiegen hatte und in der Berner Nacht verschwand. Daran wird sie sich vielleicht einmal erinnern, wenn sie mit einer Schere vor einer Tankstelle steht und ein buntes Band durchschneidet. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.10.2014, 14:00 Uhr

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