Zunehmend männerblind

Junge alleinerziehende Mütter leben überwiegend von Sozialhilfe. Das ist nur die halbe Wahrheit.

Hohes Armutsrisiko: Die meisten Sozialhilfefälle in der Schweiz gibt es bei Männern zwischen 36 und 55 Jahren – zumeist geschieden und allein lebend.

Hohes Armutsrisiko: Die meisten Sozialhilfefälle in der Schweiz gibt es bei Männern zwischen 36 und 55 Jahren – zumeist geschieden und allein lebend. Bild: Keystone

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Die Zahl der Sozialhilfefälle in der Schweiz ist markant angestiegen. Das hat soeben der «Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe in Schweizer Städten» ergeben – am deutlichsten in Biel, Lausanne und Basel. Für die «Tageschau» des Schweizer Fernsehens war dies am Dienstag die Topmeldung. Hauptbetroffene sind laut SRF junge alleinerziehende Frauen.

Da das SRF das so sehen will, verstärkte die «Tagesschau» ihre Botschaft in der Sendung um einen weiteren Beitrag, in dem eine alleinerziehende Mutter aus Basel ihre Probleme darstellte. Populäre Medien wie zum Beispiel 20 Minuten stiessen ins gleiche Horn: «Junge alleinerziehende Mütter, die in Schweizer Städten leben, sind in 80 Prozent der Fälle auf Sozialhilfe angewiesen.»

Die Studie – verantwortet von der Fachhochschule Bern – zeichnet allerdings eine andere Realität. Ihr zufolge gibt es die meisten Sozialhilfefälle bei Männern zwischen 36 und 55 Jahren – zumeist geschieden und allein lebend. 20 Prozent dieser Männer beziehen Sozialhilfe.

Das deckt sich im Übrigen mit internationalen Zahlen etwa aus den USA oder aus Deutschland. «Gemäss dem Bericht» – so die NZZ – «ist der Anteil der Männer, die Sozialhilfe beziehen, in manchen Städten sogar doppelt so hoch wie jener der Frauen.» Richtig ist, dass auch Alleinerziehende – notabene beiderlei Geschlechts – ein hohes Armutsrisiko tragen. Allerdings ist diese Gruppierung, gemessen an den von Sozialhilfe betroffenen Männern, eher peripher. Korrekt nennt sie die NZZ «klein».

Wissenschaftlich verbrämt

Die Realitätsverweigerung des Schweizer Fernsehens und anderer Medien mag, bewusst oder unbewusst, mit dem einstigen feministischen Kult um die vaterlose Familie zu tun haben. Die englische Autorin Maureen Green formulierte zeitsymptomatisch: «Ein toter Vater ist Rücksicht in höchster Vollendung.» Im deutschsprachigen Raum kursierte das böse Wort, dass nur ein toter Vater ein guter Vater ist.

Wissenschaftlich verbrämt wurde die vaterlose Familie gefeiert – ohne Mann und ergo auch ohne Gewalt, Tyrannei und Missbrauch. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist die Arbeit «Alleinerziehen als Befreiung» der deutschen Sozialwissenschaftlerin und Feministin Anita Heiliger.

Ohne überhaupt schon etwas untersucht zu haben, bezeichnet Heiliger – lange Zeit auch in der Schweiz aktiv – im Untertitel «Mutter-Kind-Familien als positive Sozialisationsform» und gleich auch noch als «gesellschaftliche Chance». «Väter wollen herrschen, und Mütter wollen immer nur das Beste.» Die Mutter-Kind-Familie ohne Vater sei «die Befreiung von männlicher Herrschaft». Ein gemeinsames Sorgerecht lehnte Heiliger schon frühzeitig ab, weil sie es als «Racheakt» des Vaters interpretierte.

Jean-Paul Sartre ist ohne Vater aufgewachsen. Er schreibt: «Ich war ein Waisenkind ohne Vater. Da ich niemandes Sohn war, wurde ich meine eigene Ursache.» Der Bub Sartre beschäftigt sich nachgerade zwanghaft mit dem Tod, auch mit dem eigenen Verschwinden aus dieser Welt. Solche frühkindliche Tragik findet sich in den Werken vieler Schriftsteller, Franz Kafka wäre ein anderes berühmtes Beispiel.

Doch die Dramen müssen nicht literarisch sein; sie sind auch ganz alltäglich. Ein absenter Vater ist – so weiss die Therapeutik – eine lebenslange Quelle von Traurigkeit, Ärger, Verbitterung und Scham. Ein Sohn braucht seinen Vater, damit er sinnvoll Mann werden kann. Die Tiefenpsychologin Marga Kreckel bringt es bündig auf den Begriff: «Bleibt der Vater für den Sohn das unbekannte Wesen, so bleibt der Sohn auch sich selbst fremd.»

Geschlechterselektive Brille

Besonders deutlich hat die empirische Forschung den Wahn vom Glück der vaterfreien Familie widerlegt. Letztere stellt in Wirklichkeit ein dramatisches Armutsrisiko dar: Etwa 80 Prozent der alleinerziehenden Mütter leben von staatlicher Unterstützung; die Kinder aus diesen Verbindungen sind – im Vergleich mit jenen aus vollständigen Familien – vielfach kränker, weisen schlechtere Schulleistungen auf, eine grössere Suizidquote, häufigere Ausbildungsabbrüche, höhere Verwahrlosungstendenzen und Kriminalitätsraten und sind – aufgrund ihrer Vaterdeprivation – sogar noch im fortgeschrittenen Erwachsenenalter einem signifikant höheren Depressionsrisiko ausgesetzt.

Die stete Leugnung solcher Realitäten passt aber fugengerecht in die Darstellung, wie das SRF sie pflegt: Männer sind Täter. Selbstverständlich müssen Typen wie Weinstein, Strauss-Kahn und Konsorten angeprangert werden. Aber zum Ersten sind Weinstein oder Strauss-Kahn nicht alle Männer und zum Zweiten: Männer sind auch Opfer. In diesem Sinne ist es symptomatisch, dass SRF breit über die «MeToo»-Kampagne belästigter Frauen berichtet, aber mit keinem Wort die «MenToo»-Kampagne belästigter Männer erwähnt.

Männliche Problembereiche kommen bei SRF nicht vor: der höhere Krankenstand, die frühere Sterblichkeit, die dreimal höhere Suizidrate im Vergleich mit Frauen, die seit Jahren signifikant grössere Arbeitslosigkeit, die schlechtere Prävention und andere.

Selbstverständlich wird der Frauentag im März gross gefeiert, der Männertag im November aber nicht einmal erwähnt. So langsam wäre es an der Zeit, die geschlechterselektive Brille abzusetzen.

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie und ehemaliger Gutachter des Europarates für soziale Fragen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 10:13 Uhr

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