Angriff auf die Schönheit

Miss-America-Kandidatinnen treten nicht mehr im Bikini auf. Der freiheitsfeindliche Feminismus feiert Erfolg um Erfolg.

Ein Bild, wie man es nicht mehr sehen soll. Kandidatinnen an der Miss-America-Wahl von 2013.

Ein Bild, wie man es nicht mehr sehen soll. Kandidatinnen an der Miss-America-Wahl von 2013. Bild: Keystone

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Es gibt zwei Arten von Frauen. Die einen haben Spass. Sie sind mit sich im Reinen. Handeln selbstbestimmt. Strahlen Zuversicht aus. Sie lieben das Frau-Sein. Zelebrieren ihre Dekolletés und die Weiblichkeit. Die Anerkennung dafür nehmen sie dankbar an.

Die anderen, die sind neidisch. Frustriert. Hypersensibel. Dauerempört. Regen sich über Unterwäscheplakate auf, über lustige Werbung auch. Den Blick aufs Décolleté halten sie für sexuelle Belästigung, ein Kompliment für einen Übergriff und den Hostessen-Job für die reinste Demütigung. Diese Frauen sind durchdrungen von dem Verlangen, alle Bereiche, in denen sie nicht mithalten können, abzuschaffen. Haben sie keinen Spass, sollen ihn auch die anderen nicht haben. Wir sprechen von der vierten Welle der Feministinnen, und mit ihrem Angriff auf die weibliche Schönheit haben sie derzeit grossen Erfolg.

Neulich bin ich über einen Artikel gestolpert. «Grüne wollen Miss-Wahl auch für weniger Schöne» titelte die Berliner Zeitung B.Z. Die Grünen-Politikerin Marianne Burkert-Eulitz beschwerte sich, dass «Jugendliche, die nicht gross und schlank sind, bei Miss-Wahlen ausgegrenzt» würden. Jeder solle eine Chance bei einem Schönheitswettbewerb bekommen – auch weniger schöne Menschen. Persönlich finde ich ja, man könnte noch weiter gehen: Damit sich niemand aufgrund seines Aussehens ausgegrenzt fühlt, sollte man Teilnehmer von Schönheitswettbewerben nicht nach ihrem Aussehen, sondern nach ihren Bastel-Fertigkeiten beurteilen. Oder nach ihrem Umgang mit Entenküken. Ihrem Erfolg beim Biotomatenanbau.

Die richtigen Gedanken

Der Artikel ist zwar ein paar Jährchen alt, im Zuge der Miss-America-Neuerungen hat er aber neue Relevanz erlangt – auch meine Ideen wurden da übrigens mehr oder weniger zielstrebend umgesetzt. Anfang Juni teilte die Organisation mit, dass der Badeanzug-Teil, also der Höhepunkt der Schönheitswahl, künftig abgeschafft wird. Die Teilnehmerinnen müssen sich auch nicht mehr im Abendkleid und hohen Schuhen präsentieren, sie können anziehen «was immer sie wollen». Der Wettbewerb werde neu für «Frauen aller Figuren und Grössen» sein. Statt auf physische Attribute werden die Juroren auf soziales Engagement und die Ziele im Leben der Frauen fokussieren. «Wir werden unsere Kandidatinnen nicht länger aufgrund ihrer physischen Erscheinung beurteilen, das ist riesig», jubelte die Vorsitzende Gretchen Carlson beim TV-Sender ABC. Sie nannte es eine kulturelle Revolution.

Konsequenterweise sollte man auch das Make-up bei dem Auftritt abschaffen.

Yaaaaay! Schlabberlook und flache Schuhe! So revolutionär, so fortschrittlich, so frauengerecht! Genau das, was die Zuschauer bei Misswahlen sehen wollen. Und wer dann die richtigen Gedanken auspackt («Ich bin gegen Diskriminierung») und sich für die richtige Sache engagiert (Frauen, Transgender, Schwule, Lesben, ethnische Minderheiten und Weltfrieden), gewinnt das Krönchen. Wenn man bedenkt, dass die allermeisten Frauen an dem Schönheitswettbewerb teilnehmen, weil sie eine Karriere als Astrophysikerin anstreben, macht der Entscheid durchaus Sinn. Konsequenterweise sollte man auch das Make-up bei dem Auftritt abschaffen.

Tamara Wernli im Video-Blog über Feministen, die der Neid quält.

Irgendwie passend zu der Sexismus-Thematik schrieb die deutsche Slam-Poetin und Spiegel Daily-Kolumnistin Sophie Passmann neulich einen Tweet, in dem die 24-Jährige ein Foto kommentierte, das zwei Hostessen zeigt, die eine neue Tafel im deutschen Wirtschaftsministerium enthüllen. Der dazugehörige Minister, ein älterer Herr, steht daneben (und guckt der Enthüllung zu): «Haben wir 2018? Kann das auf dem Foto so schlecht erkennen, weil da 2 HOSTESSEN IM MINIKLEID im Wirtschaftsministerium stehen.»

Oh. Mein. Gott. UNERHÖRT. Zwei Hostessen machen einen Job, freiwillig, den sie sich irgendwann freiwillig ausgesucht haben, tragen obendrein erst noch freiwillig ein MINIKLEID. Und ein Mann steht daneben und schaut ihnen zu. Ein MANN. Die Schönen und das Patriarchat, die Herablassung gegenüber dem weiblichen Geschlecht, sie ist bildlich, schamlos, und sie dringt aus allen Pixeln. Reicht mir bitte jemand Baldriantropfen, bevor meine Empörung darüber spontan meinen Kopf auf die Tischplatte knallen lässt …?

