Was Paare von «Titanic» lernen können

Von Hollywood-Schnulzen könne man sich einiges für die eigene Beziehung abschauen, sagt Drehbuchautor Maximilian Vogel.

Durch den jungen Mann, den sie auf dem Schiff trifft, lernt Rose, zu ihren eigenen Gefühlen zu stehen: Kate Winslet und Leonardo DiCaprio im Film «Titanic».

Durch den jungen Mann, den sie auf dem Schiff trifft, lernt Rose, zu ihren eigenen Gefühlen zu stehen: Kate Winslet und Leonardo DiCaprio im Film «Titanic». Bild: Keystone

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Hollywood-Beziehungen entsprechen nicht der Realität. Was sollen wir uns da abschauen?
In Liebesfilmen geht es um die persönliche Weiterentwicklung einer Hauptfigur. Wenn man sich diesen Prozess genau anschaut, kann man Rückschlüsse auf die eigene Beziehung ziehen und lernen, wie man sich verhalten kann, damit auch bei einem selbst so etwas wie ein Happy End entsteht.

Wie kommen Filmhelden zu ihrem Glück?
Meistens geht es darum, dass die Hauptfigur lernen muss, ihre Maske abzulegen.

Welche Maske?
Wir tendieren dazu, unsere Verletzlichkeit hinter Masken zu verstecken. Es kann zum Beispiel sein, dass sich eine Figur die Maske der Schüchternheit zugelegt hat. Im Verlaufe des Films lernt sie dann, mutig zu werden und sich auf eine Beziehung einzulassen. Oder jemand ist aggressiv, weil er nicht angreifbar sein will. Diese Person muss lernen, diese Maske, die für seine Liebesbeziehung nicht fruchtbar ist, abzulegen.

Wie gelingt das?
Die Hauptfigur kommt mit der Methode, mit der sie bis dahin ganz gut durchs Leben kam, in ihrer Beziehung plötzlich nicht mehr weiter und gerät in eine emotionale Krise, die sie dazu zwingt, über sich selbst nachzudenken. Wenn es ihr gelingt, die Maske abzulegen und sich zu öffnen, gibt es ein Happy End. Wenn es misslingt, endet es in einer Tragödie.

In welchem Liebesfilm wird dieser Prozess gut gezeigt?
Bei «Titanic». Die weibliche Hauptfigur Rose durchlebt in diesem Film einen Ablösungsprozess von ihrer Familie. Sie lernt, zu ihrer Liebe zu einem Mann aus ärmlichen Verhältnissen zu stehen. Das ist die eigentliche Geschichte hinter dem dramatischen Schiffsunglück. Der Entwicklungsprozess der Hauptfigur ist sehr berührend erzählt. Ein Liebesfilm ist dann gelungen, wenn man im Kinosessel sitzt und einem die Tränen runterlaufen.

Hier können Paare etwas lernen: Trailer des Films «Titanic» aus dem Jahr 1997. (Video: Youtube/MoviesHistory)

Was ist die Maske von Rose?
Am Anfang des Films ist sie sehr schnippisch. Alle Aggressionen seitens ihrer Mutter oder ihres Verlobten weist sie vehement von sich, ohne eine Entscheidung zu treffen, was sie wirklich möchte im Leben. Durch den jungen Mann, den sie auf dem Schiff trifft, lernt sie, zu ihren eigenen Gefühlen zu stehen.

Aber «Titanic» ist eine sehr kitschige Geschichte, die mit dem richtigen Leben nicht viel zu tun hat.
Dass «Titanic» kitschig wirkt, hat mehr mit der Form zu tun, die der Film wählt, und weniger mit dem Inhalt. Ob jemand eher einen realistischen, romantischen oder surrealen Film bevorzugt, ist eine Frage des Geschmacks. Die inneren Veränderungen sind unabhängig vom Genre, die eigentliche Kraft der Geschichte steckt hinter der Verpackung. Das sieht man zum Beispiel sehr gut an den Theaterstücken von Shakespeare. Die wurden schon in Hunderten von Varianten aufgeführt – doch die Wirkung bleibt die gleiche. Da werden archaische Muster des menschlichen Verhaltens gezeigt, die wir auch aus der Mythologie oder aus Märchen kennen.

Was ist Ihr Lieblings-Liebesfilm?
«Das Piano» schaue ich mir immer wieder gerne an.

Das Ablegen einer Maske ist ein schwieriger Prozess: Trailer des Films «The Piano» aus dem Jahr 1993. (Video: Youtube/NuovoCinemaGiornico)

Was kann man in Hinblick auf das eigene Liebesleben aus diesem Film lernen?
In «Das Piano» haben wir es mit einer Protagonistin zu tun, die sich von der Welt verabschiedet hat, indem sie schweigt. Dann verliebt sie sich in einen Mann, der ihr zeigt, dass noch mehr in ihr steckt als dieses Schweigen. Durch die Begegnung lernt sie, ihre Liebe wieder zu finden. Wenn man sich ihren Kampf anschaut, dann kann man lernen, dass das Ablegen einer Maske kein einfacher Prozess ist, dass er sich aber lohnt. Wäre es ein einfacher Weg, würden Liebesfilme nur fünf Minuten dauern – statt 90. Meist ahnen wir schon am Anfang, wie der Film endet, doch die eigentliche Geschichte ist der lange, widrige Weg bis dahin.

Wie kommen wir im echten Leben zu einem Happy End?
In Beziehungen fühlen sich oft beide Partner im Recht. Der Schlüssel zur entscheidenden Veränderung könnte sein, dass man erkennt, dass das Problem auch mit einem selbst zu tun hat. Wenn wir die Chance erkennen, uns zu verändern und gewillt sind, gegen die inneren Widerstände anzukämpfen und diesen neuen Weg zu gehen, dann bekommen wir auch im echten Leben unser Happy End.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2018, 16:24 Uhr

Maximilian Vogel

Vortrag am Paarimpuls-Tag

Maximilian Vogel ist Drehbuchautor, Dramaturg und Dozent an der Filmhochschule in Berlin. Er hält am Samstag, 17. März, am Paarimpuls-Tag in Zürich einen Vortrag zum Thema «Schau mir in die Augen, Kleines – was können Paare von Hollywood lernen?» Die Veranstaltung mit Workshops wird von den öffentlichen Paarberatungs- und Mediationsstellen des Kantons Zürich durchgeführt. Anmeldeschluss ist der 10. März. www.paarimpuls.ch.

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