«Das ist das Furchtbare an Deutschland»

Der deutsche Denker Dieter Borchmeyer über ein Volk, das mit seiner Geschichte ringt – bis hin zum Selbsthass.

Krieg und Frieden. Das Hermannsdenkmal in Detmold ist das grösste Mahnmal Deutschlands und Symbol für die schwierige Vergangenheit eines Volkes.

Krieg und Frieden. Das Hermannsdenkmal in Detmold ist das grösste Mahnmal Deutschlands und Symbol für die schwierige Vergangenheit eines Volkes. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Borchmeyer, Sie haben mit «Was ist deutsch?» ein Buch über den deutschen Identitätsdiskurs geschrieben. Von aussen werden die Deutschen oft als ein extremes Volk wahrgenommen. Churchill meinte, entweder habe man die Deutschen an der Gurgel oder zu Füssen, Margaret Thatcher sagte, die Deutschen schwankten zwischen Aggression und Selbstzweifel.
Dieter Borchmeyer: Weil die Deutschen ein unsicheres Identitätsgefühl und wenig Selbstbewusstsein haben, unterwerfen sie sich gern, oder aber sie übersteigern ihr Selbstgefühl. Der Minderwertigkeitskomplex schlägt dann in ein Gefühl der Überlegenheit um. Das ist verständlich, wenn man sich überlegt, dass Deutschland nach dem Verfall des heiligen römischen Reichs deutscher Nation ein Konglomerat von Einzelstaaten war, die allzu oft nicht zusammenhielten. So wurde Deutschland zu einem Austragungsort der europäischen Nachbarstaaten für Kriege wie dem Dreissigjährigen Krieg. Er hat Deutschland dezimiert und traumatisiert. Dieses Gefühl der Minderwertigkeit war auch eine Grundlage für den Nationalsozialismus.

Deutschland ist geografisch gesehen in Europa das Land der Mitte. Beschrieben wird es aber meist als ein unausgeglichener Staat, der von einem Extrem ins andere schwankt.
Das ist das Furchtbare an Deutschland, die Masslosigkeit in seiner Geschichte. Die Vorstellung der Mitte ist beispielsweise schon bei Friedrich Schiller und erst recht bei Thomas Mann ganz wesentlich für ihr Deutschlandbild. Leider hat Deutschland jedoch in der Geschichte selten eine vermittelnde und ausgleichende Rolle gespielt. Deshalb ist eine Führungsrolle der Deutschen in Europa auch so gefürchtet. Das wurde in der Flüchtlingskrise wieder bemerkbar.

Identitätsprobleme hat jedes Land, aber keines, so scheint es, so heftig wie Deutschland. In Ihrem Buch wirkt es manchmal so, als liege eine Nation wie ein Patient auf der Coach – Goethe, Nietzsche und Mann tun ihr Werk als Psychiater. Was ist der Kern des deutschen Identitätsdiskurses?
Thomas Mann hat gefragt: «Was ist das Deutsche? Ein Abgrund, bodenlos.» Die Deutschen haben um ihre Identität stets verzweifelt gerungen, weil sie so prekär war. Seit dem Verfall des heiligen römischen Reiches deutscher Nation waren sie geteilt, und das schien wie ein Fluch. Es gibt das berühmte Xenion von Schiller: «Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.» An eine gemeinsame Nation glaubte man lange Zeit nicht.

