Schweizer sind weniger religiös als die meisten anderen Europäer

Nur ein kleiner Teil glaubt zweifelsfrei an Gott und betet regelmässig, wie ein internationaler Vergleich zeigt.

Halb leere Sitzreihen: Gläubige verfolgen einen Gottesdienst in einer Kirche in Lausanne.

Halb leere Sitzreihen: Gläubige verfolgen einen Gottesdienst in einer Kirche in Lausanne. Bild: Keystone

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Der Eiserne Vorhang, der einst Europa teilte, mag der Vergangenheit angehören – bei der Einstellung zu Religion gibt es heute noch grosse Unterschiede zwischen Ost und West. Das zeigt eine Auswertung von Umfragen, die das Meinungsforschungsinstitut Pew Research Center zwischen 2015 und 2017 unter fast 56’000 Personen in 34 europäischen Ländern durchgeführt hat. Demnach schwindet im Westen das Zugehörigkeitsgefühl zur Christenheit, während es im Osten seit dem Fall des Vorhangs zugenommen hat.

Viele zentral- und osteuropäische Länder verdrängten Religion offiziell aus der Öffentlichkeit, als sie im Einflussbereich der Sowjetunion standen. Aber heute ist Christsein (ob katholisch, protestantisch oder orthodox) für die meisten Menschen, die im ehemaligen Ostblock leben, ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Dasselbe trifft auf den Balkan zu.

So bezeichnet beispielsweise mehr als die Hälfte der befragten Griechen und Bosnier Religion als sehr wichtig in ihrem Leben. In Portugal, das mit Abstand den höchsten Wert in Westeuropa aufweist, sind es 36 Prozent. Die Schweiz belegt bei dieser Frage mit gerade einmal 9 Prozent Platz 31. Nur in drei Ländern ist der Anteil noch kleiner.

Immerhin 29 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer besuchen regelmässig den Gottesdienst, das heisst mindestens einmal monatlich. Damit liegen sie leicht über dem europäischen Durchschnitt. Von den 75 Prozent, die der Religion zumindest auf dem Papier treu geblieben sind, ist das allerdings nicht einmal die Hälfte. Und wenn es ums Beten geht, sind die Schweizer alles andere als fromm: 8 Prozent wenden sich täglich an Gott. Das ist der zweittiefste Wert überhaupt.

Die Zurückhaltung beim Beten hängt unmittelbar mit der vielleicht wichtigsten Frage überhaupt zusammen: Glauben Sie an Gott? In der Schweiz können dies nur gerade 11 Prozent zweifelsfrei mit Ja beantworten. Das ist im europäischen Vergleich ebenfalls ein Tiefstwert. Lediglich bei den deutschen Nachbarn ist der Anteil noch kleiner.

In weiten Teilen Ost- und Zentraleuropas ist das Bekenntnis zu Gott zumindest bei einer Mehrheit der Bevölkerung unerschütterlich. Aber auch hier gibt es Länder, in denen der Glaube nicht mehr sakrosankt ist. So bekennt sich nur ein Viertel der Russen und Ungarn zweifelsfrei zu Gott. In Estland und Tschechien sind es sogar nur 13 Prozent.

Die Tschechische Republik stellt ohnehin die Ausnahme der Regel dar. Einst Teil des Ostblocks ist sie ein sehr konfessionsloses Land geblieben. Heute sagen nur ganz wenige Tschechen, dass das Christentum ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität sei. Zwei Drittel der Menschen glauben nicht einmal an Gott – das ist der höchste Anteil in Europa.

Grundsätzlich gibt es im Westen aber viel mehr Nichtgläubige als in ost- und zentraleuropäischen Ländern. In Schweden, Belgien und den Niederlanden trifft das auf mehr als die Hälfte der Bevölkerung zu, in der Schweiz immerhin auf ein Drittel.

Besonders deutlich zeigt sich der religiöse Graben durch den Kontinent auch bei der Frage nach dem Schicksal. In fast allen ost- und zentraleuropäischen Ländern glaubt eine Mehrheit der Menschen daran, dass der Kurs ihres Lebens weitgehend oder ganz vorbestimmt ist. In Westeuropa ist diese Überzeugung weit weniger verbreitet. Hierzulande glauben lediglich 28 Prozent an das Schicksal.

Spannend ist allerdings, dass trotz alldem noch fast die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer Religion als wesentlichen Bestandteil der nationalen Identität betrachtet. 42 Prozent der Befragten sagten, dass jemand Christ sein müsse, um ein «wahrer Schweizer» zu sein. In Westeuropa haben nur Irland, Italien und Portugal – alles (ursprünglich) streng katholische Länder – höhere Werte.

Ambivalentes Verhältnis

Bei der Frage, ob Religion und Politik getrennt werden sollten, ist die Schweiz sogar das konservativste Land in Westeuropa: Lediglich 54 Prozent wollen einen klar säkularisierten Staat. Tiefer ist dieser Wert einzig in ehemaligen Sowjetrepubliken. 45 Prozent finden zudem, dass der Bund religiöse Werte unterstützen und fördern sollte. Nur in Armenien, Georgien und Rumänien ist die Unterstützung dafür noch grösser.

Das Verhältnis der Schweizerinnen und Schweizer zur Religion ist also ambivalent: Auf der einen Seite sind Gläubige und aktiv Praktizierende in der Minderheit, und ihr Anteil nimmt immer mehr ab. Andererseits hält weiterhin ein grosser Teil der Bevölkerung an der Religion als eine tragende Säule des Landes fest. Laut Beobachtern hat das mit dem kooperativen Verhältnis zwischen Kirche und Staat sowie dem sozialen Engagement der Kirche zu tun. Eine Rolle könnten aber auch politische Diskussionen rund um den Islam in der Schweiz spielen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 12.11.2018, 16:19 Uhr

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