Ungesund ist männlich

Männer kümmern sich nicht um sich selbst – mit schlimmen Folgen. Ein Buch von Walt Whitman gibt Ratschläge.

Eisbad statt Arztbesuch. Noch immer gilt als besonders männlich, wer Stärke und Unverletzbarkeit zur Schau stellt. Das hat direkte Folgen für die medizinisch-therapeutische Praxis.

Eisbad statt Arztbesuch. Noch immer gilt als besonders männlich, wer Stärke und Unverletzbarkeit zur Schau stellt. Das hat direkte Folgen für die medizinisch-therapeutische Praxis. Bild: Keystone

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Männer – so hat es vor einiger Zeit ein Londoner Kongress zur Männergesundheit formuliert – sind heutzutage das kranke Geschlecht. Krankheit ist männlich, Gesundheit weiblich. Auch in unseren Tage gilt das paradoxale Diktum, dass ein Kümmern um sich selber – um das eigene Wohlbefinden wie um das eigene Aussehen – unmännlich ist. Herb Goldberg, ein kalifornischer Arzt und Männertherapeut, hat die für Männer eingeforderten Verhaltensmuster in sieben «maskulinen Imperativen» zusammengefasst:

  • 1. Je weniger Schlaf ich benötige,
  • 2. je mehr Schmerzen ich erdulden kann,
  • 3. je mehr Alkohol ich vertrage,
  • 4. je weniger ich mich darum kümmere, was ich esse,
  • 5. je weniger ich jemanden um Hilfe bitte und von jemanden abhängig bin,
  • 6. je mehr ich meine Gefühle kontrolliere und sie unterdrücke,
  • 7. je weniger ich auf meinen Körper achte, desto männlicher bin ich.
Demnach sei Männlichkeit eine hochriskante Lebensform. Neueste Daten aus dem Gesundheitsbericht des Kantons Zürich bestätigen diese Befunde.

Der Erziehungswissenschaftler James M. O’Neil, der in den USA Hunderte von Untersuchungen über den männlichen Erziehungsprozess analysiert hat, resümiert: «Männer werden sozialisiert, um wettbewerbsbetont, leistungsorientiert, kompetent zu sein ... Männer glauben, dass persönliches Glück und Sicherheit von harter Arbeit, Erfolg und Leistung abhängig sind.» Bereits achtjährige Buben hätten diese Maxime verinnerlicht. Sie wissen, dass sie kämpfen müssen, sich anstrengen und dass sie nicht schwach und passiv sein dürfen, wenn sie Männer werden wollen, die sie ja werden müssen.

Die Männerforschung verbindet inzwischen Männlichkeit konsequent mit Zwanghaftigkeit:

  • 1. Das eingeschränkte Gefühlsleben.
  • 2. Die Homophobie. Männer haben Angst vor der Nähe zu anderen Männern.
  • 3. Die Kontroll-, Macht- und Wettbewerbszwänge. Männer lernen früh, ihren Selbstwert über Erfolg zu bestimmen. Kontrolle, Macht und Wettbewerb sind Garanten dieses Erfolgs. Umgekehrt schliessen sie Ethos, Mitmenschlichkeit, Liebe und Fürsorge aus.
  • 4. Das gehemmte sexuelle und affektive Verhalten. Männer spalten ihre eigene Sexualität von ihren Emotionen ab und erleben sie – entsprechend ihrer Sozialisation –unter dem Aspekt von Leistung und Dominanz.
  • 5. Die Sucht nach Leistung sowie Erfolg.
  • 6. Die unsorgsame Gesundheitspflege. Männer missachten körperliche Warnsignale und sind nur schlecht in der Lage, zu entspannen. Körperpflege, psychische Hygiene und medizinische Vorsorge werden als unmännlich betrachtet. Schon der Gang zum Arzt wird als Eingeständnis männlicher Schwäche gewertet.

Jagdflinte im Mund

Ein richtiger Mann brauche keine Hilfe. Die Folge: Drei Viertel aller Suizidtoten sind Männer. Die Zahlen schwanken seit 2006 zwischen 74,5 und 78 Prozent. In der Adoleszenz sind gar 86 Prozent der Suizidtoten männlich; Kinderärzte schätzen diese Zahlen noch höher. Die männliche Rolle von Härte, Erfolg und Leistung zieht sich denn auch nur konsequent ins Suizidverhalten. Wenn Männer sich umbringen, gelingt dieser Versuch im Regelfall auch. Wer sich wie Ernest Hemingway die Jagdflinte in den Mund setzt und abdrückt, kann nicht mehr gerettet werden. Er ist dann auch im Tod erfolgreich – eben ein Mann.

Dieses Verständnis von Männlichkeit hat direkte Folgen für die medizinisch-therapeutische Praxis: Männliche Verhaltenseigenschaften wie Härte und Stoizismus bedingen, dass Männer signifikant weniger um ärztliche oder therapeutische Hilfe nachsuchen als Frauen. Sie gehen um mindestens ein Drittel weniger zum Arzt als Frauen, um die Hälfte weniger in andere Therapien und um zwei Drittel weniger in psychotherapeutische Behandlung.

