Sex sells eben

Sexy und talentiert zu sein, schliesst sich nicht aus. Doch hätten weibliche Popstars weniger Erfolg, wenn sie keine nackte Haut zeigen würden?

Ariana Grande ist eine ist eine US-amerikanische Sängerin.

Ariana Grande ist eine ist eine US-amerikanische Sängerin. Bild: Keystone

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Älterer Herr versus junge Popqueen – gibt es eine Diskussion, bei der man als Ersterer ohne Umweg ins virtuelle Kläppergässchen läuft, dann ist es wohl jene über Sexyness und Nacktheit.

Der britische Daily-Mail-Kolumnist Piers Morgan, 53, äusserte jüngst Kritik an jungen Popsängerinnen: Sie würden ihre Sexualität benützen, ihre Nacktheit sei der einzige Weg für ihren Erfolg. Und bei Twitter: «Junge weibliche Popstars mit Millionen junger weiblicher Fans haben es nicht nötig, Nacktheit einzusetzen, um Platten zu verkaufen. Das ist stillos und sendet die falsche Botschaft aus.»

Natürlich fiel die Reaktion der jungen Feministengarde nicht harmonisch aus: «Frauenhasser! Neider! Alter weisser Mann!», flötete es im Chorus, mehrere Medien pfiffen mit. Irgendwann schaltete sich die 25-jährige Popprinzessin Ariana Grande ein. «Ich setze mein Talent UND meine Sexualität ein, weil ich es selber wähle», schrieb sie bei Twitter. «Frauen können sexuell UND talentiert sein. Nackt und würdevoll. Es ist unsere Wahl.» Er wolle sich nur wichtig machen.

Vielleicht liegt es am Alter, aber ich kann mit den Popsängerinnen, diesen Identifikationsfiguren der heute zwölf- bis zwanzigjährigen Mädels, und ihrer Musik wenig anfangen. Ich kann die Arianas nicht von den Selenas und Demis und Vanessas unterscheiden. Einige können wahrscheinlich wirklich singen, andere nur mit elektronischem Stimmverstärker. Sie klingen alle gleich, sehen alle gleich aus. Führen alle den gleichen verschwenderischen Umgang mit nackter Haut.

Aber früher war es nicht viel anders, wir sollten darum von Frömmigkeitsanfällen absehen. Ausserdem steht schönen Körpern gebührende Anerkennung zu. Selbstverständlich hat Ariana recht: Sexy und talentiert zu sein, schliesst sich nicht aus. Sexualität einzusetzen, ist ihre Wahl. Und es ist wunderbar, dass Frauen diese haben. Sängerinnen können auf der Bühne zwecks Präsentation des Allerwertesten alle möglichen sonderbaren Tanzverrenkungen vollführen.

Die Höhle der Löwinnen

Models können sich für Shootings lasziv in Unterwäsche inmitten von Spaghetti räkeln. In Zeiten, wo Kleider im Trend sind, die eine direkte Luftzufuhr an intime Körperstellen zulassen, können Hollywoodsternchen auf roten Teppichen ungeniert Side- und Unterboobs vorführen – und gleichzeitig «Ich bin viel mehr als ein Objekt» in eine Kamera hauchen.

Der Punkt ist ein anderer, und dahin zielt Morgans Kritik. All diese Frauen nennen sich Feministinnen, setzen sich so laut eigener Aussage für «Female Empowerment» ein, für die Stärkung der Frau. Für ihre selbstbestimmten, körperbetonten Darbietungen werden sie gefeiert von modernen Frauenrechtlern – während, im Übrigen, Bikiniauftritte bei der Miss-Amerika-Wahl oder die F1-Grid-Girls auf Druck von denselben Feministen abgeschafft werden, weil sie angeblich die Frau herabwürdigen. Hello, Doppelmoral.

Nur, halbnackte Anblicke haben mit Feminismus wenig zu tun. Sex sells, und nebst den Produzenten und Managern wissen es die Sängerinnen selbst am besten. Ganz unrecht hat Morgan nicht, wenn er die stoffreduzierten Auftritte mit Plattenverkäufen verknüpft. Diese austauschbaren Entertainerinnen hätten bei Weitem nicht denselben Erfolg, würden sie für mehr Boulevardfotos und Instagram-Likes ihre Sexualität nicht permanent promoten. Sie sind eben keine Adeles. Das zu kritisieren, ist nicht frauenfeindlich. Es ist höchstens ein unerwünschter Besuch in der Höhle der Löwinnen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 30.11.2018, 13:12 Uhr

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