Ach, Serena

Satire geht offenbar nur noch, wenn das Ironie-Objekt ein weisser Mann oder eine grossflächig verhasste weisse Gruppe ist. Karikaturen werden zahm, Satire langweilig.

Autorin Tamara Wernli wurde sogar mit nackter Brust auf einer grossen Laterne durch die Basler Fasnacht gezogen.

Autorin Tamara Wernli wurde sogar mit nackter Brust auf einer grossen Laterne durch die Basler Fasnacht gezogen.

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Gelegentliches Zerstören eines Tennisrackets oder frustriertes Herumgemotze auf dem Court ist kein Skandal. Das passiert den grössten Stars. Es geht um viel Geld, Prestige, teilweise haben die Sportler ihr ganzes Leben auf den einen Moment hingearbeitet.

Bei der vielleicht grössten Tennisspielerin aller Zeiten, Serena Williams, gehen die Ausfälligkeiten ein Stück weiter: 2009 drohte sie einer Linienrichterin: «Wenn ich könnte, würde ich verdammt noch mal diesen verdammten Ball in deine verdammte Gurgel stecken und dich umbringen. Hörst du das?» 2011 fuhr sie die Schiedsrichterin an: «Sie sind eine Hasserin und haben ein unattraktives Inneres.»

Auch am Samstag bei den US Open hatte die 36-Jährige weder das Racket noch sich selbst im Griff. Sie verlor die Nerven – und das Spiel. Zuvor hatte der Schiedsrichter sie dreimal verwarnt, irgendwann schrie sie ihn an: «Ich habe eine Tochter, ich betrüge nicht!» Und: «Du schuldest mir eine Entschuldigung.» Sie nannte ihn «Dieb» und «Lügner» und zückte die Sexismuskarte: «Das ist nicht fair. Nur weil ich eine Frau bin.» Bei der Siegerehrung wurde die Gewinnerin Naomi Osaka vom Publikum ausgebuht, weinte. Serenas Gezeter hat den glanzvollsten Moment ihrer Karriere ruiniert. Das ist unschön.

Konsequenzen

Wer sich so danebenbenimmt, muss mit Konsequenzen rechnen, das gilt für Normalsterbliche wie für Superstars. In Serenas Fall war die Konsequenz unter anderem eine Karikatur in der australischen Zeitung The Herald Sun. Darin ist sie als zwängelndes Baby dargestellt. Es bildet ihr Benehmen treffend ab.

Die humorloseren Zeitgenossen unter uns empören sich darüber, das Bild sei rassistisch und sexistisch. Der Internetmob zog über den Karikaturisten Mark Knight her, forderte seine Entlassung, drohte ihm mit Mord. Er löschte seinen Twitter-Account.

Ich kann das Getöse um die Karikatur nicht verstehen. Satire ist überspitzt, Leute werden übertrieben dargestellt, Stereotype herausgearbeitet. Männer werden ständig mit stereotypen Merkmalen abgebildet – übergrosse Segelohren, schütteres Haar, Hängebauch und rote Nase – keiner schert sich drum. Ich wurde schon mehrmals karikiert, sogar mit nackter Brust auf einer grossen Laterne durch die Basler Fasnacht gezogen oder als «Telefasel»-Tussi mit riesen Zinken. Du meine Güte.

Vergiftung der künstlerischen Freiheit

Was soll an der Karikatur rassistisch sein? Äussere Merkmale sind übertrieben abgebildet: Gekräuseltes Haar. Üppige Lippen. Athletische Statur mit grossem Hintern. Wenn das nicht mehr zumutbar ist, muss Karikatur grundsätzlich verboten werden. Im Übrigen hat Serena ja auch kein Primaballerina-Figürchen. Das heulende Riesenbaby? Sie hat sich wie ein wütendes Baby aufgeführt. Der Karikaturist, der Tage zuvor einen männlichen Spieler als gereiztes Kleinkind darstellte, schrieb: «Es ist eine Karikatur über Verhalten. Es hat nichts mit Rasse zu tun.»

Die Besessenheit mit Identitätspolitik vergiftet die künstlerische Freiheit. Karikaturen erschaffen angesichts einer dauerdrohenden Guillotine in Medien und sozialen Medien – der Job wird dereinst so befriedigend sein wie ein Spaziergang durchs Minenfeld.

Satire geht offenbar nur noch, wenn das Ironie-Objekt ein weisser Mann oder eine grossflächig verhasste weisse Gruppe ist. Künstler werden von Rassismus- und Sexismusvorwürfen irgendwann genug haben. Karikaturen werden zahm, Satire langweilig. Humor bleibt auf der Strecke. Was für eine traurige Gesellschaft. (Basler Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 11:03 Uhr

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