Zum Deutschsein gehört seit je, dass es hoch umstritten ist. Die Integrationsbeauftragte, Staatsministerin Aydan Özoguz (SPD), schrieb kürzlich, eine deutsche Kultur sei «jenseits der Sprache schlicht nicht identifizierbar».
Das ist natürlich Unsinn, zeugt von barer Ahnungslosigkeit Es gibt, abgesehen von der an die deutsche Sprache gebundenen Philosophie und Literatur, eine spezifisch deutsche Musik und eine genuin deutsche Malerei, die als solche klare Bestimmungsmerkmale haben. Ein Grundbestandteil des Deutschen war es immer, dass es fremde Kulturen amalgamierte und adaptierte. Die Romantiker haben versucht, die grosse literarische Tradition Europas ins Deutsche zu übertragen. Die Welt im Deutschen einzufangen, das verstand auch Goethe unter «Weltliteratur» und Thomas Mann unter «Weltdeutschtum». Das Wesen des Deutschen liegt bei seinen Theoretikern im 18. und im 19. Jahrhundert gerade im Aufgreifen des Europäischen und der Welt. Diese Vorstellung gab es in anderen Ländern und Sprachen in dieser Intensität nicht. Man findet den Kosmopolitismus in allen klassischen Definitionen des Deutschen von Goethe bis Thomas Mann. Das wichtigste Merkmal des Deutschen für sie ist die Nichtnationalgebundenheit.

Das klingt paradox, wenn es um eine nationale Identität geht. Man kann darin auch eine gewisse Sehnsucht nach Selbstauflösung sehen.
Wer sich selbst auflösen will, zeigt, dass er sich des Wesens, das er auflösen will, bewusst ist. Aber es stimmt, was Sie sagen: Es gibt auch einen Aphorismus von Nietzsche, in dem es heisst: «Gut deutsch sein heisst sich entdeutschen.» Die, die sich am meisten mit der Frage des Deutschen beschäftigt haben, neigten deshalb oft auch zu scharfer Kritik am Deutschtum, ja sogar zu Selbsthass.

Was ist die Grundlage des Selbsthasses, was identifizieren Goethe, Nietzsche und Mann als das, das sie ablegen möchten?
Es handelt sich um aus Tugenden erwachsende Nachteile. Ein Typus etwa, den man immer im negativen Sinne als spezifisch deutsch angesehen hat, ist der Pedant. Pedanterie resultiert aus der deutschen Gründlichkeit und Theoriebeflissenheit. Die Deutschen sind, angefangen mit Kant, die Gründer der modernen Philosophie. Dass man alles gedanklich durchdringen will, dass man immer nach den apriorischen Voraussetzungen aller Tätigkeiten sucht, kann aber eben auch unangenehm, pedantisch werden. Ein anderes ist das deutsche Ordnungsstreben – das in seiner übersteigerten Form ins Inhumane umschlagen kann, wie der Nationalsozialismus lehrt.

Ein grosser Kritikpunkt war natürlich auch der deutsche Nationalismus, weil er dem Kosmopolitischen im Wege stand.
Absolut. Es gehört zu Deutschlands grössten Widersprüchen, dass hier der schlimmste Nationalismus der Geschichte entwickelt wurde, während die grossen deutschen Künstler und Denker doch Kosmopoliten waren. Der Nationalismus ist zumal für Nietzsche der Todfeind seines ganzen, auf die Einheit Europas gerichteten Denkens.

Ist dieser Diskurs über das Deutschsein ein Elitediskurs, oder fragten sich auch normale deutsche Bürger ständig, wer sie sind?
Der Nationalgedanke im 19. Jahrhundert ist ursprünglich ohne Zweifel eine Elite-Idee. Allerdings ging er dann doch zunehmend über die Elite hinaus. Man denke an den unglaublichen Schiller-Kult im 19. Jahrhundert. Zum hundertsten Geburtstag von Schiller im Jahre 1859 stimmte sich ein ganzes Volk so emphatisch auf einen Dichter ein, wie es in der Geschichte der Kultur noch nie vorgekommen ist. In Städten wie Stuttgart und Heidelberg waren bei den Schiller-Feiern zwei Drittel der Menschen auf den Strassen. Das heisst: Der Elitediskurs wandelte sich zum Massendiskurs.

