Aufwind für die Helikopter-Eltern

Kitas können die Eltern per App darüber informieren, was die Kinder über den Tag hinweg alles machen.

Mit einer speziell entwickelten App können Erzieher die Eltern darüber informieren, was ihre Kinder über den Tag alles machen.

Mit einer speziell entwickelten App können Erzieher die Eltern darüber informieren, was ihre Kinder über den Tag alles machen. Bild: Keystone

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«9.30: Noah singt. 11.30: Er hat einen Teller Spaghetti gegessen, Salat nicht angerührt. 14 Uhr: Jetzt weint er ein bisschen, Nuggi gegeben.» Drei Kindertagesstätten im Raum Zürich testen derzeit eine neue App, mit der sie die Eltern ständig auf dem Laufenden halten können. Darüber, was ihr Kind gerade tut, was es isst, wie oft es sein Geschäft verrichtet, ob es mit der Eisenbahn spielt und mehr.

Bei den Eltern kommt der neue Service offenbar gut an, wie das Newsportal watson.ch schreibt. Ich frage mich, weshalb. Wenn ich zweimal pro Woche meine Jungs morgens in die Kita bringe, hoffe ich inständig, dass es keine Tränen gibt, setze sie zu den anderen Kindern an den Frühstückstisch und fahre dann in die Redaktion. Weint einer beim Abschied, frage ich später telefonisch nach, ob er sich rasch beruhigt hat.

Damit hat es sich. Beim Abholen möchte ich wissen, ob sie einen guten Tag hatten. «Ja» – «okay». Das reicht. Die detaillierten Aufzeichnungen darüber, wer wie viel gegessen, womit gespielt und mit welchen Farbstiften gemalt hat, interessieren mich nicht. Und schon gar nicht will ich diese Informationen während des ganzen Tages in Echtzeit aufs Handy bekommen. Ich habe an Arbeitstagen anderes zu tun. Und möchte an diesen Tagen auch anderes tun.

Überwachungspause

Natürlich spreche ich auch im Büro über meine Kinder – es sind schliesslich die süssesten und klügsten der Welt. Mit Abstand. Und natürlich schau ich mir immer wieder Fotos der beiden an. Ob sie aber gerade in diesem Moment mit der Kita-Gruppe draussen oder drinnen sind, mit Sand oder Autos spielen, was sie essen – es ist mir egal. Nicht nur aus purem Desinteresse, auch aus Respekt.

Meine Kinder sollen einen Raum haben, den ich nicht ständig überwache. Sie sollen mit anderen Kindern spielen, toben und streiten dürfen, ohne dass ich über ihnen kreise. Kita, das ist eltern- und besonders helikopterelternfreie Zone. Damit Noam, Alena, Jason und all die anderen auch mal ihren Darm entleeren können, ohne dass Mama und Papa sofort davon erfahren.

Vertrauen dringend gesucht

Eine solche App ist zudem eine Illusion. Wirkliche Kontrolle, wenn man sie denn anstrebt, wäre nur möglich, wenn die Eltern den Job kündigen und die Kinder daheim betreuen würden. Wer dies nicht möchte, braucht Vertrauen. In die Kita, die Betreuer, die eigenen Kinder. Ausserdem wird keine Betreuerin den Eltern eine ehrliche Handy-Nachricht senden, sie habe dem frechen kleinen Noah soeben eine geknallt. Die von einer Zürcher Mutter entwickelte App kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kinder fremdbetreut werden. Mit allen Chancen und Risiken, die dies beinhaltet.

«No News is good News» – dieser Spruch trifft auch hier zu. Wenn es einem Kind schlecht geht, es nicht mehr aufhört zu weinen, dann wird sich das Betreuungsteam garantiert melden, damit ich es abhole. Schon alleine, um den Lärmpegel erträglich zu halten. Ist alles schon vorgekommen. Solange das Handy aber schweigt, weiss ich auch ohne Liveticker, dass alles in Ordnung ist. Ganz egal, wie viele Teller Spaghetti die beiden gerade verschlingen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 18.01.2019, 10:00 Uhr

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