Das Schwiegermonster

Gibts Krach in der Familie, gibt man oft der Schwiegermutter die Schuld. So einfach ist es aber nicht.

«Als wäre er nicht Teil vom Problem.» Unausgesprochene Reibereien zwischen Sohn und Mutter können auf das Schwieger-Verhältnis transferiert werden – selbst bei der britischen Königsfamilie.

«Als wäre er nicht Teil vom Problem.» Unausgesprochene Reibereien zwischen Sohn und Mutter können auf das Schwieger-Verhältnis transferiert werden – selbst bei der britischen Königsfamilie. Bild: Keystone

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Es fing an, als der Kleine auf die Welt kam, ist Angie überzeugt: Das sei der Moment gewesen, wo sich ihre Schwiegermutter, mit der sie bis zu diesem Zeitpunkt ein gutes, ja sogar freundschaftliches Verhältnis gehabt hatte, veränderte. Die Schwiegermutter fing an, Angie in kleineren («du solltest den Hund nicht so nah an das Kind lassen») und grösseren Punkten («du ernährst das Kind völlig falsch!») zu kritisieren. Paolo, Angies Mann, hielt sich vornehmlich zurück; er war ja meistens auch nicht da, wenn die Schwiegermutter ihre Überraschungsbesuche durchzog.

Mit dem Kleinen wuchsen auch die Vorwürfe: Die beiden Frauen stritten sich um die Erziehung, um die Krippe, um Kleider und Spielzeug und Bewegung und immer wieder mal um die Ernährung. «Deine Mutter verträgt es nicht, dass sie nicht mehr die Obermutter der Familie ist», beklagte sich Angie bei Paolo. «Sag du ihr, dass sie nicht mehr jeden Tag vorbeikommen soll!» Aber Paolo hütete sich, sich zwischen die Fronten zu stellen. «Stutenbissig» nannte er die beiden Frauen, eine Metapher, die so bei Pferden gar nicht vorkommt, aber gerne gebraucht wird, wenn zwei Frauen Reibereien haben. Und kaum zwei Frauen, scheint es, haben öfters Streit als Schwiegermutter und -tochter.

Jahrtausendealtes Vorurteil

Schuld daran ist fast immer die Schwiegermutter. Bereits im ersten Jahrhundert nach Christus schrieb der römische Dichter Juvenal: «Es ist unmöglich, glücklich zu sein, wenn die Schwiegermutter noch lebt.» Ein Vorurteil, das sich über die Jahrtausende verstärkt hat; kaum ein mittelmässiger Stand-up-Comedian, der ohne Schwiegermutterwitze auskommt. Wer «Schwiegermutter» bei Google eingibt, landet erschreckend schnell bei «Schwiegermonster» und «Schwiegermutter-Witze». Wer hingegen «Schwiegervater» eingibt, findet vor allem Websites mit Geschenkideen.

Die Schwiegermutter, die Wurzel des Übels, des Zwistes, der Streitigkeiten in jeder Familie. Die 68-jährige Psychologin Terri Apter der Universität Cambridge bestätigt dieses Bild: Laut ihren Untersuchungen werden 60 Prozent der Schwiegermutter-Schwiegertochter-Verhältnisse als «angespannt», «unbehaglich», «ärgerlich», oder noch stärker, «deprimierend», «herunterziehend» oder «schlicht grauenhaft» empfunden.

Der Machtkampf

Tendenz zunehmend, sagt Apter, weil die Familienbindungen enger würden: Junge Menschen bleiben länger zu Hause, Menschen leben grundsätzlich länger, immer mehr Grosseltern hüten zumindest in Teilzeit die Enkel. Daraus entwickle sich ein Machtkampf, ist Apter überzeugt, nicht nur um den Mann, sondern auch um die Stellung in der Familie. «Beide kämpfen darum, die primäre Rolle in der Familie einzunehmen», ist die amerikanische Psychologin überzeugt. «Beide wollen ihre Rolle etablieren oder verteidigen und fühlen sich gleichzeitig bedroht von der anderen.» Ein Verhältnis, das Terri Apter in ihrem Buch «What Do You Want from Me?: Learning to Get Along with In-Laws» (nur auf Englisch erschienen) genauer beleuchtet. Ein Verhältnis, das, wenn man die Einträge auf Apters Website «motherinlawstories.com» verfolgt, von hauptsächlich einer Emotion geprägt ist: Verbitterung.

Die Psychiaterin und Paartherapeutin Judith Oehler aus Basel indes hat eine erfrischend andere Sichtweise auf diesen jahrtausendealten Konflikt. Sie glaubt nicht, dass sich hier primär ein Machtkampf abspielt, sondern ein nicht ausgetragener Konflikt verlagert wird: jener von Mutter und Sohn auf Mutter und Schwiegertochter.