Die Scheu vor einem Besuch beim Arzt hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass dieser mit den klassischen Männlichkeitsimperativen kollidiert. Beim Arzt ist Konfliktlösung angesagt, Männer tendieren zur Konfliktvermeidung; beim Arzt müssen die eigenen Schwächen kundgetan werden, wo doch gesellschaftlich von Männern Stärke und Unverletzbarkeit verlangt wird.

Insofern wirkt ein eben erschienenes Buch des amerikanischen Dichters Walt Whitman – immerhin schon 1858 zum ersten Mal veröffentlicht – nachgerade prophetisch. Mag manches an diesem Ratgeber inzwischen unzeitgemäss sein, so gibt es doch genug, was wichtig, aktuell und beherzigenswert ist. Dazu gehört vor allem die Aufforderung an das männliche Geschlecht, sich um sich selber zu kümmern und das nicht anderen zu überlassen.

Verfolgt man die empirischen Daten zu Männergesundheit und -krankheit ist dieser Imperativ zeitgemässer denn je. Das gilt ebenso sehr für den Ausgleich zwischen Körper und Geist, den Whitman immer wieder eindringlich beschreibt und fordert. Wir wissen inzwischen, dass dies das Urrezept für Gesundheit, Wohlbefinden und ein langes Leben ist. Männerkrankheit und frühere Männersterblichkeit sind nicht – wie immer wieder behauptet wird – in den männlichen Genen angelegt oder in einem zu viel an Testosteron. Sie lassen sich vielmehr in der Lebensweise, der Risikobereitschaft und dem Fehlverhalten von Männern verorten.

Das ist spätestens seit den sogenannten «Klosterstudien» evident, die dokumentieren, dass Nonnen und Mönche praktisch gleich alt werden – aufgrund ihres ausgleichenden, meditativen und massvollen Lebensstils. So wie es Walt Whitman fordert.

Auftritt als Trottel

Am wichtigsten aber dürfte in heutigen Zeiten der Diabolisierung des Männlichen die positive Sicht Whitmans auf das eigene Geschlecht sein, das konstruktive Bemühen um Männer, das Lob auch für Männer, deren aufrichtige Wertschätzung. Galten Männer noch bis tief in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts als Schöpfer der Kultur, Entdecker, Weise oder Staatenlenker, so setzte mit dem Beginn eines populistischen Feminismus die grundlegende Umwertung von Männlichkeit ein. Männer werden seither vorgestellt als Zerstörer der Natur, Kriegstreiber, Gewalttäter, Kinderschänder oder – in der Werbung – als Trottel.

In ihrem Buch «Pornographie» postulierte die amerikanische Radikalfeministin Andrea Dworkin ebenso schlicht wie dezidiert: «Terror strahlt aus vom Mann, Terror erleuchtet sein Wesen, Terror ist sein Lebenszweck.» Das dworkinsche Lösungsrezept: «Ich möchte einen Mann zu einer blutigen Masse geprügelt sehen.» «Male bashing» nennt man das in den USA.

Der grosse Basler Zoologe Adolf Portmann hat schon vor Jahrzehnten immer wieder eindringlich darauf hingewiesen, dass wir uns als biologische Mängelwesen Bilder selber erschaffen müssen, um uns in der Welt überhaupt orientieren zu können. Ist dieses Bild negativ und verächtlich, führt es zu einem misslichen Leben in Form von Identitätsstörungen, Süchten oder Gewaltexzessen.

Schon 1970 formulierten Männer, als sie im kalifornischen Berkeley das erste Männerzentrum begründeten, ein positives Gegenbild zur traditionellen Männlichkeit: «Wir als Männer wollen unsere volle Menschlichkeit wiederhaben. Wir wollen nicht mehr länger in Anstrengung und Wettbewerb stehen, um ein unmögliches und unterdrückendes männliches Image zu erreichen – hart, schweigsam, cool, gefühllos, erfolgreich, Beherrscher der Frauen, Führer der Männer, reich, brillant, athletisch und heavy. Wir möchten uns selbst gern haben; wir möchten uns gut fühlen und unsere Sinnlichkeit, unsere Gefühle, unseren Intellekt und unseren Alltag zufrieden erleben». Das wäre wohl auch im Sinne von Walt Whitman.

Noch ist jedoch die männliche Realität von Gesundheit und Krankheit eine andere: Selbst dort, wo Männer ganz direkt betroffen sind, dominieren Frauen: Frauen machen für ihre Männer die Arzttermine, begleiten ihre Gatten nicht selten bis ins Sprechzimmer, überwachen die Einnahme von Medikamenten und sind – gemäss vieler empirischer Untersuchungen – auch in unseren Tagen für das familiäre Gesundheitsmanagement zuständig. Das aber können nur Männer ändern, wenn sie sich endlich auch für sich selber verantwortlich fühlen.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie. Er lebt in Basel.

Walt Whitman: «Der schöne Mann. Das Geheimnis eines gesunden Körpers». (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.04.2018, 09:50 Uhr

Prophetisch. Walt Whitman (1819-1892), amerikanischer Dichter. (Bild: Börsenblatt.net)

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