Wo Homosexualität nur im Untergrund existiert

Schwule und Lesben werden in Jamaika stigmatisiert wie in kaum einem anderen Land der westlichen Hemisphäre. Nun wurde ein transsexueller Teenager an einer Party von einem Mob getötet.

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Dwayne Jones träumte von einer Künstlerkarriere wie der von Lady Gaga. Er gewann bei mehreren kleineren Tanzwettbewerben den ersten Preis und wurde liebevoll «Gully Queen» genannt, weil er obdachlos war und auf der Strasse lebte: Sein Vater hatte ihm das Haus verboten. Und er sorgte auch dafür, dass Dwayne in dem Slum der nordwestlichen Stadt Montego Bay, in dem er aufgewachsen war, keine neue Bleibe fand. Denn Dwayne war transsexuell, zeigte sich gerne in Frauenkleidern.

Sein gewaltsamer Tod – der 16-Jährige wurde bei einer Tanzveranstaltung von einem Mob ermordet – wirft erneut ein Licht auf die Homophobie, die auf der drittgrössten Karibikinsel herrscht.

Reggae-Künstler heizen Stimmung an

Die Lebensumstände für Homosexuelle in Jamaika seien «das Schlimmste, was wir in diesem Zusammenhang jemals gesehen haben», erklärte ein Sprecher der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch 2006 nach der Ermordung zweier prominenter Vertreter der Schwulen- und Lesbenbewegung auf der Insel.

Seit Jahren existiert Homosexualität in Jamaika praktisch nur im Untergrund; Partys oder Gottesdienste finden an geheimen Orten statt. Analsex ist nach einem seit fast 150 Jahre geltenden Gesetz verboten; Reggae-Künstler verbreiten bei ihren Konzerten ungestraft homophobe Einstellungen.

Er stand im Mittelpunkt des Festes

Aktivisten verweisen immerhin darauf, dass sich in den vergangenen Jahren die Lage etwas verbessert habe. Es gebe etwas mehr Toleranz, sagt Dane Lewis vom jamaikanischen Forum für Lesben und Schwule. Tatsächlich erregte Dwaynes Tod viel Aufsehen in den Medien, die Forderung nach mehr Schutz für Homosexuelle wurde laut, insbesondere für diejenigen, die auf der Strasse leben oder in der Sexindustrie arbeiten.

«Aber schaut man sich die Kommentare in den sozialen Medien an, denken die meisten Jamaikaner, dass Dwayne Jones selbst Schuld hat an seinem Tod, weil er sich in Frauenkleidern bei einer öffentlichen Veranstaltung gezeigt hat», sagt die Bloggerin Annie Paul.

Dwayne hielt sich in Bezug auf sein Sexualleben normalerweise bedeckt. Am betreffenden Tag aber verriet er einem Mädchen, das er aus der Kirche kannte, dass er in Frauenkleidern zur Hetero-Party kommen wolle. Das Mädchen erzählte es weiter. Als Dwayne am späten Abend eintraf, war er – als hochgewachsene attraktive Frau und gute Tänzerin – bald einer der Mittelpunkte des Festes.

Der Mob schlug zu

Dann, so erzählen zwei Freunde, die Dwayne begleiteten, habe sich eine Gruppe junger Männer genähert und Dwayne gefragt: «Bist Du ein Mann oder eine Frau?» Sie hätten ihn mit Lampen von Kopf bis Fuss angestrahlt und ordinäre Sprüche losgelassen. Khloe, eine von Dwaynes transsexuellen Freunden, berichtet, sie habe ihn aus der Menge herausbringen wollen, ihm zugerufen: «Komm mit mir. Komm mit mir.»

Er habe aber anfangs mit seinen Angreifern diskutiert und immer wieder betont: «Ich bin ein Mädchen.» Schliesslich hätten sie ihn körperlich attackiert, daraufhin sei er in Panik weggerannt. Nicht schnell genug: Der Mob holte ihn ein. Dwayne wurde geschlagen, mit dem Messer angegriffen, von einem Auto überrollt. Er starb nach zwei Stunden. Khloe wurde nach eigenen Angaben ebenfalls geschlagen und beinahe vergewaltigt, es gelang ihr, sich in einer Kirche zu verstecken.

Niemand festgenommen

Freunde des Opfers beklagen, dass bisher niemand festgenommen worden sei, obwohl an der fraglichen Party am 22. Juli rund 300 Menschen anwesend waren und es Zeugen geben müsse. Nach Worten von Polizeisprecher Steve Brown scheuen allerdings viele Zeugen aus Angst oder Unwilligkeit eine Aussage, was die Ermittlungen erschwere. Mittlerweile hat sich selbst das Justizministerium eingeschaltet und eine umfassende Untersuchung des Vorfalls gefordert.

Khloe und Dwaynes andere Freunde vermissen ihn sehr. «Er war der Jüngste von uns, aber er war eine Diva», erzählt Khloe. «Er war lebhaft und hat ständig Witze gerissen. Oft sehe ich ihn vor mir.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2013, 21:43 Uhr

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