«Die grösste Hilfe ist der Gang zur Krippe»

Kardinal Kurt Koch, höchster Schweizer im Vatikan, über Erwartungen ans Weihnachtsfest und das Heilige Land.

Strahlende Kuppel: Weihnachten nicht zu feiern, ist fast nicht möglich, sagt Kardinal Kurt Koch. Der 67-Jährige ist der höchste Schweizer Würdenträger in der Römisch-Katholischen Kirche.

Strahlende Kuppel: Weihnachten nicht zu feiern, ist fast nicht möglich, sagt Kardinal Kurt Koch. Der 67-Jährige ist der höchste Schweizer Würdenträger in der Römisch-Katholischen Kirche. Bild: Keystone

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BaZ: Herr Kardinal Koch, kurz vor Weihnachten blickt die Welt mit Sorge nach Bethlehem, der Geburtsstätte Jesu, und auf das Heilige Land. Sie sind Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen und in Ihrem Amt auch mit der religiösen Beziehung zum Judentum befasst: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem gehört haben?
Kardinal Kurt Koch: Es war ein Erschrecken. Den internationalen Status von Jerusalem infrage zu stellen, ist ein gefährliches Vorgehen des amerikanischen Präsidenten. Gewiss ist die Situation in Jerusalem immer konfliktbeladen; nun jedoch wird dieser Zustand noch verschärft. Damit wird eine Zwei-Staaten-Lösung, wie sie auch der Heilige Stuhl fordert, noch schwieriger werden.

Wir möchten mit Ihnen trotz unruhiger Zeiten über das Fest der Liebe sprechen – was hat Weihnachten den Menschen heute überhaupt noch zu sagen?
Der Mensch hat Sehnsucht nach etwas Absolutem, und er wünscht sich, dass das Absolute nicht einfach etwas Fernes ist, sondern uns nahekommt. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes gibt Antwort auf diese Sehnsucht: Gott wird nicht einfach allgemein Mensch, sondern konkret als Kind, als wehrloses Menschengeschöpf. In dieser Ohnmacht dürfen wir Gott selbst wahrnehmen. Damit verbunden ist die Botschaft des Friedens, die aber an eine klare Bedingung geknüpft ist: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden. Dies ist der Doppelbeschluss Gottes an Weihnachten.

Ist die Botschaft nicht in den Hintergrund getreten?
Wenn man in die Öffentlichkeit hineinschaut, hat man diesen Eindruck. Alle Menschen feiern Weihnachten. Eigentlich kann niemand Weihnachten nicht feiern. Doch viele Menschen wissen kaum mehr, was an Weihnachten gefeiert wird. Unlängst hat mir ein japanischer Shintoist gesagt, dass auch er Weihnachten feiert. Auf meine Frage, was er denn feiere, antwortete er: Geschenke natürlich.

Weihnachten ist auch ein Fest für Immobilienmakler, wie mir mal eine Maklerin erklärt hat, als ich auf Wohnungssuche war. Viele Paare trennen sich ausgerechnet am Fest der Liebe, und viele Wohnungen oder Häuser werden frei. Weihnachten ist ein konfliktbeladenes Fest.
Diese Probleme existieren in der Tat. Für viele Menschen ist Weihnachten eine schwierige Zeit. Die Einsamen spüren ihre Einsamkeit noch viel mehr. Latente Konflikte können aufbrechen. Diese Probleme zeigen, dass die Menschen in der Tiefe erahnen, worum es an diesem Fest geht. Deshalb sind wir herausgefordert, den Menschen zu helfen, das eigentliche Geheimnis von Weihnachten wieder zu erspüren und von daher die Konflikte anzugehen. Gott ist an Weihnachten nicht in eine konfliktfreie Welt gekommen, sondern in eine Welt voll von Auseinandersetzungen.

Können Sie das etwas genauer erklären?
Das Geheimnis von Weihnachten überfordert viele Menschen, weil sie die Botschaft der Nähe Gottes zwar hören, aber in ihrem Leben kaum mehr erfahren. Deshalb haben sie Menschen nötig, die nicht nur von Liebe reden, sondern sie leben, und Licht ins Dunkle bringen.

Ist für Sie die kulturelle Dimension des Festes die Voraussetzung, dass man die christliche Botschaft überhaupt noch vermitteln kann, oder kann diese Botschaft den Menschen auch ohne Baum, Braten und Geschenke nahegebracht werden?
Die kulturelle Dimension kann die Botschaft verdecken, sie kann aber auch zum Geheimnis hinführen. Selbst wenn sich die Menschen an Weihnachten einfach beschenken, spüren sie noch etwas vom tieferen Sinn von Weihnachten. Es hat zudem keinen Sinn, die kulturellen Begleiterscheinungen zu ignorieren. Man muss vielmehr versuchen, sie für das Eigentliche des Weihnachtsfestes durchsichtig zu machen.

Lassen Sie uns vom Kind zum Vater schauen, über den an Weihnachten meist weniger gesprochen wird. Aktuell ist er aber in aller Munde. Papst Franziskus wird vielfach zitiert, weil er neulich die deutsche Übersetzung des «Vaterunser»-Gebets kritisierte. Die Passage «und führe uns nicht in Versuchung» sei einem liebenden Vater nicht angemessen, meinte der Papst. