Selbst ist der User

Die Express-Zensur auf sozialen Netwerken soll User vor schlechten Inhalten schützen, als könne man nicht auf sich selbst aufpassen.

Tamara Wernlis Kolumne in längerer Version als Videokommentar.


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Vergangene Woche war ich Ziel von Missbrauch auf Facebook. Jemand gab sich für meine Person aus: Das Fake-Profil präsentierte allerlei Tamara-Fotos, im Text bot ich mich als Sexarbeiterin an. Offenbar lassen sich mit meinen Bildern ahnungslose Männer ködern – ich sollte das vielleicht als Kompliment verstehen.

Auf Facebook werden täglich 4,75 Milliarden Inhalte in Form von Kommentaren, Profilen, Fotos und Videos geteilt. Weil Facebook-Mitarbeiter nicht jede einzelne Seite nach illegalen Inhalten durchforsten können, übernehmen Algorithmen den Job. Sie sind so programmiert, dass sie anhand von bestimmten Kriterien «schlechte Inhalte» identifizieren und sofort eliminieren.

Der Vorteil: Dank der computerisierten Aufsicht war das Fake-Profil innert einer Stunde nach meiner Meldung gelöscht. Der Nachteil: Weil Maschinen nicht zwischen Ironie und Ernst zu unterscheiden vermögen, kann die Verbannung leicht Unschuldige treffen. Auch darf jeder jedes beliebige Profil melden, somit bestimmt eine Minderheit über dessen Löschung – zumindest in der Zeit vor Beanstandung durch den Betroffenen. Man kann argumentieren, dass die vorübergehende Verbannung eines Profils das kleinere Übel darstellt als ein Inhalt, der gegen ein Individuum oder eine Gruppe hetzt. Das ist richtig. Nur beschneidet die Express-Zensur die Grundrechte einer ganzen Gesellschaft, die Meinungs- und Kunstfreiheit. Natürlich ist Differenzierung angebracht; ich spreche hier nicht von ins Netz gestellten Kapitalverbrechen. Es geht mir vor allem um politische Meinungsäusserung.

Weil Maschinen nicht zwischen Ironie und Ernst unterscheiden können, kann die Verbannung leicht Unschuldige treffen.

Jüngstes Beispiel davon ist Imad Karim. ­Facebook entfernte ohne Erklärung das Profil des deutsch-libanesischen Schriftstellers und Islamkritikers. Angesichts des neuen Gesetzesentwurfs der Bundesregierung, der soziale Netzwerke verpflichten will, «offensichtlich rechtswidrige Inhalte innerhalb von 24 Stunden nach Eingang der Beschwerde zu löschen» – ansonsten drohe eine Strafe von «bis zu 50 Millionen Euro», ist es nicht verwunderlich, wenn diese zu globalen Zensurmaschinen mutieren. Ob ein Inhalt als rechtswidrig qualifiziert ist, lässt sich aber nur mit einem Heer von Anwälten klären. Die Forderung nach neuen Zensurpraktiken ist also, gelinde gesagt, naiv, da technologisch und juristisch kaum umsetzbar. Karims Profil wurde 24 Stunden später wieder aufgeschaltet, kommentarlos.

Dass der Erfolg Facebook überholt hat, dürfte nur bedingt im Sinne von Mark Zuckerberg sein, nämlich dann, wenn die Werbekassen klingeln. Heute, wo das Unternehmen auch für Menschen zum Sprachrohr geworden ist, die sonst keine Plattform für ihre politische Meinung haben – Oppositionelle in Diktaturen, Systemkritiker, aber auch Hassprediger –, wird er sich über die damit einhergehende Verantwortung zunehmend den Kopf zerbrechen müssen.

Ein Stück weit Verantwortung darf man von den Netzwerken auch erwarten – wie man sie von ihren Nutzern erwarten darf: Wir sollten selber wissen, wessen Meinung wir lesen möchten, wen wir blockieren, was für uns schlecht ist. Etwas mehr Vertrauen in ihre Bürger stünde auch den Regierungen gut an. Hass und Hetze wird es immer geben. Einiges von dem, was als verletzend und unerträglich heraufbeschworen wird, ist einem Individuum aber durchaus zuzumuten. Es liegt auch in unserer eigenen Verantwortung, gewisse Dinge zu ertragen – oder das Problem selbstbestimmt zu lösen. Keine Regierung der Welt kann uns vor allem Bösen schützen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 27.04.2017, 10:24 Uhr

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