Plädoyer für den Genuss

«Wir tun alles, damit ihr nicht sterbt»

Wofür es sich zu leben lohnt? Genuss! So lautet die dezidierte Antwort des österreichischen Philosophen Robert Pfaller. Gerade in Basel wird das aber immer schwieriger.

Es gibt ein Leben vor dem Tod. Beizenbesucher widersetzen sich dem Trend zur Askese.

Es gibt ein Leben vor dem Tod. Beizenbesucher widersetzen sich dem Trend zur Askese. Bild: Keystone

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Der Wiener Philosoph Robert Pfaller kritisiert die Politik, die Bürger zunehmend entmündigt. Als Genussverhinderer macht Pfaller aber Themen aus, die in der Öffentlichkeit immer wieder panikartiges Aufsehen erregen: Kosteneffizienz, Gesundheitsfanatismus und übersteigerte Sicherheitsbedenken. Der förmlich religiöse Eifer, mit dem solche Debatten geführt werden, sei un­ethisch – ja heuchlerisch.

Schuld daran sei auch die Politik, die etwa mit dem Rauchverbot von grossen Fragen ablenke. Im Interview plädiert Pfaller dafür, sich gegen die zunehmende Entmündigung der Gesellschaft zu wehren. Schliesslich, so Pfaller, «sollte vor dem Tod noch etwas passieren, das es verdient, Leben genannt zu werden».

In Basel haben sich 180 Restaurants zu einem Verein zusammen­geschlossen, dessen Mitgliedern in den Lokalitäten das Rauchen gestattet wird. Was halten Sie vom Fümoar-Modell?
Ich glaube, das ist eine ganz gute Lösung – ein kluger Weg, einer Misere zu begegnen. Es ist bedenklich, dass die Politik in den letzten Jahren sehr viele Dinge nicht reguliert hat. Hemmungslose Akteure auf den Finanzmärkten durften lange Zeit unbehelligt sehr viel Unheil anrichten. Andererseits betätigt sich die Politik plötzlich auf Nebenschauplätzen und beginnt, Individuen zu schikanieren und einzuschränken. Wenn man diese Dinge regeln möchte, kann man ja sehr nüchterne Lösungen finden, die das Zusammenleben von Rauchern und Nichtrauchern problemlos ermöglichen. Der Markt etwa würde genügend Nichtraucherlokale hervorbringen.

Aber Passivrauchen schadet doch.
Was ich bei der ganzen Diskussion beunruhigend finde, ist die Tendenz, ein Phänomen völlig tilgen zu wollen. Dieser Eifer hat für mich etwas Verdächtiges. Ich sehe hier die Spur eines religiösen Eifers, der etwas auslöschen will. Aus Sicht der Ethik finde ich es fragwürdig, dass man erwachsene Individuen in die Rolle schwacher, schutzbedürftiger Wesen bringt. Das ist die ungeheuerliche Entmündigung, die hier passiert.

Trotzdem, es geht um die Gesundheit.
Ich sage nicht, dass Leute rauchen sollen. Es ist gefährlich, und die Leute wissen das auch. Aber man soll die Menschen nicht ständig so behandeln, als ob sie kleine Kinder wären, denen man alles verbieten müsste. Es ist eine entscheidende ethische Maxime, die Leute als politische und mündige Bürger ernst zu nehmen. Damit sie nicht nur mit ihren kleinlichen Wehwehchen beschäftigt, sondern in der Lage sind, Überlegungen anzustellen, was für die Gesellschaft am besten ist.

Was denken Sie, woher kommt das?
Die gegenwärtige kleinliche und gouvernantenhafte Politik will von den eigentlichen Problemen ablenken – aufgrund ihrer Untätigkeit. Es wird uns suggeriert, wenn wir kein Fleisch essen und keinen Alkohol trinken, nicht rauchen, rechtzeitig ins Bett gehen, niemanden belästigen und allen die Polizei auf den Hals hetzen, die sich nicht daran halten, werden wir wahrscheinlich gar nicht sterben. Zudem steckt darin auch der Gedanke, dass uns der Tod gar nicht zugemutet werden kann: «Wir tun alles, damit ihr nicht sterben müsst. Und wenn es dann doch so weit kommt, liegt es wahrscheinlich daran, dass ihr heimlich geraucht habt.» Man kann dies auch auf kultureller Ebene belegen.

Und wie?
In manchen europäischen Städten gibt es eine Tendenz, die Leichenwagen aus dem Stadtbild zu verbannen. Früher gab es grosse schwarze Limousinen, womit der teure Tote einen würdevollen Weg durch die Stadt hatte. Es war für alle klar erkennbar, dass da jemand verstorben ist. In der neuen Ausgestaltung dieses Dienstes kommt ein gewöhnlicher Lieferwagen. In ihren Staubanzügen beladen die Bestatter den Lieferwagen mit einem Paket, das sie aus dem Haus tragen. Dabei könnten sie für irgendwelche Kurierboten gehalten werden. Diese Entwicklung müssen wir umkehren und sagen, es ist uns klar, dass wir alle sterben müssen. Vor dem Tod soll aber gerne noch etwas passieren, das es verdient, Leben genannt zu werden.

