Wie Sie Ihr Kind erziehen, ohne es zu strafen

Eltern drohen oft mit Sanktionen, wenn Kinder nicht spuren. Doch zu geschätzten Mitmenschen formt man sie dadurch nicht. Im Gegenteil.

Wie werden wohl Mama und Papa reagieren? Ein Mädchen hat eine Scheibe verschmiert. Foto: Getty Images

Wie werden wohl Mama und Papa reagieren? Ein Mädchen hat eine Scheibe verschmiert. Foto: Getty Images

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Die vierjährige Sara haut ihren kleinen Bruder auf den Kopf. «Das reicht, du gehst jetzt auf dein Zimmer», sagt die Mutter. Simon, 9, spielt draussen mit seinen Freunden. Sein Vater hat schon zweimal vergeblich nach ihm gerufen und brüllt: «Wenn du jetzt nicht zum Abendessen kommst, ist Fernsehen für eine Woche gestrichen.»

Sanktionen und Drohungen gehören zum Erziehungsalltag. Erwachsene wollen den Kindern damit Grenzen setzen und ihnen aufzeigen, dass Handlungen Konsequenzen haben. Dahinter verbirgt sich oft die Sorge, unsere Kinder würden sich sonst zu Tyrannen entwickeln. Manchmal ist es auch pure Verzweiflung, die uns «Wenn, dann »-Sätze sagen lässt. Weil Bitten nicht fruchtet und wir das Gefühl haben, gegen eine Wand zu reden. Doch sind Strafen wirklich nötig und sinnvoll, damit Kinder auf uns Erwachsene hören, wichtige Werte verinnerlichen und sich später zu geschätzten Mitmenschen entwickeln? Oder erschwert diese Art von Erziehung sogar das, was wir uns langfristig für unsere Kinder wünschen?

«Bestrafungen helfen dem Kind nicht. Sie sind sogar schädlich für die Entwicklung.»Katharina Saalfrank, «Super Nanny»

Für den dänischen Familientherapeuten und Bestsellerautor Jesper Juul ist die Antwort klar: Drohungen und Bestrafungen sind ein Machtmissbrauch und zeigen einen Mangel an Vertrauen auf. Mütter und Väter würden damit ignorieren, dass Kinder von Natur aus bereit sind, sich ihnen anzupassen. Hörten sie auf zu kooperieren, sei das ein Ausdruck dafür, dass in der Beziehung zwischen Kind und Eltern etwas in Schieflage geraten ist.

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Auch die Pädagogin Katharina Saalfrank, die durch das Fernsehformat «Super Nanny» bekannt wurde, hält nichts von Sanktionen. «Bestrafungen helfen dem Kind nicht. Sie sind sogar schädlich für die Entwicklung», schreibt sie in ihrem Buch «Kindheit ohne Strafen». Das Kind erlebe dadurch Angst, Wut, Scham oder Schuld und kämpfe später mit einem schwachen Selbstwertgefühl. Zudem lerne es nur, die Konsequenzen eines unerwünschten Verhaltens zu fürchten, und nicht, wie man sich respektvoll gegenüber anderen verhält. «Es lernt: Ich muss gehorchen, sonst erfahre ich Schmerzen oder mir wird was weggenommen», sagt Katharina Saalfrank. Die Familientherapeutin stellt zudem die Frage, ob wir Eltern wollen, dass unsere Kinder später selbst Konflikte auf diese Art lösen.

«Eltern vermitteln Grenzen am besten durch klare Ich-Botschaften.»Susanne Schultes, Elternbildnerin

Manche mögen einwenden, dass sie ihr Kind nicht bestrafen, sondern ihm nur logische Konsequenzen aufzeigen, wenn es sich nicht so verhält, wie sie es wünschen. Doch für Fachleute wie Katharina Saalfrank und Jesper Juul sind «logische Konsequenzen» nur ein neues Etikett für Strafen. Möchte ein Kind zum Beispiel im tiefen Winter ohne Jacke rausgehen, sei die logische Konsequenz, dass es draussen friere, sagt Katharina Saalfrank. Nicht, dass das Kind zu Hause bleiben müsse.