Wie erklären Sie sich diesen Hype?
Schiller war die Ersatzrevolution. Die deutsche Einheit war 1849 in der Frankfurter Paulskirche gescheitert, stattdessen suchte man zehn Jahre später in Schiller das grosse nationale Identifikationssymbol. Der nationale Schillerkult nahm bezeichnenderweise immer mehr ab, als das Deutsche Reich geschaffen wurde.

Der deutsche Selbsthass war schon da, bevor es den Holocaust gab. Was hat sich im Identitätsdiskurs nach dem Zweiten Weltkrieg verändert?
Der Holocaust hat die radikale deutsche Selbstkritik auf die Spitze getrieben. Er lastet auf der deutschen Identitätsfrage, dass er sie fast zerdrückt. Thomas Mann hat sich immer gewehrt, zwischen einem guten und einem bösen Deutschland zu unterscheiden. Er sagte: «Das böse Deutschland, das ist das fehlgegangene gute, das Gute im Unglück, in Schuld und Untergang.» Selbst der Kosmopolitismus kann nationalistisch anmassend werden, wenn man sagt: Wir sind das Volk der Kultur, wir sagen, was Europa ist. Das haben bis zum Ersten Weltkrieg viele gedacht, übrigens auch viele deutsche Juden. Hermann Cohen, der bedeutendste jüdische Philosoph seiner Zeit, sagte noch während des Weltkriegs: Alle Juden auf der Welt hätten nicht nur jeweils ein Vaterland, sondern Deutschland als gemeinsames Mutterland, weil das Deutsche nicht nur eine nationale, sondern eine Welt-Idee sei. Deutschland habe geradezu einen «Rechtsanspruch», das hat er wörtlich gesagt, auf alle Juden der Welt. Angesichts der folgenden deutschen Geschichte erfüllen uns solche Worte heute natürlich mit tiefstem Unbehagen.

Heinrich Heine nannte die Deutschen und die Juden die beiden «sittlichen Völker», die in Deutschland ein neues Jerusalem schaffen würden. Was verbindet Deutsche und Juden?
Es ist zunächst einmal der Hang zur Selbstthematisierung bis hin zum Selbsthass. Einen regelrechten nationalen Selbsthass gab es wohl nur zweimal in der Geschichte: in Deutschland und im Judentum. Was aber Heine wichtig ist, ist das messianische Denken. Die Juden warten auf den Messias und die Deutschen gewissermassen auch. Weil die Deutschen in ihrer geschichtlichen Vergangenheit so wenig Identitätsstiftendes finden können, projizieren sie ihre Wünsche ‹messianisch› auf die Zukunft. Als die grossen europäischen Staaten – Spanien, Frankreich, die Niederlande und England – im 17. Jahrhundert die Blüte ihrer Kultur erlebten, herrschte in Deutschland der Dreissigjährige Krieg, ein absolutes, die späteren Generationen traumatisierendes Debakel. Worauf sollte man stolz sein? Man hatte nichts, deshalb blickte man in die Zukunft.

Die Deutschen waren im 18. und 19. Jahrhundert ein provinzielles Volk, ohne Hauptstadt und kulturelles Zentrum.
Genau! Freilich könnte man sagen: Aber es gab doch zum Beispiel die deutsche Klassik! Die gibt es schon, aber ihre Legende entstand erst im 19. Jahrhundert. Goethe und Schiller haben sich nicht als Klassiker gesehen. Sie standen in einer ständigen Kampfsituation gegen die Kultur ihrer Zeit. Das einzige Verhältnis des Schriftstellers zum Publikum ist der Krieg, hat Schiller gesagt. Zu Repräsentanten deutscher Kultur wurden sie erst viel später. Die deutschen Künstler waren Einzelgänger.

