Tradition ist eine wohlgeschminkte Leiche

Meinen wir mehr als Folklore, wenn wir von Brauchtum reden? Und wie unterscheiden sich Tradition und Fortschritt? Der Stadtwanderer Benedikt Loderer gibt in einem Essay zehn Antworten.

Die Sehnsucht des Bankers nach dem einfachen Leben: Jodlerchor aus dem Jahr 1981.

Die Sehnsucht des Bankers nach dem einfachen Leben: Jodlerchor aus dem Jahr 1981. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich bin nicht irgendwo, ich stehe auf dem Ballenberg. Wer hierherkommt, dem verheisst das Internet «einen Spaziergang durch die Jahrhunderte» und dazu noch «Schweizer Tradition hautnah». Im weitläufigen Gelände finde ich rund hundert malerisch gruppierte Vorzeigestücke, die aus der ganzen Schweiz herangeschafft wurden. Die Bauten sind historisch korrekt herausgeputzt, was heisst, in einen einwandfrei vorindustriellen Zustand regrediert worden. Unfreundlich, aber treffend ausgedrückt: Ich besuche den gepflegtesten und «wohlassortiertesten» Friedhof der Schweiz.

Tradition, das ist der Glaube, der im Freizeitzentrum praktiziert wird. Wozu sind wir auf Erden?, fragt der Ballenberg-Katechismus und antwortet: Wir sind auf dem Ballenberg, um die Tradition zu erhalten, zu schützen, zu vermitteln, zu pflegen und anzubeten. Was aber, frage ich, der Ungläubige, was, wenn die Tradition nur das Opium des irregeleiteten Volkes wäre? Uns wäre der Glaube genommen, der da lautet: Die Tradition ist das Fundament unseres Daseins, unsere Lebenswurzel, ohne Tradition verdorrt des grünen Lebens goldner Baum.Bei so starkem Glauben tut die Exegese not. Zuerst und vor allem gilt es, die Frage zu beantworten: Was ist Tradition? Ich habe zehn Antworten, aus denen kein fest gefügtes Gedankengebäude zu errichten ist. Das liegt nicht nur an meiner Denkschwäche, sondern ebenso an der Tradition. Sie ist zu widersprüchlich, als dass man sie widerspruchsfrei erklären könnte. Ich beginne mit dem Griff zum lateinischen Wörterbuch. Das vertreibt die Weihrauchschwaden. «Traditio, onis, f. 1. Übergabe: Traditio urbis 2. Bericht».

Tradition als religiöse Sache

Eine bezeichnende Nachbarschaft findet sich im Wörterbuch auch: Nach «traditio» kommt gleich «traditor», der Verräter. Wir sind gewarnt. Das philosophische Lexikon hilft uns anschliessend weiter: «Traditio, lat. Weitergabe, Überlieferung. Grundphänomen der menschlichen Existenz. Als selbstbewusstes, der Erinnerung fähiges Wesen, lebt der Mensch von den Erfahrungen, Fähigkeiten, Kenntnissen und Einsichten seiner Vorfahren, die von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben werden.» Auch im Lexikon steckt ein verborgener Warnruf, denn auf «Tradition» folgt gleich «Traditionalismus», «die Überbewertung der Tradition, des Überlieferten».Die Definition aus dem Lexikon bleibt vorläufig stehen, allerdings frage ich mich probeweise: Was habe ich von Geschlecht zu Geschlecht gelernt? Den Computer von meiner Grossmutter zum Beispiel? Die ersten Risse im imponierenden Glaubensgebäude der Tradition werden sichtbar.Der Artikel «Tradition» im Lexikon behandelt vor allem religiöse Fragen. Wird die Offenbarung durch die Heilige Schrift allein zugänglich oder wird sie auch durch die mündliche Überlieferung und durch die Glaubenslehren vermittelt? Das zeigt, dass Tradition eine religiöse Sache ist, immer geht es um Glaubenskriege. Zurück zum klugen Lexikon: «Der Mensch steht vor der Aufgabe, die Fülle der einströmenden Reize, der Bedürfnisse, der Verhaltensantriebe und Handlungsmöglichkeiten zu bewältigen.» Das Alte und Gewohnte erlaubt es, sich in der Welt zurechtzufinden. Die erste Antwort auf die Frage, was ist Tradition, wirkt beruhigend: Tradition ist eine Lebenshilfe.

