Willkommen an Bord der Air Nostalgia

Gerät eine Fluggesellschaft in Schwierigkeiten, oder ist sie gar am Ende, reagieren Menschen emotional. Weshalb?

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Die Pleite einer Firma ist eben mehr als eine trockene Wirtschaftsmeldung. Die «Berliner Morgenpost» befragte Passagiere am Flughafen Tegel zur Air-Berlin-Insolvenz. Sie sei schon etwas traurig, sagte eine Frau, die gerade auf ihren Abflug nach Mallorca wartete; schliesslich habe die Fluggesellschaft stets Berlin in die Welt hinaus getragen.

Air Berlin soll nicht verschwinden, verspricht zumindest Hauptaktionär Etihad Airways. Doch die Schwierigkeiten – oder gar der Niedergang – einer Fluggesellschaft können eine emotionale Angelegenheit sein. Woher stammte diese Verbundenheit?

Die Menschen trauern einer Fluggesellschaft nach, die persönliche Erlebnisse, Sehnsucht und Nationalstolz vereinte. Das weiss man hierzulande wohl am besten. Das Grounding der Swissair 2001 gilt als nationales Trauma. Die Flugzeuge mit dem Schweizer Kreuz, sie waren Verkörperung von Schweizer Tugenden zum einen, Tor zur Welt für ein kleines Land zum anderen. Dass die Flieger einst von einem Tag auf den nächsten nicht mehr abheben würden, war für viele unvorstellbar gewesen.

Das Empire fliegt weiter

Air Berlin war für viele Einwohner der Stadt die Fluggesellschaft, die sie traditionell in die Ferien am Mittelmeer brachte. Doch im Betreiber des «Mallorca-Shuttle» steckte auch ein Stück deutsche Geschichte. Der amerikanische Pilot Kim Lundgren hatte das Unternehmen 1978 in den USA gegründet – bis zum Mauerfall durften nur Gesellschaften der Siegermächte Berlin anfliegen. Nach der Wende ging das Unternehmen in deutsche Hand.

In Grossbritannien wiederum zelebrieren Aviatikfans auch heute noch die B.O.A.C. (British Overseas Airways Corporation), welche bereits 1974 zur British Airways wurde. Auch diese Gesellschaft war für viele ein Nationalsymbol: Nach dem Zweiten Weltkrieg war Grossbritannien pleite, die Kolonien waren weg, die Menschen litten unter der Austeritätspolitik. Doch die B.O.A.C. mit dem schnittigen Logo auf den Maschinen trug in den Augen vieler Briten die alte Grösse des Vereinten Königreichs weiterhin in die Welt hinaus. Bunte Plakate zeigten die B.O.A.C.-Flieger auf dem Weg in exotische Paradiese, in den Romanen von Ian Fleming transportierten sie James Bond zum nächsten Abenteuer. Und das alles, während der Durchschnittsbrite seine Ferien auf dem Campingplatz eines verregneten Küstenörtchens verbrachte.

Fliegen wie 1970

Es steckt viel Nostalgie in der Verehrung verschwundener Fluggesellschaften. Ihre Fans sammeln Fotos, Embleme und Merchandise aus den goldenen Zeiten der Luftfahrt. Als Fliegen eben noch etwas Besonderes war.

Das zeigt nichts zuletzt auch, wie in den USA die legendäre Pan American Kult geworden ist. Mehr als zwanzig Jahre nach ihrem Niedergang feierte eine TV-Serie jene Zeiten, als Pan-Am-Piloten noch bewundert wurden. Und der Unternehmer Talaat Captan liess mit der «Pan Am Experience» die besten Zeiten der Fluggesellschaft wieder aufleben. In einem Nachbau einer Boeing 747 leben Gäste einen Pan-Am-Flug von 1970 nach: Luxus, adrette Stewardessen, gutes Essen. Keine Ölkrise hat dem Unternehmen zugesetzt, das Attentat von Lockerbie hat es noch nicht zugrunde gerichtet; Fliegen ist noch keine Massenabfertigung von Pauschaltouristen, Fliegen ist noch glamourös. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.08.2017, 14:38 Uhr

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