Wann beginnt ein kollektives deutsches Nationalgefühl, ein Gefühl für einen gemeinsamen Identitätsraum?
Es gab wenige Momente in der neueren deutschen Geschichte, in denen sich ein deutscher Identitätsraum abzeichnete, und sie waren leider immer nationalistisch geprägt. Ein solcher Moment waren die Freiheitskriege, denen jedoch die Depression der Restaurationszeit folgte. Auch die gescheiterte Revolution von 1848/49 mündete in Depression. Als das deutsche Reich gegründet wurde, brach eine nationalistische Euphorie aus. Dann aber kam die Niederlage im Ersten Weltkrieg, welche die alten Traumata wieder wachrief – ein Fall ins Bodenlose, ein Gefühl von Nichtigkeit. Es folgte eine Weimarer Republik, die die Bürger nicht erreichte. Die Folge: das Dritte Reich, mit seiner eigenen dunklen Hysterie und der Zusammenbruch im Zweiten Weltkrieg. Momente nationaler Begeisterung gab es dann allenfalls noch bei Sportereignissen wie der Fussballweltmeisterschaft von 1954. Als Dreizehnjähriger habe ich erlebt, wie man da aufatmete! Für einen Moment war man nicht mehr Paria unter den Völkern, sondern Weltmeister.

Dasselbe bei der WM 2006.
Nun ja, inzwischen war man ja wieder wer in Europa und der Welt, und es gab die anfängliche Euphorie der Wiedervereinigung. Dass aber Nationalstolz sich ansonsten nur bei Sportereignissen ans Licht wagt, ist ein Thema für sich. Immerhin ist es erfreulich, dass der Sport im Allgemeinen zu keinem Aufflammen von Nationalismus geführt hat. Im Gegenteil zeigte sich Deutschland 2006 als ein friedliches, fremdenfreundliches, weltumarmendes Land.

Man könnte fast denken, die Deutschen seien nun in der Mitte angekommen. Sehen Sie eine Entspannung im deutschen Identitätsdiskurs?
Nein, eine Entspannung sehe ich nicht, obwohl Deutschland nun wirklich in der Mitte angekommen ist. Nach der Wiedervereinigung war es endlich möglich, sich ohne schlechtes Gewissen zu einer nationalen Identität zu bekennen. Das lag auch an Helmut Kohl. Er ersehnte die deutsche Einheit, aber nur im Rahmen Europas. Kohl war ebenso ein Patriot wie ein Europäer. Er erstrebte, um mit den Worten Thomas Manns zu reden, ein europäisches Deutschland und nicht ein deutsches Europa.

Was passierte dann?
Die Flüchtlingskrise hat leider wieder nationalistische Tendenzen in Deutschland geweckt. Dies hat dazu geführt, dass die Frage nach der deutschen Identität erneut tabuisiert wird, weil sie immer wieder in die falschen Hände gerät. Man versucht der Identitätsfrage aus dem Wege zu gehen, weil man schon die Diskussion über das Deutschsein für gefährlich hält. Ich habe es auch bei den allerersten Rezensionen zu meinem Buch gesehen. Da musste ich unfassbare Hasstiraden über mich ergehen lassen. Allein die Frage «Was ist deutsch?» empfanden manche Kritiker als Provokation.

Vermutlich gibt es schon eine Abwehr dagegen, dass es überhaupt eine positive deutsche Identität gibt. Da setzt wieder der Wunsch ein, gar nicht deutsch zu sein.
Aber was will man denn? Wir haben eine Verfassung. Wir sind ein Staatsvolk. Das ist nun einmal Deutschland. Man kann nicht so tun, als gäbe es Deutschland nicht. Europa als Einheit ist immer noch eine Idee am Horizont. Europa wird noch lange das sein, als was es de Gaulle bezeichnet hat: das Europa der Vaterländer. Das versteht sich von der europäischen Geschichte her von selber. Die nationalen Traditionen sind seit Jahrhunderten mental tief eingewachsen in die Völker. Man kann nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Wer eine europäische Einheit will, und dies nicht bedenkt, wird das Gegenteil erreichen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 08:49 Uhr

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