Ich bohre aber weiter. Wie erkenne ich die Tradition? Sie wird mir vorgeführt, hier auf dem Ballenberg in Überdosis zum Beispiel. Ich sehe die Schmucktruckli von Bauernhäusern und bestaune die Handwerker bei ihrer Arbeit. Ich erlebe die Tradition hautnah. Doch man zeigt mir hier das Gestern als ein Es-war-einmal-und-ist-nicht-Mehr. Tradition aber wird von ihren Verfechtern immer als «lebendige Tradition» verstanden und propagiert, sie tritt immer auf als ein quicklebendiges Da-sie-nicht-gestorben-sind-so-leben-sie-heute-Noch. Was gilt nun, tot oder lebendig? Wieder entdecke ich einen Riss im imposanten Glaubensgebäude der Tradition. Immerhin eine zweite Antwort bringt der Ballenberg mir trotzdem bei: Tradition ist Alltagsgeschichte.

Aber, sagt man mir, du musst zu jenen gehen, die die Tradition pflegen, sie sind es, die sie lebendig halten. Ich besuchte einen Jodelchor. Seine Mitglieder sind gewöhnliche Menschen, Durchschnittsbürger. Wenn sie üben, so tragen sie zivil, treten sie auf, so sind sie uniformiert. Aus Tradition, sagen sie mir. Erstaunlich sind die Liedtexte. Da bauert es hemmungslos, doch Bauern gibt es keinen im Chor. Da singt ein kaufmännischer Angestellter von Kühen und Alpen und anderntags arbeitet er im korrekten Anzug auf der Bank, wo er Dollartransaktionen auf Englisch abwickelt. Wie schafft der Mann den Spagat? Durch Folklore.Sie beginnt dort, wo die Überreste der Tradition zur Sentimentalität werden. Seine Tradition ist eine Sammlung von Bildern und Ritualen, die mit seinem Alltag nichts zu tun haben. Sie sind für den Sonntag gemacht, für die Andacht und die Feier. Ziemlich das Gegenteil von dem, was mir auf dem Ballenberg beigebracht wurde. Wer die Frage: Was ist Tradition? beantworten will, tut gut daran, sie von der Folklore abzugrenzen. Folklore ist die Tradition minus den Alltag. Die Folklore ist die Messe des Traditionsglaubens, sie dient der Erhebung, der Mensch der anbetet, fühlt sich immer als besserer Mensch. Immerhin, auch beim Jodelchor habe ich etwas gelernt und als dritte Antwort herausgefunden: Tradition ist ein Gefühl.

Doch wie war das mit den Kuh- und Alpentexten? Etwas muss doch dran sein, sonst wären sie längst verstummt. Sie sind eine Verlustanzeige. Der Bankmensch singt von einem vagen Früher, von der goldenen Zeit, vom einfachen Leben, vo Chäs u Anke, von einem fernen Land im eigenen. Klage und Trost halten sich die Waage. Wonach sich der Bankmensch sehnt, ist das einfache Leben im komplizierten. Er betrügt sich selbst und weiss das, aber es ist zu billig, ihm das vorzuwerfen. Besser ist es, im Bankjodel die vierte Antwort zu finden: Tradition ist eine Sehnsucht.

Dass die Tradition etwas mit dem Bauernstand zu tun hat, ist offensichtlich. Den Zusammenhang zwischen dem vorhandenen Land und der Art seiner Bearbeitung und weiter die Folgen auf die Form des Bauernhauses, erklärt mir das Freilichtmuseum aus Beruf und Berufung. Hier wird an ausgewählten Exemplaren vorgeführt, wie aus den natürlichen Grundlagen der Mensch die passenden Produktionsmethoden entwickelte und draus das Arbeits- und Reproduktionsinstrument Bauernhaus entstand. Ich kann abkürzen und komme zur fünften Antwort: Tradition ist ein Produkt.