Mit dem Älterwerden der Kinder schwinde der Einfluss der Eltern durch solche Machtanwendungen sowieso, sagt die Elternbildnerin Susanne Schultes aus Uetikon ZH. «Nicht selten trauern Eltern dann um die verpasste Chance, mit ihren Kindern eine innige Beziehung aufgebaut zu haben, die von Vertrauen, Wertschätzung und Respekt geprägt ist anstatt von Strafen.» In ihren Beratungen erlebt sie aber auch, dass viele Mütter und Väter mit kleinen Kindern gar nicht erst in die Spirale von Drohen und Strafen geraten wollen und deshalb nach neuen Wegen in der Erziehung suchen. Dabei gehe es nicht darum, Strafen durch eine andere, effektivere Methode zu ersetzen. «Sondern sein Kind so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte.»

Wie Eltern mit dem Nachwuchs Konflikte respektvoll und einfühlsam lösen können, hat der verstorbene US-Psychologe Thomas Gordon schon in den 1960er-Jahren beschrieben. Sein Buch «Familienkonferenz» ist ein Klassiker der Erziehungsliteratur, und seine Elterntrainings haben sich weltweit verbreitet. Thomas Gordon vermittelt dabei keine Laisser-faire-Haltung. Diese ist für ihn fast ebenso schädlich wie eine autoritäre Erziehung. Für ihn brauchen Kinder authentische Erwachsene, die ihre Bedürfnisse klar ausdrücken. «Eltern vermitteln Grenzen am besten durch klare Ich-Botschaften», sagt Susanne Schultes. Ohne dabei das Kind abzuwerten. Also zum Beispiel: «Ich mag es nicht, wenn die dreckigen Schuhe im Gang herumliegen. Ich will nicht den Boden aufwischen.» Anstatt: «Warum musst du immer deine dreckigen Schuhe rumliegen lassen? Du bist so schlampig. Wenn du sie nicht sofort wegräumst, gehen wir heute nicht in die Badi.» Oder: «Nein, ich will dir keine zweite Glace mehr geben. Ich sehe, du hättest gerne noch eine gehabt.» Anstatt: «Eine zweite Glace? Spinnst du? Hör auf zu quengeln, sonst gehen wir heim.»

Im Idealfall bleibt die Mutter ruhig, zugewandt und nimmt das Kind in die Arme, wenn seine Wut in Traurigkeit umschlägt.

Ein Nein löst vor allem bei kleineren Kindern häufig Wutanfälle aus. Denn die Hirnregionen, die für Selbstkontrolle und Vernunft zuständig sind, müssen erst noch ausreifen. «In so einer Situation lohnt es sich, beim Nein zu bleiben. Das Kind braucht dann eine liebevolle Begleitung anstatt einer Auszeit oder anderer Strafen», sagt Susanne Schultes. Im Idealfall bleibt die Mutter ruhig, zugewandt und nimmt das Kind in die Arme, wenn seine Wut in Traurigkeit umschlägt. «So lernt es, mit schwierigen Gefühlen gut umzugehen.»

Oft liegt es auch an unserer Tagesform, ob der Nachwuchs aneckt. «Bin ich müde und gestresst, nervt es mich vielleicht, wenn meine Tochter im Wohnzimmer laute Musik hört und herumspringt», sagt Susanne Schultes. Anstatt zu drohen, den Stecker rauszuziehen, könnte die Mutter sagen: «Mich stört die laute Musik. Ich brauche meine Ruhe.» Solche Ich-Botschaften geben dem Kind die Möglichkeit, auf das Bedürfnis der Mutter einzugehen, anstatt einen Machtkampf loszutreten. «Indem die Mutter der Tochter nicht sagt, was sie zu tun hat, lernt sie zudem, eigene Ideen zur Konfliktlösung zu entwickeln.»

Reagiert das Kind unwillig, kann es hilfreich sein, kurz auf den Widerstand einzugehen. Wenn die Tochter etwa sagt: «In meinem kleinen Zimmer kann ich nicht tanzen», greift die Mutter das auf: «Du bist lieber im Wohnzimmer, weil du hier genug Platz zum Tanzen hast.» Im besten Fall fühlt sich das Kind dadurch verstanden und kommt der Mutter entgegen. «Kinder sind eher bereit zu kooperieren, wenn sie sich mit den Eltern verbunden fühlen», sagt Susanne Schultes.

