Wie ein Entscheid meine Altersvorsorge sicherte

Frauen, fordert eure Rechte ein – nicht nur heute, am Tag der Frau.

Und immer wieder aufstehen. Ein tüchtiger Hosenlupf oder ein Fall – der Weg zum Aufstieg ist hart und benötigt viel Entschlossenheit.

Und immer wieder aufstehen. Ein tüchtiger Hosenlupf oder ein Fall – der Weg zum Aufstieg ist hart und benötigt viel Entschlossenheit. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es muss etwa zwei Jahrzehnte her gewesen sein. Ich sehe noch die heruntergekommenen Wände der alten Gemeindeverwaltung in Eiken vor mir. Es war ein kühler Frühlingsmorgen, und ich ging hin, um zu wissen, ob ich die Alimente für meine fünf Kinder von der Gemeinde bevorschusst bekäme, da der Kindsvater nicht zahlen konnte. Der damalige Gemeindeverwalter, gross, kleines Bäuchlein, erklärte, dass die Gemeinde leider, leider keine Alimentenbevorschussung sprechen könne. Schliesslich würde ich 3200 Franken verdienen. Ja, er wisse, es sei nicht ganz gerecht, aber mein Lohn liege über der Grenze, und da seien ihm die Hände gebunden. Doch saumselige Zahler gehörten gebändigt. Der Kindsvater sei verpflichtet, für seine Kinder zu sorgen, jawoll, dagegen müsse ich vorgehen, da würde er auch Hand reichen und mich unterstützen.

Einen kurzen Moment schien er stoppen zu wollen, vielleicht durchfuhr ihn die Erkenntnis, dass es mein zweitrangiges Problem war, wie ich irgendwann später zu den Alimenten käme. Vielmehr interessierte mich, wie ich heute und morgen die Hypothek bezahlen, die Löcher im Dach des Hauses flicken und die Einkäufe für das tägliche Leben berappen sollte.

Tief in Gedanken marschierte ich den kurzen Weg nach Hause zurück in unser umgebautes Bauernhaus im Oberdorf: Sollte ich nun weniger in der BaZ arbeiten und so die Kinderalimente-Bevorschussung bekommen? Oder sollte ich auf mehr Lohnarbeit setzen, auch wenn die jüngeren Kinder noch klein waren? Damals, an diesem Frühlingstag, auf einem Weg gesäumt von Primeln und blühenden Forsythien, traf ich eine Entscheidung, die mein weiteres Leben prägen sollte: Ich drehte auf. Ich nutzte meine Situation unverblümt, wies bei Lohn- und Stellenprozenterhöhung darauf hin, dass ich die alleinige Ernährerin der Familie sei und nicht bloss zum Spass arbeite.

Ich ging durch Himmel und Hölle, hatte Schuldgefühle, wenn meine Kinder weinten, weil das Grosi oder die Nachbarin übernahmen, fühlte mich zerrissen, ausgebrannt, nirgends vollständig leistungsfähig. Doch die Mühe hat sich gelohnt. Im Job galt ich als zuverlässige Kraft mit stets neuen Ideen, als gute Teamplayerin, und die Kinder sagen mir noch heute, sie hätten eine gute Kindheit gehabt.

So bin ich dankbar, dass ich mich zwischen Primeln und Narzissen auf diese Weise entschieden habe. Die Pensionskasse ist, wenn auch nicht üppig, so doch etwas gefüllt, die AHV ebenso, mein Job geht mir locker von der Hand, und ich mache ihn immer noch gerne.

Heute haben Frauen exzellente Ausbildungen, doch die grosse Explosion ist ausgeblieben. Soeben ist der Schilling-Report erschienen, und er zeigt Enttäuschendes: Der Frauenanteil in den Geschäftsleitungen der wichtigsten Schweizer Firmen ist 2017 im Vergleich zum Vorjahr von acht auf sieben Prozent gesunken. Dabei haben junge Frauen ihre männlichen Zeitgenossen in Bezug auf Bildung überholt. Gemäss Bundesamt für Statistik (BfS) haben im vergangenen Jahr 24,5 Prozent Frauen und 17,4 Prozent Männer eine gymnasiale Matur gemacht. Sie sind auch in der Mehrheit bei den Bachelor- wie bei den Masterabschlüssen. Doch dann ändert sich das Bild. Von 3640 Personen, die im vergangenen Jahr ihren Doktortitel erarbeitet haben, waren 56,8 Prozent männlich. Lediglich an der Uni Zürich waren die Frauen in den vergangenen drei Jahren jeweils um einige Prozentpunkte besser vertreten. Gemäss BfS sind die Männer auch bei den Dozenten in der Mehrheit.