An der Uni Basel verlangte der Studierendenrat, dass die Mensa nur noch vegetarisch auftischt.
Ich muss manchmal lachen, was den Menschen einfällt, was sie sich noch alles versagen können. Es macht mich, ehrlich gesagt, etwas ratlos. Ich glaube, wir müssen wieder erwachsene Menschen und politische Bürger werden und uns nicht ständig um solchen Kleinkram kümmern. Wenn jemand vegetarisch leben möchte, soll er bitte die Möglichkeit bekommen. Das kann doch aber nicht zum Inhalt einer politischen Agenda werden.

Dass die Fleischproduktion aber enorm ressourcenintensiv und zu viel Fleisch ungesund ist, sind doch Tatsachen.
Ich glaube, wir müssen nüchtern einsehen, dass wir alle, so wie wir im Westen leben, mehr schaden als nutzen. Wenn wir das ernst nähmen, müssten wir uns noch heute in die Luft sprengen, um die Welt somit von den grössten Parasiten und Schädlingen zu befreien. Wenn wir das nicht tun wollen, sollten wir uns einigermassen vernünftig überlegen, wie wir unser Leben verbringen und in welchem Masse solche Initiativen nützlich sind oder nur paranoisch. Es sind Ablenkungsversuche davon, dass es nicht gelingt, unsere wesentlichen Verhältnisse in Ordnung zu bringen. Jeden Tag ertrinken Menschen im Mittelmeer auf der Flucht aus Afrika – und das sind wohlgemerkt die Eliten. Zurück bleiben vornehmlich Kinder und Alte. Das sind doch weiss Gott dringendere Sorgen. Könnte aufgezeigt werden, dass durch unseren Verzicht afrikanische Dörfer nicht mehr verlassen werden, dann sähe ich dies durchaus ein. Ich finde einfach, wir versuchen immer, gut zu sein, ohne die Welt damit tatsächlich zu verbessern. Das finde ich moralisch zutiefst verwerflich.

Im Sommer entbrannte eine Diskussion um Restaurants in Basler Innenhöfen. Eine behördliche Regelung schreibt ihnen 20 Uhr als Betriebsschluss vor.
Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer hohen österreichischen Richterin. Sie erzählte mir, dass Lärmklagen in den letzten Jahren massiv zugenommen haben – über jede Art von Lärm. Auch wenn in einem Mehrfamilienhaus beispielsweise ein Pianist übt. Das kann natürlich schon ärgerlich sein. Sie sagte aber, es sei signifikant, wie massiv das Gefühl zugenommen habe, belästigt zu werden. Das muss man auf die Infantilisierung der Kultur zurückführen. Also dass die Leute sich zunehmend als verwundbare, hilflose Opfer empfinden und auch zunehmend wie dumme Kinder angesprochen werden. Ich vermisse den Appell: «Du bist ein Erwachsener. Du wirst überrascht sein, aber du hältst das aus!»

Sie haben die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, zweigeteilt: Wofür es sich lohnt, sein Leben zu investieren. Und wodurch das Leben lebenswert wird. In welchen Dienst, finden Sie, lohnt es sich, sein Leben zu stellen?
Für welche Mission es sich lohnt, sein Leben einzusetzen, hat man nicht vollends im Griff. In Zeiten des Faschismus sind die Leute nach Spanien gegangen, um die Republik zu verteidigen. In anderen geschichtlichen Momenten sind Menschen nicht dazu in der Lage, selbst wenn sie bereit wären. Eine politische Mission, die Intellektuelle heute ernst nehmen sollten, ist, dafür zu sorgen, dass diese infantilisierenden Appelle der Politik aufhören. Sodass Individuen sich nicht als Opfer und belästigte Wesen fühlen und meinen, dadurch liebenswert zu sein. Es muss eine Appellumkehr stattfinden: «Liebenswert seid ihr, wenn ihr fähig seid, eure kleinlichen Opfergesten zu überwinden und ihr euch wieder als Citoyens gebärdet – nicht als Bourgeois und Idioten, die sich nur um das Eigene kümmern.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.12.2012, 18:31 Uhr

Robert Pfaller, geboren 1962 in Wien, war Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft in Linz und Wien. Seit 2009 ist er Professor für Philosophie an der Uni­versität für angewandte Kunst in Wien.

Pfaller ist Autor zahlreicher Bücher zur Gegenwartskultur. Im Frühjahr 2011 erschien «Wofür es sich zu leben lohnt – Elemente materialistischer Philosophie». Sein letztes Buch erschien im Oktober 2012: «Zweite Welten und andere Lebenselixiere». Pfaller war kürzlich Gastredner in Basel bei einem Anlass der BSSM Werbeagentur.

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