Doch was ist, wenn es nicht nur um zu laute Musik, dreckige Schuhe oder nicht gemachte Hausaufgaben geht? Sondern der Nachwuchs jemanden verletzt oder etwas gestohlen hat? Braucht es dann nicht eine Strafe, damit das Kind über die Folgen seines Handelns nachdenkt? Nein, sagt Susanne Schultes. Strafen würden nur vom entstandenen Schaden ablenken, da das Kind dann vor allem mit sich selbst beschäftigt ist, mit seiner Wut, Scham oder seinen Schuldgefühlen. Die Familienberaterin rät, zusammen mit dem Kind zu überlegen, wie es den Schaden wiedergutmachen kann. Zudem sollten die Eltern versuchen, herauszufinden, was hinter dem Verhalten des Kindes steckt.

Manchmal hört ein unerwünschtes Benehmen erst auf, wenn wir als Eltern erkennen, welche seelische Notlage dahintersteckt, und darauf reagieren. Wenn also die Dreijährige wiederholt ihren Baby-Bruder auf den Kopf haut, reicht es womöglich nicht, wenn der Vater sagt, dass er das nicht gut findet. Was die Tochter braucht, sind Eltern, die zuhören und erkennen, was sich hinter dem Hauen verbirgt. «Wenn ein Kind sich danebenbenimmt, braucht es uns am meisten», erklärt die Gordon-Familientrainerin Susanne Schultes. «Vielleicht fühlt sich die Tochter seit der Ankunft des Babys ungeliebt.» Hier hilft es, Verständnis dafür zu zeigen, wie schwierig es ist, Mama und Papa plötzlich mit einem Baby teilen zu müssen. Ein erster Schritt könne sein, dass die Eltern Zeiten einplanen, in denen sie nur für das ältere Geschwister da sind.

Gemeinsam eine Lösung suchen

Für Konflikte, in denen es um unterschiedliche Bedürfnisse geht und die sich durch Ich-Botschaften nicht auflösen lassen, rät Thomas Gordon zu einer Lösung, bei der niemand verliert: Beide Parteien überlegen gemeinsam, wie alle Bedürfnisse berücksichtigt werden können. Im Falle der Tochter, die laut Musik hören will, und der Mutter, die ihre Ruhe haben will, muss zuerst geklärt werden, was genau die Bedürfnisse sind. Möchte sich die Mutter in Ruhe hinlegen und die Tochter im Wohnzimmer tanzen, könnte die Mutter ins Schlafzimmer gehen. Will sich die Mutter aber im Wohnzimmer erholen, weil es dort gemütlicher ist, könnte die Tochter das Musikhören auf später verschieben. Derjenige Vorschlag, der für beide stimmt, wird in die Tat umgesetzt. Manche Experten geben zu bedenken, dass dieses «Aushandeln» erst mit älteren Kindern funktioniere. Susanne Schultes macht eine andere Erfahrung. «Kinder sind begeistert, wenn sie sich beteiligen dürfen. Oft kommen schon von kleineren Kindern erstaunlich gute Vorschläge.»

Eltern, die schon in der Erziehung auf Strafen verzichten und wertschätzend mit ihrem Nachwuchs umgehen, können sich laut Thomas Gordon in der Pubertät der Kinder zurücklehnen, anstatt dauernd Kämpfe auszutragen. Aufruhr und Rebellion entstehen ihm gemäss vor allem deshalb, weil sich der Jugendliche aufgrund seiner wachsenden Unabhängigkeit nicht mehr ohne weiteres durch Bestrafungen und Belohnungen kontrollieren lässt.

«Wollen wir, dass Kinder sich später an die Verkehrsregeln halten und nicht stehlen, weil es sonst eine Strafe gibt?»Susanne Schultes, Elternbildnerin

Kritische Stimmen wenden ein, eine Erziehung ohne Strafen bereite die Kinder nicht genug auf die Realität vor. Denn im echten Leben ziehe ein Fehlverhalten häufig Sanktionen nach sich. Susanne Schultes lässt dies nicht gelten: «Wollen wir, dass Kinder sich später an die Verkehrsregeln halten und nicht stehlen, weil es sonst eine Strafe gibt? Oder wünschen wir uns, dass sie es deshalb nicht tun, weil sie ihre Mitmenschen nicht gefährden wollen und das Eigentum anderer respektieren?» Kinder lernten, gute Entscheidungen zu treffen, indem die Eltern ihnen Verantwortung übertragen und ihnen gute Vorbilder sind, sagt sie weiter. «Wir müssen Kinder also nicht ständig dazu zwingen, Danke und Entschuldigung zu sagen oder mit anderen zu teilen. Wichtig ist, dass wir ihnen diese Dinge vorleben.»

