Besser geht immer – der Fluch der Optimierung

Für das neue Jahr hat sich so ziemlich jeder Vorsätze gesetzt, was er in seinem Leben ändern möchte. Die Influencer in den Sozialen Netzwerken können uns dabei ziemlich beeinflussen.

Vorallem mehr Sport und eine gesündere Ernährung gehört bei den meisten zu den Vorsätzen für das neue Jahr.

Vorallem mehr Sport und eine gesündere Ernährung gehört bei den meisten zu den Vorsätzen für das neue Jahr. Bild: Keystone

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Mehr Leistung, weniger Burn-outs. Das Essen zelebrieren, Kohlenhydrate vermeiden. Höher stapeln, tiefer atmen. Weiter denken, lokaler einkaufen. Mehr Sit-ups, weniger Breakdowns.

Gute Vorsätze und Silvester sind schier untrennbar verbunden. Noch während sie den Alkohol des alten Jahres aufs Trottoir kotzen, fassen die Leute gute Vorsätze für das neue. Nur die ganz Abgebrühten und die hoffnungslos Desillusionierten wollen nicht irgendetwas besser machen. Die Eltern im Pflegeheim öfter anrufen. Das Pizza-Taxi dafür seltener. Das hat sein Gutes.

Immerhin einmal im Jahr machen wir uns bewusst, was besser laufen könnte. Der Enthusiasmus legt sich zwar meistens wieder. Aber immerhin versinkt der Gedanke nicht vollständig im Meer des Vergessens. Und das schlechte Gewissen? Taucht auch erst nächsten Winter wieder auf.

Die Sozialen Medien haben den guten Vorsätzen jedoch das Saisonale und damit das Harmlose geraubt. Rund ums Jahr sehen wir jetzt, was andere aus ihren Möglichkeiten herausholen – während wir auf dem Sofa liegen. Dabei möchten wir doch auch so sein. Fitter, erfolgreicher, kreativer. Selbstoptimierung ist das Stichwort unserer Zeit. Im Büro, Haushalt, zwischenmenschlich und in der Liebe. Wir hecheln konstant einer besseren Version unserer selbst und unseres Lebens hinterher. Da posiert eine Mutter mit drei hübschen Kindern und einem noch hübscheren Sixpack auf Instagram. «And what is your excuse?» – was ist deine Ausrede –, fragt sie provozierend und grinst sportlich in die Kamera. Verdammt, erwischt. Ich habe nur zwei Kinder, dafür weitaus mehr Ausreden.

Do your Squats!

Auf den Plattformen der Selbstdarstellung erreicht einen ein unendlicher Strom an veganen Super-Müesli-Bowls, Yogaposen und Urlaubsbildern. Sie alle scheinen nur ein Ziel zu verfolgen: Die Betrachter sollen sich schlecht fühlen. Und ihr Vorbild noch ein wenig mehr bewundern und ihm nacheifern. So jagt ein guter Vorsatz den nächsten.

Montag: Muss lernen, mein Bein hinter meinen Kopf zu biegen. Dienstag: Muss Fleischkonsum einschränken. Mittwoch: Sollte Mitmenschen häufiger ein Lächeln schenken/mehr Kniebeugen machen («Do your Squats, Ladys!»)/mehr Avocados essen, weil ja Superfood. Oder doch nicht, wegen der Monokulturen. Und überhaupt: «Wer nicht um die Welt reist, verpasst sein Leben.» Autsch.

Viele Menschen lassen sich durch die vermeintlich perfekten Leben auf Sozialen Netzwerken ein bisschen inspirieren. Andere geraten in einen unkontrollierbaren und nervigen Eifer. Sie nennen ihr Birchermüesli plötzlich Vegan Granola-Bowl und wollen sich mit mir zum Hot Yoga statt zum Kaffee verabreden. Ich stehe auf Yoga, aber ein Freundinnen-Date mit Redeverbot ist doch Unsinn.

Das eigentliche Übel ist jedoch der Verlust der Zufriedenheit. Ständig besser werden zu müssen, bedeutet, nie gut genug zu sein. Ein zerstörerisches Gefühl, das immer mehr Menschen zu verinnerlichen scheinen. Hier kommt daher mein Vorsatz-Vorschlag für 2019: Mehr Realität zelebrieren, weniger Illusionen jagen. Seele baumeln lassen statt Knie beugen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.01.2019, 10:39 Uhr

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