Oehler ist überrascht, wie oft der Mann in diesen Auseinandersetzungen aussen vor gelassen wird, «als wäre er nicht Teil vom Problem». Dabei kann es passieren, dass unausgesprochene Reibereien zwischen Sohn und Mutter transferiert werden auf das Schwieger-Verhältnis – und dort explodieren. «Wenn etwa eine Schwiegermutter dauernd die Schwiegertochter mit Überraschungsbesuchen überfällt, stellt sich für mich rasch die Frage, ob sich der Sohn denn gut gegen die Mutter abgrenzen konnte – oder ob dies schon immer ein Problem war, das erst jetzt zum Ausdruck kommt», sagt Oehler. Der Mann ist ausserdem oft als Vollzeitarbeitender nicht da, wenn sich solche Konflikte zuspitzen – und geht darum auch mal in der Hitze des Gefechts unter.

Darum ist es für die Paartherapeutin so wichtig, dass bei solchen Situationen der Mann miteinbezogen wird in die Diskussionen. Mehr noch: «Er muss zu seiner ‹neuen› Familie stehen, zu seiner Frau und den Kindern. Geschieht dies nicht, wird es für seine Ehe schwierig», erklärt Oehler. Dabei soll die Mutter keineswegs verteufelt oder verdammt werden, aber bestimmt und freundlich auch – und vor allem! – von ihrem Sohn hören, dass Distanz, Respekt und generelle Höflichkeitsregeln bei allen Familienmitgliedern zählen.

Auch die Schwiegertochter

Konfliktverlagerung kann indes auch bei den Schwiegertöchtern vorkommen: Wenn das Verhältnis mit der eigenen Mutter nicht das einfachste ist, warum soll es denn bei der Schwiegermutter plötzlich reibungslos sein? Die Soziolinguistin Deborah Tannen hat ein ganzes Buch über den Mutter-Tochter-Konflikt geschrieben mit dem Titel «Und so willst Du rumlaufen?»

Darin zeigt sie auf, wie schwierig das Verhältnis Mutter–Tochter ist (und weist nebenbei darauf hin, dass die Brüder Grimm in den Märchen die böse Mutter oft mit der bösen Stiefmutter ersetzten – es passte so besser zum Heiligenbild der Mutter, das die Brüder zu etablieren versuchten), vor allem, wenn die drei Themen Haare, Kleider und Gewicht ins Spiel kommen. Mehr noch: Die im Buch interviewten Töchter erklärten, sie hätten sich beim Thema Kinder ihren eigenen Müttern näher gefühlt – bis die Grosskinder voll und ganz da waren und Themen wie Ernährung, Haushalt, Hygiene und Erziehung weitere Auseinandersetzungen nährten.

Und dann wäre da noch der Generationenkonflikt, der in fast jeden Haushalt hineinspielt: Noch ist die Gleichberechtigung kein selbstverständliches Recht, Schritte weg vom Herd hin zum Beruf sind nach wie vor mit Kämpfen und schlechtem Gewissen verbunden, weil Frau zu wenig für Kinder, Haus und Mann da ist. Wenn man dann genau für jene frauentypischen Bereiche wie Erziehung und Haushalt von der Schwiegermutter kritisiert wird, wird die Schwiegertochterhaut verständlicherweise äusserst dünn. Und umgekehrt ist es für manche Schwiegermutter sehr schwierig zu akzeptieren, dass ihr solider Rat nicht gehört, geschweige denn befolgt wird – sie könnte der Schwiegertochter doch so manche schmerzhafte Erfahrung ersparen.

Im Übrigen, sagt die Paartherapeutin Judith Oehler, hält sie den Schwiegermutter-Schwiegertochter-Konflikt gar nicht für so gross, wie er gerne herbeigeredet wird: «Bei mir in der Praxis ist dies jedenfalls relativ selten ein Thema.» Tatsächlich zeigt eine kleine Blitzumfrage auf Facebook vor allem eins auf: Dankbarkeit gegenüber jenen Frauen, die die neu dazugewonnenen Töchter warmherzig und kritiklos aufnehmen. «Ohne meine Schwiegermutter hätte ich das Einleben in der Schweiz nie geschafft», schreibt eine fünfzigjährige Tschechin. Und eine Vierzigjährige beschreibt, wie sie sich nach wie vor mit der Schwiegermutter trifft, obwohl die Ehe schon länger in die Brüche gegangen ist.

Auch die amerikanische Autorin und Bloggerin Andrea Grimes störte sich an den vielen negativen Inhalten im Netz zum Thema. Ihr fiel auf, wie viele «Ich hasse meine Schwiegermutter»-Websites existieren und wie schwierig es war, Positives zu diesem Thema zu finden (eine Erfahrung, die die Autorin dieses Artikels bestätigen kann).

Das Fazit von Grimes: «Nicht Schwiegermütter sind das Problem. Frauenfeindlichkeit ist es. Das bedeutet nicht, dass ihr eure Schwiegermütter gernhaben müsst. Sie ist ein Mensch, also ist es gut möglich, dass sie unerträglich sein kann. Bringe ihre Unerträglichkeit einfach ebenso wenig mit ihrer Vagina in Verbindung wie du die Unerträglichkeit deines Schwiegervaters mit seinem Penis in Verbindung bringst. Lass die Genitalien ganz aussen vor bei irgendeiner Diskussion von oder über deine Schwiegereltern.» (Basler Zeitung)

Erstellt: 02.01.2018, 09:24 Uhr

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