Zum Weiterlesen

Thomas Gordon, «Familienkonferenz», Heyne, 15.50 Fr.
Katharina Saalfrank, «Kindheit ohne Strafen», Beltz, 26.90 Fr.
Jesper Juul, «Grenzen, Nähe, Respekt», Rowohlt, 13.90 Fr.


«Der Weg zum Ziel ist entscheidend»

Der Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster ist überzeugt, dass Humor, Achtung und Kompromisse den Nachwuchs besser auf die Herausforderungen der Welt vorbereiten als eine «harte Hand».

Herr Renz-Polster, Gehorsam und Strenge haben in der Kindererziehung Aufwind. Bücher wie «Warum unsere Kinder Tyrannen werden» oder «Lob der Disziplin» sind Bestseller. Warum?
Es gab in der Geschichte immer wieder Perioden, in denen eine autoritäre Erziehung dominierte. Und dann wieder Zeiten, in denen Eltern liebevoller mit ihren Kindern umgingen.

Wie kommt es zu solchen Schwankungen?
Das hängt davon ab, wie viel Druck in der Gesellschaft herrscht. Sind Menschen in Not, kommen auch die Beziehungen in Not. Blicken wir sorgenvoll und pessimistisch in die Zukunft, sind wir auch mit unseren Kindern eher unentspannt. In den letzten zwanzig Jahren hat sich im Zuge der Globalisierung der Wettbewerb verschärft. Dementsprechend geht die Angst um, «verwöhnte» Kinder könnten in der heutigen Welt nicht bestehen. Viele Eltern glauben, sie müssten ihre Kinder frühzeitig auf die Härte des Lebens vorbereiten.

«Das Bild vom kleinen Tyrannen, der seine Eltern drangsalieren möchte, ist weitverbreitet»: Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Foto: pd/Alessandra Schellnegger

Was beeinflusst den Erziehungsstil sonst noch?
Auf der individuellen Ebene liegt es auch an unserer Biografie, wie wir unsere Kinder erziehen. Welche Beziehungsmuster haben wir selber kennengelernt: Haben wir die Beziehungen als Machtgefälle erlebt oder als Heimat, die uns Geborgenheit gab? Solche Beziehungsmuster geben wir oft an unsere Kinder weiter.

Insgesamt gesehen hat sich die Kindererziehung aber weiterentwickelt. Heute herrscht zum Beispiel weitgehend Einigkeit darüber, dass körperliche Strafen den Kindern schaden.
Ja. Trotz Schwankungen geht die Kurve insgesamt nach oben. Wir haben mehr Respekt vor Kindern als früher. Aber wir dürfen nicht unterschätzen, dass immer noch viele glauben, Kinder müssten mit Drill und Zwang erzogen werden. Das Bild vom kleinen Tyrannen, der seine Eltern drangsalieren und manipulieren möchte, ist weitverbreitet.

«Manche Eltern erziehen ihre Kinder ähnlich wie Hunde.»

Obwohl Bindungsforscher und Entwicklungspsychologen diesem Bild widersprechen.
Wie wir unsere Kinder sehen, sagt viel darüber aus, was für ein Menschenbild wir haben. Und an diesem halten wir fest. Viele glauben, der Mensch brauche eine harte Hand und viel Kontrolle, damit er zu einem gesellschaftsfähigen Individuum wird. Es gibt aber auch Leute, die überzeugt sind, dass der Mensch von klein auf ein kooperatives Wesen ist, das sich gut entwickelt, solange es sich geborgen fühlt und Raum hat, um eigene Erfahrungen zu machen. Die Erkenntnisse der Bindungsforschung und der Entwicklungspsychologie decken sich mit dem Bild vom Kind als kooperatives Wesen. Meine Erfahrung ist jedoch, dass Leute, die das anders sehen, sich nur schwer mit Argumenten überzeugen lassen.

Was wäre Ihr stärkstes Argument?
Ich kann nur sagen: Unsere Kinder müssen lernen, wie sie selbstverantwortlich das Beste aus einem Leben machen, in dem ihnen ständig neue Herausforderungen begegnen. Anders als ein Hund. Er wird immer abhängig von seinem Besitzer bleiben und vor den gleichen Aufgaben stehen. Und doch erziehen manche Eltern ihre Kinder ähnlich wie Hunde.