Damit nähern wir uns dem Kern des Problems. Ursprünglich galt: Der Bauer machte im Jahreslauf grundsätzlich immer dasselbe. Er hatte das Ende der Geschichte schon erreicht, er brauchte keinen Fortschritt, sondern gutes Wetter. Jedes seiner Probleme war schon mehrmals aufgetaucht und war schon mehrmals gelöst worden. Die Gesamtheit der erfolgreichen Lösungen ergab die Tradition. Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen, sagte man damals, heute übersetzt man das mit Erfahrungstransfer. Im Satz der erfolgreichen Lösungen waren die unbrauchbaren und darum ausgeschiedenen stillschweigend inbegriffen. Voraussetzung für die Bildung einer Tradition aber war die Stabilität der Probleme. Tauchten neue auf, so mussten sie durch Versuch und Irrtum gelöst werden. Erst die generationenlange Wiederholung schaffte eine Tradition.Drei Faktoren sind also nötig, dass eine Tradition entsteht: die Stabilität der Gesellschaft, die Wiederholung der Probleme und genügend Lösungszeit. Das sind die Voraussetzungen, die nur in den vorindustriellen Epochen vorhanden waren. Damit komme ich zur sechsten Antwort: Die Tradition ist vorindustriell.

Ist die Tradition der Satz der erfolgreichen Lösungen, zusammengefasst im Spruch: «Das hei mr immer so gmacht», so folgt daraus die siebente Antwort: Die Tradition ist eine Methode.

Sie ist kein Ritual, kein Bild, keine Andacht, sie ist eine Methode zur Bewältigung des Alltags. Sie gibt die Anweisungen, wie man arbeitet, feiert, heiratet, wie man Kinder auf die Welt setzt, wie man die Toten beerdigt. Zuweilen erinnern wir uns mit beschämter Beklemmung, dass wir vor zwei Generationen arm bis bescheiden lebten. Die meisten Bauern waren mausarm. Diese Leute haben noch traditionell gelebt, und ich komme zum Schluss: Tradition muss immer mit Hungern und Frieren in Verbindung gebracht werden. Der Lösungssatz, Tradition genannt, war eine Überlebensmethode. Der achte Satz lautet darum: Die Tradition ist die Überwindung des Mangels.

Darum hielten die armen Leute auch so zäh an der Tradition fest. Sie kannten die Methode, die ihr Überleben sicherte; andere zu entwickeln, dafür hatten sie keine Reserven. Sie waren keine Hinterwäldler, sie waren nur arm. Die Armut schränkte das Ausprobieren ein. Erst Leute mit genügend Schnauf konnten sich das Abweichen von der Tradition leisten. Wo das möglich war, entstand das Neue, andere. Sein Name ist Fortschritt, was die zunehmende Ausbeutung der Energiequellen bedeutet und alles, was daraus folgte. Der Fortschritt ersetzte die Methode der Wiederholung der erfolgreichen Lösungen durch die Methode der Erfindung immer neuer. Zurück zum Bauern. Er ist mit der Ackerpflege beschäftigt. Wer nächstes Jahr wieder ernten will, muss dieses Jahr den Acker pflegen. Pflege will nicht ständig den Ertrag steigern, sie will ihn wiederholen. Der Bauer denkt zyklisch. Damit komme ich zur neunten Antwort: Tradition ist Pflege.

Der Fortschritt hingegen ist auf Steigerung aller Art ausgerichtet. Nicht die Pflege ist sein Ziel, sondern die Ausbeutung. Dem Ackerpfleger steht der Goldsucher gegenüber. Er durchwühlt die Erde, reisst das Wertvolle heraus und zieht weiter. Er hinterlässt keine Äcker fürs nächste Jahr, sondern eine Brache für immer. Der Goldgräber denkt linear.Allerdings ist der Goldgräber weit fortschrittlicher als der Bauer. Seit 200 Jahren ist der Fortschritt unsere Lebensform. Es gibt keine andere mehr. Steigerung, Wachstum, Zunahme halten wir für unabdingbar. Unser wichtigstes Wort heisst «mehr». Der Fortschritt hat die Tradition erwürgt. Damit komme ich zur zehnten und endgültigen Antwort: Die Tradition ist eine wohlgeschminkte Leiche. Der Ballenberg ist ihr Mausoleum.

Lebendig ist die Folklore, tot ist die Tradition. Darum schlage ich vor: Ersetzen wir das Wort Tradition durch das Wort Folklore. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2011, 20:32 Uhr

Infobox

Der Text ist ein Vortrag, gehalten im Kurszentrum Ballenberg im Rahmen des Kurses Alphouse.eu.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...