Wir dürfen das

Auch das noch: Attraktive Menschen haben eine lockerere Sexualmoral als hässliche.

Wer schön ist, bekommt mehr Gelegenheiten, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, und nutzt sie auch. Foto: Esther Michel

Wer schön ist, bekommt mehr Gelegenheiten, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, und nutzt sie auch. Foto: Esther Michel

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Was oft verharmlosend als «das Leben» bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit eine endlose Aneinanderreihung von Kränkungen. Immer gibt es jemanden, der es besser erwischt hat, der schlauer und wohlhabender ist oder einige Sprossen höher auf der Karriereleiter steht.

Und dann die offensichtlichste Kränkung von allen: schöne Menschen, von der Natur über die Massen beschenkt. Ständig verrenken sich alle, um es diesen begehrenswerten Personen recht zu machen. Unzählige Studien haben belegt, was die meisten Menschen auch so wissen, seit die ersten Vorboten der Pubertät in ihr Leben gedrungen sind: Schöne Menschen haben es leichter im Leben; sie werden umgarnt, sie verdienen besser, man traut ihnen mehr zu. Obendrein berichtet nun Robert Urbatsch von der Iowa State University, dass attraktive Menschen nach ihren eigenen moralischen Regeln leben.

Die Arbeit zeigt, wie sehr wir alle – unabhängig vom Aussehen – ethische Opportunisten sind: Wir passen unsere Moralvorstellungen an unsere jeweiligen Lebensumstände an und spazieren dennoch mit einem Heiligenschein durch die Gegend. George Bernard Shaw hat das einmal schön auf den Punkt gebracht, als er sagte, Tugend sei lediglich die Abwesenheit von Versuchung. Geldverschwendung anzuprangern, funktioniert halt geschmeidiger, wenn einem selbst das Geld fehlt, um es zu verjubeln.

Schöne vertreten entspanntere beziehungsweise fortschrittlichere Moralvorstellungen rund ums Thema Sexualität.Aus der Analyse von Robert Urbatsch

Damit zurück zu den Moralvorstellungen der Schönen: Auch in diesem Fall sind es offenbar die Gelegenheiten, die Diebe machen. Der Sozialwissenschaftler Urbatsch analysierte Daten aus Umfragen, in denen seit 1972 Amerikanerinnen und Amerikaner regelmässig zu verschiedenen Themen Auskunft geben. Zudem bewerten die Interviewer die Attraktivität der Teilnehmer.

Die Analyse von Urbatsch offenbart, dass die Schönen entspanntere beziehungsweise fortschrittlichere Moralvorstellungen rund ums Themenfeld Sexualität vertreten. Sie stimmen der gleichgeschlechtlichen Ehe oder einem liberalen Abtreibungsrecht eher zu. Bei ausserehelichen Affären neigen die Attraktiven dazu, diese nicht besonders verwerflich zu finden. Jenseits von sexuellen Fragen hatte die Attraktivität der Studienteilnehmer keine Auswirkung auf ethische Einstellungen.

«Diese Ergebnisse stützen die Hypothese, dass die Möglichkeit, einem fragwürdigen Verhalten zu frönen, das damit verbundene moralische Stigma vermindert», sagt Urbatsch. Und wer mit einem strahlenden Äusseren gesegnet ist, dem stehen die Pforten ins Reich der sexuellen Vergnügungen permanent offen. Das klingt offensichtlich und ist auch mit Studien abgesichert: Wer schön ist, bekommt mehr Gelegenheiten, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, und nutzt sie auch. Aus diesen Erfahrungen, so Urbatsch, leitet sich dann die Haltung ab, dass das so auch in Ordnung sei.

Das eigene Tun schönreden

Zu den mit am besten entwickelten Fähigkeiten des Menschen zählt es schliesslich, sich das eigene Tun schönzureden. Am leichtesten, so haben Psychologen beobachtet, geht einem das bei jenen Dingen von der Hand, mit denen man ohnehin leicht davonkommt. In einer Studie haben Wissenschaftler gezeigt, dass dies zum Beispiel für Steuerhinterziehung gilt: Je einfacher es ist, den Staat zu betrügen, desto eher fanden die Täter das auch in Ordnung – unabhängig von den Beträgen, um die es ging. Schönen Menschen wiederum wird in Liebesdingen sicherlich einiges verziehen, was den von der Natur weniger Beschenkten nachgetragen würde.

Umgekehrt folgt daraus, dass unattraktive Menschen womöglich strenge sexuelle Moralvorstellungen vertreten, weil sie weniger Gelegenheiten zu körperlicher Nähe bekommen. «Grundsätzlich empfinden wir Situationen als unfair und fragwürdig, in denen wir weniger als andere bekommen, und versuchen, diese Ungleichheit zu verändern», sagt Urbatsch. Das könnte auch in der Sexualität so sein. Wenn ein anderer Abenteuer erlebt, man selbst aber nicht, dann ist das ab sofort ethisch zu verurteilen. Vielleicht – Vorsicht, ketzerischer Gedanke – könnte das zur restriktiven Sexualmoral der Kirche beitragen. Nach dem Motto: Wenn wir selbst schon nicht dürfen, dann dürfen alle anderen auch nicht so richtig.

Letztlich steckt in der Studie jedoch für alle eine eher unschöne oder unbequeme Nachricht: Unsere mora­lischen Überzeugungen speisen sich oft aus dubiosen Quellen, die für die grosse Frage nach dem Richtig oder Falsch irrelevant sein sollten. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 18.11.2018, 23:28 Uhr

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