«Reportagen aus Fantastistan»

Auf die Märchen von Claas Relotius ist nicht ausschliesslich der «Spiegel» reingefallen. Interessante Lügen lesen sich wohl besser als langweilige Wahrheiten.

Der ehemalige «Spiegel»-Reporter Claas Relotius fälschte und manipulierte mehrere seiner Artikel.

Der ehemalige «Spiegel»-Reporter Claas Relotius fälschte und manipulierte mehrere seiner Artikel. Bild: Keystone

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Unter dieser verheissungsvollen Überschrift veröffentlichte Markus Somm, bis Ende 2018 Chefredaktor der BaZ, kurz vor Silvester seine wöchentliche Kolumne in der SonntagsZeitung. Hoppla! Folgt nun wirklich ein – mit aller gebotenen Demut – selbstkritischer Rückblick auf ein paar journalistische Fehlleistungen, die sich die BaZ in den vergangenen Jahren geleistet hat und die der Glaubwürdigkeit der Zeitung leider nicht geholfen haben?

Beispielsweise 2014 die Skandalisierung einer Weiterbildungsreise von Kaderleuten des Bau- und Verkehrsdepartements nach Stockholm, bei der angeblich die Partner der Spitzenbeamten auf Staatskosten gratis mitreisen durften. Die von Karl Mays Epigonen als einzigen Beleg präsentierte Teilnehmerliste entpuppte sich schliesslich als Einladung zu einem Weihnachtsessen.

Oder 2018 die Räuberpistole über eine illegale Organentnahme am Unispital Basel mit angeblich schwersten Verstössen gegen das Transplantationsgesetz und gegen medizinethische Grundregeln. Tatsächlich hatte aber das Institut für Rechtsmedizin an der Leiche keine Hinweise auf eine Organentnahme feststellen können.

Claas Relotius

Der Kommentar in der SonntagsZeitung beschäftigt sich dann aber doch lieber mit dem Fall Claas Relotius. Der Journalist hatte in seinen Reportagen vor allem seine Fantasien ausgelebt und Zitate, Szenen und Personen erfunden, um viele der Geschichten süffiger und spannender wirken zu lassen. In einem Artikel des Spiegel über die amerikanische Kleinstadt Fergus Falls hatte Relotius die Einwohner als für Donald Trump betende Dumpfbacken und pistolenschwingende, rassistische Todesstrafen-Befürworter dargestellt.

Markus Somm liefert dafür eine einfache, nicht völlig abwegige Erklärung: «Relotius schrieb, was man hören wollte, er log vor, was seine Vorgesetzten und Kollegen bereits glaubten.» Nun ist aber nicht nur der Spiegel auf die Märchen des Scharlatans hereingefallen. Zu dankbaren Abnehmern gehörten unter anderem auch TAZ, TagesWoche, F.A.Z. am Sonntag , Die Welt, SZ-Magazin, Zeit Online, NZZ Folio und sogar die Weltwoche, die insgesamt 28 Beiträge des preisgekrönten Journalisten abdruckte. Zumindest hier, beim SVP-Haudegen Roger Köppel, führt die Deutung von Markus Somm in die Irre.

Die Fantasien der Journalisten

Eine plausiblere Erklärung bietet vielleicht die Anekdote des «rasenden Reporters» Egon Erwin Kisch (1885–1948). Als Volontär wurde er von der Prager Zeitung Bohemia zu einem Mühlenbrand geschickt. Doch die Kollegen von der Konkurrenz waren längst da, hatten die besseren Kontakte zu Polizei und Feuerwehr, bekamen genauere Informationen.

Kurz: Kisch konnte nicht besser sein als die anderen. Deshalb begann er zu fantasieren, beschrieb ein flammendes Inferno mit schaurig schönen Farben und Gerüchen, in dem sich ein gewalttätiger Hüne und ein Gendarm drohend gegenüberstanden. Tags darauf fragten die Chefredaktoren der Konkurrenzblätter ihre Leute: «Warum haben wir das nicht?» Und als die Journalisten zu erklären versuchten, das sei doch so gar nicht gewesen, da schimpfte ein Chef seinen Reporter: «Komisch, dass sich die anderen immer die interessantesten Lügen ausdenken, und Sie immer nur die langweiligste Wahrheit wissen.»

Die Geschichte wird sich wohl nicht so abgespielt haben. Es ist jedoch ein noch immer sehr aktuelles Gleichnis für die schwimmende Grenze zwischen Reportage und Literatur, Erfindung und Realität. Journalisten sind eben «keine Künstler», ermahnt die Süddeutsche Zeitung ihre Zunft, sondern nur «solide Handwerker». Oder wie Karl Kraus es ausdrückte, «Kehrichtsammler der Tatsachenwelt.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.01.2019, 09:46 Uhr

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