Das letzte Tabu

Fast jeder braucht ihn, doch keiner redet über ihn: der Coiffeur.

Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was haben wir Männer doch in den letzten Jahren alles an Tabus aufgegeben! In Gesprächen von Männern mit Männern gibt es nichts mehr, was kein Thema sein könnte. Mann spricht heute leicht und locker über Prostitution und Prostata, wägt vegetarische gegen fleischhaltige Ernährung ab, diskutiert über den Vormarsch der Rechten und gibt vielleicht auch mal einen Seitensprung preis.

Nur über ein Thema sprechen Männer nie miteinander: über den Coiffeur, in Deutschland Friseur genannt. Oder können Sie sich, falls Sie männlichen Geschlechts sind, an ein Gespräch mit Freunden über Ihren Coiffeur erinnern? Haben Sie jemals einen Spielfilm gesehen, in welchem eine Coiffeuse oder ein Coiffeur eine Hauptrolle spielte? Gibt es einen «Tatort»-Krimi, in dem das Handwerk des Haareschneidens mehr als nur atmosphärische Garnitur wäre? Gibt es Romane, in denen dieser ehrenwerte Berufsstand gewürdigt wird? Fast immer sind es Journalisten, Banker, Lehrer oder Wissenschaftler, denen unsere Autorinnen und Autoren so interessante Schicksale zuschreiben, dass sie einen Roman über Hunderte von Seiten tragen.

Dabei sind Coiffeure oft wahre Wissende, die vieles sehen (und riechen), was anderen verschlossen bleibt. Gemeint ist nicht nur die sich bildende Glatze oder das erste graue Haar. Am Haar beziehungsweise der Kopfhaut lässt sich so manches ableiten, vom Alkohol- bis zum Drogenkonsum. Ob jemand viel Knoblauch zu sich nimmt – der Coiffeur wird es erkennen und diplomatisch dazu schweigen.

Ich habe viel über die Feriendestinationen der jungen Haarexpertinnen erfahren, von denen ich in der Regel nur den Vornamen kannte.

Es sind Vertrauenspersonen, denen man bisweilen auch Privates und Privatestes anvertraut. Beichtväter und -mütter, die wie Ärzte und Priester der Verschwiegenheitspflicht unterliegen. Da ich in den letzten Jahren fast immer einen grösseren Coiffeursalon mit einem ganzen Rudel Coiffeusen und (wenigen) Coiffeuren frequentierte, hat sich bei mir nie ein solches Vertrauensverhältnis aufgebaut. Jedes Mal war eine andere Fachperson für meine Frisur zuständig. Das erlaubte es mir, immer den selben Spruch zu machen und am Ende lobend zu sagen: «Sie haben mich zehn Jahre jünger gemacht!»

Dafür habe ich viel über die Feriendestinationen der jungen Haarexpertinnen erfahren, von denen ich in der Regel nur den Vornamen kannte. Und habe einiges über gelungene Integration gelernt, denn etliche «meiner» Coiffeusen sind Migrantinnen der zweiten Generation und sprechen mit ihren Kunden makellos Schweizerdeutsch, mit ihren Eltern dagegen Türkisch, Italienisch oder eine andere Fremdsprache.

Dass er mich beim Bezahlen duzte, hat mich nicht weiter gestört.

Da ich nicht gern achtzig Franken für einen einfachen Haarschnitt ausgebe, schaue ich ein bisschen auf den Preis. Zwar habe ich es bisher vermieden, einen Coiffeur aufzusuchen, der AHV-Rabatt gibt, weil ich es ungerecht finde, dass die Alten günstiger wegkommen sollen als die oft nicht auf Rosen gebetteten Jüngeren. Aber neulich hat es mich doch in einen Salon hineingezogen, der einen Männerhaarschnitt für zwanzig Franken anbietet. Das erinnerte mich an einen Aufenthalt in Berlin, wo dieselbe Dienstleistung für zehn Euro zu haben war.

Nun, der Mann aus dem Kosovo war ausgesprochen freundlich, offerierte mir einen Kaffee und lachte, als ich Mitte Oktober einen «Sommerhaarschnitt» verlangte. Dann machte er sich konzentriert an die Arbeit, ich lobte aufrichtig den guten Geschmack, mit dem er seinen Salon renoviert hatte, und zog zufrieden von dannen. Dass er mich beim Bezahlen duzte, hat mich nicht weiter gestört. Ich werde wohl wieder dahin gehen. Aber ob ich meinen Freunden davon erzähle, ist sehr zweifelhaft. Denn noch gibt es dieses Tabu, das Tabu vom Coiffeur.

Erstellt: 01.11.2018, 15:56 Uhr

Hoch konzentriert versucht der Coiffeur die Haare seines Kundens zu stylen. (Bild: Reuters )

Artikel zum Thema

Pfusch am Haar – Coiffeur muss Model entschädigen

Statt «braun-gold» gab es einen Rotstich: Ein Model hat einen Coiffeursalon in Köln verklagt und Recht bekommen. Mehr...

Wie viel darf ein Haarschnitt kosten?

Blog Mag Oder: Würden Sie 800 Franken für den Coiffeur ausgeben? Zum Blog

Kommentare

Service

Agenda

Alle Events im Überblick.

Die Welt in Bildern

Ein regelrechtes Inferno: Funken schiessen durch die kalifornische Kleinstadt Paradise. Im US-Bundesstaat wüten derzeit mehrere Waldbrände, die nur schwer unter Kontrolle zu bringen sind. (9. November 2018)
(Bild: Noah Berger/AP) Mehr...