Der Hochmut der Mütter

Lea Steinle wurde aus dem Grossratssaal verwiesen, weil sie ihr Baby dabeihatte. Dürfen sich Mütter mehr Rechte herausnehmen als andere?

Es sind nicht nur Mütter, die vor organisatorischen Problemen stehen.

Es sind nicht nur Mütter, die vor organisatorischen Problemen stehen. Bild: Keystone

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Es gibt Mütter, die erwarten, dass die ganze Welt auf sie eingeht. Ihnen haftet ein Anspruchsdenken an: Die Welt schuldet mir etwas, weil ich Mami bin. Ich erbringe mit dem Kinderkriegen einen Dienst an der Menschheit, und deshalb sollte man Verständnis für meine Situation aufbringen. Immer.

Die Jus-Dozentin fordert Verständnis von Studenten, wenn sie spontan den Unterricht abbricht, um den Sohn wegen Magenverstimmung aus dem Kindergarten zu holen. Die Mitarbeiterin fordert Verständnis von Arbeitskollegen, wenn es um ihre Ferienwünsche (und die prioritäre Behandlung) geht. Politikerinnen fordern Verständnis von Ratskollegen, wenn sie unerlaubterweise ihre Babys in den Parlamentssaal mitnehmen.

So wie die Grüne Lea Steinle. Grossratspräsident Remo Gallacchi (CVP) verwies sie neulich aus dem Grossratssaal, weil sie ihr zweieinhalb Monate altes Kind dabeihatte. Die Regeln im Saal sind klar: Drittpersonen haben ohne Erlaubnis keinen Zutritt, Steinle hatte keine Anfrage gestellt.

Nun kann man den Entscheid als linke Politikerin wie Steinle "bedenklich" finden ("Regionaljournal"). Sich beklagen über "Diskrepanzen" bei der Gleichstellung und mangelnde Frauenförderung in der Praxis – und dabei ignorieren, dass sich die Vorschriften nicht explizit an Mütter richten; auch Väter dürfen ihre Kinder nicht ohne Erlaubnis mitbringen.

Oder man kann respektvoll widersprechen und einwerfen, dass für alle dieselben Regeln gelten und Babys nicht in den Ratssaal gehören. Wenn nicht ausdrücklich gewünscht oder zugelassen, ist das Mitführen von Kids an den Arbeitsplatz unprofessionell (von Hunden übrigens auch). Leute mit verantwortungsvollen Politämtern sollten in der Lage sein, den Nachwuchs während der Arbeitszeit unterzubringen. Sind sie damit überfordert, ist dieser Job vielleicht nicht der Richtige für sie.

Regeln für Mütter

Selbstverständlich stellt ein einzelnes Baby, das sich ruhig verhält, kein Problem dar. An keinem Platz der Welt, ja nicht mal im Kino. Nur ist es vom Ego-Blickwinkel aus und nicht im Sinne aller zu Ende gedacht. Denn wo zieht man die Grenze? Wie viele Kinder können wegen welchen Nöten mitgebracht werden? Dürfen die Missratenen auch kommen? Und wenn das Kind Aufmerksamkeit verlangt, wer macht dann die Arbeit? Regeln sind grundsätzlich so gestaltet, dass sie für alle standhalten. Gäbe es sie nicht, müsste der Grosse Rat ja täglich jeden Fall einzeln bewerten. Möglicherweise hat er dringendere Geschäfte zu erledigen.

Muttersein ist eine anspruchsvolle Aufgabe, eine grosse Herausforderung. Es bedeutet viel Stress, viel Verzicht. Es kann eine Frau festigen, ihr eine Belastbarkeit verleihen, Lebenserfahrung. Man kann es den Mamas nicht verübeln, wenn sie sich stets im Recht wähnen, sich als unantastbare Heldinnen der Gesellschaft sehen, als die besseren Leadertypen, wie es einige tun, vielleicht als die besseren Menschen.

Die britische Politikerin und dreifach-Mama Andrea Leadsom zum Beispiel hatte vor der Wahl in Grossbritannien suggeriert, dass sie als Mutter die bessere Premierministerin sei als die kinderlose Theresa May: "Ganz ernsthaft fühle ich, eine Mutter zu sein bedeutet, dass dir ganz viel an der Zukunft unseres Landes liegt." Sie erntete einen Entrüstungssturm und meinte dann, man habe ihre Aussage falsch dargestellt.

«Hauptleidtragende»

Aufgrund seines Fortpflanzungsentscheides von anderen fortwährend Verständnis für seine Situation einzufordern, scheint mir überheblich. Denn es sind es bei weitem nicht nur Mütter, die bisweilen vor organisatorischen Problemen stehen. Menschen, die sich nebst der Arbeit um ihre kranken und gebrechlichen Eltern kümmern müssen, bis ein Platz im Pflegeheim frei wird, oder Menschen mit Behinderung stehen genauso vor täglichen Herausforderungen.

Während sie aber ihre schwierigen Umstände ohne grosses Jammern zu meistern versuchen, erklären sich (vor allem junge) Mütter permanent zu Hauptleidtragenden eines ungerechten Lebens. Fairerweise muss man anfügen, dass es auch jene gibt, die sich ein Bein aussreissen um allem gerecht zu werden, ohne sich zu beschweren. Vielleicht ist diese Gruppe sogar in der Mehrheit, nur vernimmt man in der Öffentlichkeit halt immer nur und lautstark den anderen Teil.

Rücksicht nehmen auf seine Mitmenschen und sich solidarisch zeigen, ist wichtig und kommt schlussendlich der Gesellschaft als Ganzes zugute. Statt aber in Selbstverständnis zu schwelgen und zu erwarten, dass alle anderen seine Probleme lösen, wäre auch umgekehrt Verständnis geboten, wenn etwas halt nicht geht, statt jedes Mal die Diskriminierungskarte zu zücken. Ein verantwortungsvoller gesellschaftlicher Umgang ist keine Einbahnstrasse. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.12.2018, 10:06 Uhr

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