Gehorsam wird belohnt, unerwünschtes Benehmen wird sanktioniert.
Genau. Ein Kind, das sich darauf einstellen muss, immer nur die Ansagen anderer zu erfüllen, wird sich vielleicht angepasster verhalten. Aber das Entwicklungsziel des Kindes ist nicht Angepasstheit, sondern, Abhängigkeit zu überwinden. Das erreicht man nicht, indem man es zum Gehorsam erzieht. Wirkliche Entwicklung beruht auf innerem Wachstum, nicht auf Hörigkeit. Und das ist leider der schwierigere Weg. Denn dazu braucht es Fähigkeiten wie Empathie, innere Stärke und ein gutes Selbstwertgefühl.

Trotzdem sagen viele Erwachsene: «Mir hat eine solche Erziehung auch nicht geschadet.»
Das ist verständlich. Mit diesem Glauben schützen wir uns. Wir möchten uns das positive Bild der eigenen Kindheit und der Eltern bewahren. Letztlich sollten wir uns bei der Erziehung aber nicht nur die Frage stellen: Was muss ich tun, damit das Ergebnis passt? Es sollte vielmehr darum gehen, wie wir als Familie zusammenleben wollen.

Eltern sollen liebevoll und konsequent erziehen, heisst es oft. Was halten Sie von Konsequenzen statt Strafen in der Erziehung?
Das ist ein neuer Trend, die emotionslose Konsequenz: Jetzt wird aufgeräumt – und wenn das Kind nicht mitmacht, werden die Spielsachen wortlos eingeschlossen. Weil Eltern das auch ohne Gebrüll machen können, wird diese kalte Agenda neuerdings als liebevoll bezeichnet – das Kind könne sich ja frei entscheiden. Dabei ist das pure Unterwerfung. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Grenzen, Regeln und Erwartungen, das Familienleben läuft anders nicht. Nur: Auch hier ist der Weg zum Ziel entscheidend.

Wie sieht der aus?
Die Frage ist: Schaffen wir das, ohne uns in Kampfbeziehungen zu verlieren? Da hilft gute Stimmung in der Bude, da helfen Kompromisse. Da hilft Humor. Und eine durch Verständnis und Güte gewachsene Beziehung.

Herbert Renz-Polster, 1960 in Stuttgart geboren, ist ein bekannter deutscher Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor verschiedener Ratgeber. Sein Forschungsschwerpunkt ist die kindliche Entwicklung aus evolutionsbiologischer Sicht. Renz ist verheiratet und hat vier erwachsene Kinder.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 28.01.2019, 10:49 Uhr

Beispiel 1: Bettruhe



Problem:
Ein dreijähriges Mädchen will abends nicht ins Bett. Die Mutter braucht aber ihre Ruhe. Das Kind erklärt, es könne nicht einschlafen und fühle sich alleine.

Lösung:
Es wird gemeinsam vereinbart, dass das Kind ins Bett geht, aber zum Einschlafen noch ein Hörspiel einschalten darf.

* Quelle: Übungsbuch für Familien aus dem Gordon-Training-Kurs

Beispiel 2: Trödeln



Problem:
Ein zweijähriger Bub darf mit der Mutter einkaufen gehen. Er will vor jedem Schaufenster anhalten und gucken. Die Mutter ist in Eile, weil das Einkaufszentrum bald schliesst.

Lösung:
Sie schlägt vor, sich jetzt zu beeilen und dafür auf dem Rückweg die Schaufenster anzuschauen.

* Quelle: Übungsbuch für Familien aus dem Gordon-Training-Kurs

Beispiel 3:Geschwisterstreit



Problem:
Ein Drei- und ein Vierjähriger streiten sich darum, wer im neuen Kindersitz fahren darf.

Lösung:
Der Vater fragt beide nach Vorschlägen zur Problemlösung. Der Ältere sagt: «Einer kann auf dem Hin-, der andere auf dem Rückweg im neuen Sitz fahren.» Der Jüngere ist einverstanden, wenn er auf dem Hinweg dort sitzen darf. Der Ältere geht darauf ein.

* Quelle: Übungsbuch für Familien aus dem Gordon-Training-Kurs

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