Kriegen wir uns wieder ernsthaft ein. Man könnte nun einwenden, dass es doch keine Rolle spielt, was ein paar Feministen in Interviews und sozialen Medien und auch sonst wo von sich geben. Gelangweilte Mütter, Studentinnen mit Masterfach Rhythmischer Ausdruckstanz, Moralistinnen, deren bröckeliges Gedankenhochhaus eh keiner ernst nimmt.

Formel 1 ohne Grid Girls

Das Problem ist, es spielt eine Rolle. Passmanns Tweet hat mit über 4000 Likes voll ins Schwarze getroffen und wegen der Empörungsschübe selbsternannter Frauenversteherinnen fallen derzeit einige der letzten Bastionen weiblicher Reize: Die Formel-1-Grid-Girls wurden abgeschafft (konkret: die Frauen haben ihren Job verloren), die Darts-Walk-On-Girls ebenso, Hostessen stehen zur Diskussion, die Cheerleader wackeln, Nummerngirls beim Boxen auch. Misswahlen werden in pseudo-intellektuelle Charityevents umgemodelt.

Feministen bekämpfen die Fokussierung auf äussere Merkmale, weil sie die Frau angeblich zum (Sexual-)Objekt degradiert und jene ausgrenzt, die weniger schön, schlank und gross sind. Natürlich wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Sie tun es, weil sie der Neid quält. Mit Ausgrenzung hat das nichts zu tun. Wer sich aufgrund seiner kleinen Statur und seiner grossen Nase (meine eigene fällt im Übrigen auch in die Kategorie) irgendwo ausgegrenzt fühlt, der hat Probleme, die über das Frau-Sein hinausgehen, die irgendwo beim Selbstwertgefühl angesiedelt gehören und die auch die Verbannung von sexy Anblicken aus der Öffentlichkeit nicht zu lösen vermag.

Es ist Blödsinn, alles so anpassen zu wollen, damit alles für alle möglich ist. Unattraktive Menschen müssen nicht an Schönheitswettbewerben teilnehmen.

Bei einer Miss-Wahl misst sich nun mal Schönheit, und auch wenns für manche schrecklich klingt, es gibt eine objektive, universelle Schönheit, nach der die Gesellschaft Individuen beurteilt. Der Protest dagegen ist so aussichtslos wie der Kampf gegen Cellulite, egal, wie viele Berufe man einstampfen wird. Bei Schönheits-wettbewerben geht es um Attraktivität, so wie es beim olympischen Hammerwerfen um Kraft geht und dort wohl keinem in den Sinn käme, nach einem speziell leichten Hammer zu verlangen, damit ihn auch ein 50-Kilo-Frauchen werfen kann.

Es ist Blödsinn, alles so anpassen zu wollen, damit alles für alle möglich ist. Unattraktive Menschen müssen nicht an Schönheitswettbewerben teilnehmen. Und ganz grundsätzlich, warum soll das Fokussieren auf physische Attraktivität schlecht sein? Warum ist Schönheit weniger wert als beispielsweise Intelligenz? Intelligenz wird durch Gene mitbestimmt, Schönheit auch. Ausserdem schliessen sich Eigenschaften wie Sexyness und Intelligenz oder Selbstbestimmung gegenseitig ja nicht aus, und Schach- und Bikiniwettbewerbe können wunderbar nebeneinander existieren.

Schamlose Lüge

Kaum ein Grid Girl oder eine Hostess sieht sich als würdeloses und diskriminiertes Sexobjekt. Es sind Frauen, die eine Entscheidung für sich getroffen haben. Feministen aber verbreiten dieses Bild seit Jahrzehnten, dabei ist es nicht nur eine schamlose Lüge, sondern auch eine Schmälerung der Verdienste jener Frauen, die sich für ihren Körper abrackern. Dass sich ihr Angriff gerade gegen ihre Selbstbestimmung richtet, ist in ihrer Säuberungswut wohl untergegangen.

Wenn Feministen uns in ihre vorgefertigte Frauenform pressen wollen, bestimmen wollen, wie wir zu denken und uns zu verhalten haben, was für uns gut oder schlecht ist, dann tun sie das ja im Namen der Gleichberechtigung. Genau deshalb hat die Feminismus-Bewegung nichts mehr gemein mit ihrer Ursprungsidee, als tapfere Frauen einst gegen ihre systematische Unterdrückung kämpften, später für das Recht auf politische Mitbestimmung, und sich dann gegen das Patriarchat auflehnten. Heute bekriegt die vierte Welle der Gretchen Carlsons dieser Welt alles, was nicht in ihr eigenes Konzept passt. Sie übermalen Gedichte, hängen Bilder ab, stampfen ganze Berufsgattungen ein – und wer das alles zu kritisieren wagt, wird als frauenfeindlich und reaktionär beschimpft und in eine ungemütliche politische Ecke gedrängt.

Kaum ein Grid Girl oder eine Hostess sieht sich als würdeloses und diskriminiertes Sexobjekt.

Ich habe darum meine eigene These: Dem Feminismus geht es längst nicht mehr um Gleichberechtigung. In den vergangenen Jahren hat man zwar hat so getan, als stünde man für Fortschritt bei den Geschlechtern, und solange man die Sorte Selbstbestimmung förderte, die nicht mit den eigenen Ansichten kollidierte, war es bequem und man selbst unverdächtig.

In Wirklichkeit aber kämpfen die modernen Feministinnen nur für ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen, um Autorität, und darum, diese kompromisslos durchzusetzen – Freiheitsvernichtung nach Diktatorinnen-Art. Dabei gehen sie so clever vor, dass es kaum einer merkt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 26.06.2018, 09:56 Uhr

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