Warten auf den Märchenprinzen

Was sagt uns das? Die Frauen sind zwar perfekt und teuer ausgebildet, viel besser, als ich es je war, doch sie können oder mögen dieses Potenzial nicht ausschöpfen. Zumindest kommen sie kaum in die oberen Etagen, in die Schaltzentralen der Macht. Vielleicht warten sie auf den Märchenprinzen, der ihnen verspricht, sein Leben lang für sie zu sorgen – ein Prinz, der sich eventuell später in einen Frosch verwandelt. Mit der Folge, dass die Frau im Alter von einer Finanzierungslücke bedroht ist. Vielleicht warten sie aber auch auf mehr Krippenplätze, auf bessere Lohnbedingungen, darauf, dass die Kinder grösser sind oder bis sie perfekt sind und an die Spitze gebeten werden. Oder vielleicht haben sie schlicht und ergreifend keine Lust.

Okay, Letzteres ist vielleicht ein Argument, aber ansonsten kann man nur sagen: Wartet nicht, denn das Streben nach Perfektionismus macht starr.

Lohngleichheit wird es erst geben, wenn jede einzelne Frau mit zähem Willen darum kämpft. Und Kinder erweitern ihren Horizont, wenn sie sich zeitweise von Mama und Papa trennen müssen.

Bis vor wenigen Jahrzehnten waren Frauen dazu verurteilt, staunend den Männern zuzusehen, die die Welt gestalteten. Langsam dämmert es ihnen, dass sie nicht nur dazu da sein müssen, Trümmer aufzukehren und vom Sockel gestürzte Seelen zu trösten, sondern dass auch sie in der Lage sind, Grosses zu erschaffen.

Eine Quote auf Zeit

Wie viele andere Frauen war auch ich lange gegen eine Quote. Doch mittlerweile glaube ich, dass sie nötig ist – zumindest zeitlich beschränkt. Frauen sind nicht weniger kompetent, sie sind zurückhaltender. Und – ihr grösstes Handicap – sie haben nicht das überbordende Selbstbewusstsein von Männern. Warum soll in ihrem Fall, immerhin handelt es sich um über die Hälfte der Bevölkerung, nicht gelten, was in der Politik mit der Konkordanz schon lange gilt? Das gäbe einen Aufschrei, wenn im Bundesrat plötzlich fünf Leute aus der Welschschweiz sitzen würden.

Doch vor allem sollen Frauen mehr Mut zu Neuem und Ungewohntem haben und das Vertrauen, dass Männer genauso gut mit Kindern umgehen können wie sie. Anders vielleicht, doch umso besser, denn nur so erfährt das Kind eine runde, ganze Welt. Noch sind sie in der Minderheit, die Männer, die ihr Kind in den Kindsgi bringen, ihm die Nase putzen und geduldig Fragen beantworten. Doch ihr Anblick gibt Hoffnung für eine Welt, an der Eltern gemeinsam, auf Augenhöhe, die Kinder grossziehen und beide in den Lauf der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eingreifen. Vielleicht würde ein fliessendes Arbeitszeitmodell helfen. Reduzierte Pensen für beide, solange die Knirpse klein sind, sukzessive Erhöhung, wenn sie grösser werden. Dafür lohnt es sich zu kämpfen, aus der Bequemlichkeitsfalle zu steigen und starre Gesellschaftsstrukturen infrage zu stellen.

Einfach ist das nicht, denke ich, als ich die momentan spriessenden Primeln und Narzissen wie damals vor 20 Jahren betrachte. Es ist ein Weg voller Tücken, Höhen und Tiefen und vieler Gelegenheiten, auf die Nase zu fallen – und immer wieder aufzustehen.

Umfrage

Frauen stecken in der Erziehungs- und Haushaltsfalle. Männer könnten ihnen mehr entgegenkommen. Sollen die Männer in Zukunft mehr Teilzeit arbeiten?

Ja

 
45.3%

Nein

 
54.7%

678 Stimmen


(Basler Zeitung)

Erstellt: 08.03.2018, 07:11 Uhr

Artikel zum Thema

Frauen und ihre Feinde

Kommentar Wenn Aktivismus zu Unterdrückung führt. Herzogin Kate trug an der Bafta-Verleihung grün, was in Kreisen von Feministen für Empörung sorgte. Mehr...

#MeToo, der neue kalte Krieg?

Kommentar Die Hysterie, mit der die #MeToo-Debatte im Westen geführt wird, ist eine Verhöhnung all jener Frauen, die in Ländern leben, die ihre Rechte wirklich beschränken, nur weil sie Frauen sind. Mehr...

Frauen sollen wieder natürlicher gebären

Die WHO kritisiert den häufigen Einsatz von Wehemitteln bei Geburten. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Vier Pfoten für die Zukunft: Chilenische Polizistinnen marschieren mit den Welpen zukünftiger Spürhunde an der jährlichen Parade in der Hauptstadt Santiago de Chile. (19. September 2018)
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...