Der neue Puritanismus

Der Mann als Sexmonster und andere Ausgeburten der Political Correctness.

Soll sich 1986 einem 14-Jährigen sexuell genähert haben: Kevin Spacey.

Soll sich 1986 einem 14-Jährigen sexuell genähert haben: Kevin Spacey. Bild: Keystone

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Harvey Weinstein ist längst abgetaucht. Kevin Spacey kann sich zwar nicht daran erinnern, vor mehr als 30 Jahren bei einer Party betrunkene Avancen gemacht zu haben, bereut aber zutiefst und geht in Therapie. Der englische Verteidigungsminister hisst die weisse Flagge und tritt zurück, weil er vor 15 Jahren einer Journalistin die Hand aufs Knie gelegt haben soll. Wiederholt! Und Dustin Hoffman soll 1985 (!) eine Praktikantin betastet und mit anzüglichen Bemerkungen belästigt haben. Zerknirscht gesteht der 80-jährige Hoffman, dass er sich schrecklich fühle angesichts von Dingen, die er getan haben könnte.

In den weiten Bahnhofshallen der SBB, die für Dampflokomotiven gebaut wurden, soll flächendeckend ein Rauchverbot eingeführt werden. Nicht nur an US-Universitäten werden Studenten vor «Mikroaggressionen» geschützt, indem vor gewalttätigen Textstellen in Klassikern wie «Ödipus» oder in Shakespeares Werken gewarnt wird, falls sie nicht gleich entfernt werden. Die Anbahnung eines Kontakts zwischen zwei Jugendlichen, der möglicherweise in der Vornahme sexueller Handlungen enden könnte, gleicht einem Hindernislauf inklusive schriftlicher Einwilligung, um jede Gefahr einer behaupteten sexuellen Belästigung auszuschliessen.

Moralinsaure Verurteilung

In der allgemeinen Verunsicherung angesichts einer komplexen und komplizierten Welt gewinnt das Bedürfnis nach fatal-simplen Ordnungskriterien überhand. Auf politischem Gebiet äussert sich das in einer moralinsauren Verurteilung all dessen, was nicht in das festgefügte Weltbild des neuen Justemilieus passt. Mit grossinquisitorischer Rechthaberei wird der Stab über Präsident Trump, neuen rechten Bewegungen wie der AfD und überhaupt allem gebrochen, was sich als populistisch, hetzerisch, rechtskonservativ oder gleich faschistisch beschimpfen lässt.

Im gesellschaftlichen Zusammenleben äussert sich diese Verunsicherung in einem neuen Puritanismus, einem Rückfall in viktorianische Zeiten, wo Sexualität als eine schmutzige Bedrohung des anständigen Menschen gesehen wurde. Frauen waren keusche Eheweiber oder verruchte Huren, im Zweifelsfall gleich Hexen, zumindest mit einer «vagina dentata» ausgestattet, mit der sie Männer kastrieren konnten. Dieses Frauenbild hat sich aber, einer weiteren Grundströmung der modernen Gesellschaft folgend, gewaltig gewandelt.

Ist man erst Opfer, kann man unter Applaus der Öffentlichkeit auf den Täter losgehen.

Diese neue Grundströmung besteht darin, dass die Gesellschaft in unendlich viele Untergruppen von Diskriminierten, Benachteiligten, Verletzten, Diffamierten, Unterdrückten zerfällt. In einem Wort: in Opfer. Frauen werden von triebgesteuerten Männern belästigt. Untergebene und Abhängige von ihre Macht missbrauchenden Vorgesetzten. Nichtraucher durch Raucher. Sensible Schüler durch traumatisch wirkende Textstellen. Wir leben in einem Zeitalter der Hypersensibilität.

Wer feinsinnig entdeckt, dass das Tragen eines Sombreros bei einer Kostümparty von der entsprechenden Volksgruppe entweder als Sich-lächerlich-Machen oder als ungebührliche Aneignung fremden Kulturguts schmerzlich empfunden werden kann, hat gewonnen. Er hat eine neue Diskriminierung entdeckt, und damit eine neue Opfergruppe. Wer das für ein Beispiel aus den schwer unter Political Correctness leidenden USA hält: weit gefehlt. In Zürcher Trams mussten Hinweistafeln ausgewechselt werden, weil das Piktogrammmännchen, das das Verbot des Musizierens illustrierte, einen Sombrero trug.

Opfermobs im Internet

Dank Internet kommt es problemlos zur Bildung von Opfermobs. Hashtags wie «metoo», entsprechende Foren und Gruppen auf sozialen Plattformen unterstützen potenzielle Opfer dabei, sich als solche zu erkennen – und natürlich darunter zu leiden. Sei es auch nur unter einer anzüglichen Bemerkung, die Jahrzehnte zurückliegt, einem diskriminierenden Blick, der den damals Jugendlichen bis ins hohe Alter traumatisiert hat und am Führen eines glücklichen oder erfolgreichen Lebens hinderte. Um Opfer zu sein, reicht der Massstab der eigenen Empfindung.

Dem Täter nützt es nichts, auf eine fehlende Absicht hinzuweisen; empfindet sich das Opfer diskriminiert oder verletzt, genügt das. Denn wer Opfer ist, ist natürlich schuldfrei, eigentlich auch verantwortungsfrei, denn Schuld und Verantwortung für ein verpfuschtes oder zumindest eingeschränktes Leben trägt der Täter. Was immer er auch getan haben mag.

Ist man erst einmal Opfer, aus welchen absurden Gründen auch immer, kann man unter Applaus der Öffentlichkeit auf den Täter losgehen. Ihn blossstellen und vernichten. Das Beklemmende daran: Es ist völlig unerheblich, ob die Vorwürfe zutreffen oder nicht, längst verjährt sind oder nicht, von Trittbrettfahrern verstärkt werden oder nicht, vom Täter bestritten werden oder nicht.

So feinfühlig die Warner vor mannigfaltiger Diskriminierung beim Aufspüren neuer Opferkategorien sind, so brutal sind sie in der Verfolgung von Tätern. Ein zerknirschtes Schuldeingeständnis reicht bei Weitem nicht. Rücktritt, Aberkennung aller Ehrungen, völliger Rückzug aus dem öffentlichen Leben, Absolvierung einer Therapie, medikamentöse Behandlung: das ist das Mindeste, was als Busse verlangt wird.

Vergeben und vergessen wird nicht, die Verantwortlichkeit eines Menschen für seine Taten beginnt in frühester Jugend und verjährt nie. Der einzige Lichtblick in den neuen Zeiten des Puritanismus besteht darin, dass solche absurden Verabsolutierungen von echten oder vermeintlichen Übergriffen, Diskriminierungen, von Tätergruppen und Opfern in ihrer ständigen Suche nach neuen Extremen irgendwann unter der eigenen Lächerlichkeit zusammenbrechen wird. Aber bis dahin ist noch ein weiter Weg, und der wird von immer neuen Opfern gesäumt werden. Während Opfer zu Tätern werden und Täter zu Opfern. (Basler Zeitung)

Erstellt: 08.11.2017, 10:55 Uhr

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