Welches ist das schwierigste Klavierstück überhaupt?

In dieser Rubrik beantworten unsere Redaktoren die am häufigsten gegoogelten Fragen.

Wenn Yuja Wang durch Prokofievs 3. Klavirkonzert rast, wird einem schwindlig. Doch es geht noch schwieriger, findet Susanne Kübler. Quelle: Youtube


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Man könnte das Thema ja rasch abhaken und hier einfach mal, sagen wir, Franz Liszts «La Campanella» hinschreiben. Dann wären all die ehrgeizigen Hobbypianisten wochenlang beschäftigt und würden keine unsinnigen Google-Fragen stellen. (Denn unsinnig ist die Frage: Jeder Profimusiker und auch jeder vernünftige Laie weiss, dass die Schwierigkeiten für jeden anderswo liegen.)

Aber schauen wir die Sache dennoch genauer an. Zunächst einmal: Wenn es schon ein Superlativ sein muss – warum sucht man nicht das schönste Klavierstück? Weil es offenbar um Leistung geht. Also um das, was schon in allen anderen Bereichen des Lebens zählt. Man will anderen imponieren, nicht nur mit dem höchsten Bonus, sondern auch mit dem schwierigsten Klavierstück. Und man will sich selber zeigen, dass man das schaffen kann, genau wie man schon den New Yorker Marathon geschafft hat.

Nun ist Leistung im Zusammenhang mit Musik immer ein heikles Thema. Natürlich, es gibt die Temporekorde; jener von Rimski-Korsakows «Hummelflug» etwa liegt derzeit bei 53,82 Sekunden und wird gehalten von einem deutschen Tubaspieler. Aber schon die technischen Schwierigkeiten sind schwer zu messen: Zählt die Anzahl Noten pro Sekunde? Die Weiträumigkeit der Sprünge? Die polyphone Dichte? Und selbst wenn sich bei der Technik noch Kriterien festlegen liessen – wie will man die musikalische Komplexität klassifizieren?

«Mozart-Sonaten sind zwar zweifellos einfacher zu spielen als Prokofjew, aber schwieriger gut zu spielen.»

Andererseits: Jeder, der schon wirklich hochvirtuose Interpreten erlebt hat, weiss genau, wie beeindruckend Aufführungen von offiziell als schwierig geltenden Klavierstücken sein können. Wenn zum Beispiel Yuja Wang ohne einen einzigen Fehlgriff durch Prokofjews 3. Klavierkonzert rast, verschlägt es einem motorisch normal begabten Menschen, der in diesem Tempo nicht einmal auf eine Tischplatte klopfen könnte, schlicht den Atem. Erst recht, weil das Ganze nicht nur Zirkus ist, sondern tatsächlich immer noch Musik.

Noch beeindruckender ist nur, wenn es einem den Atem verschlägt, ohne dass auf dem Podium Spektakuläres vorgeführt wird. Mozart-Sonaten sind zwar zweifellos einfacher zu spielen als Prokofjew, Liszt, Balakirevs «Islamey» oder eine zeitgenössische Spitzfingrigkeit – aber schwieriger gut zu spielen.

Und um schliesslich doch noch die gestellte Frage zu beantworten: Das schwierigste Klavierstück überhaupt ist vermutlich Schumanns schlichte «Träumerei». Wer dieses von zu vielen kitschigen Aufführungen abgenützte Stück noch einmal neu beleben kann – der hat wirklich etwas fast Unmögliches geschafft. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 23.11.2018, 14:20 Uhr

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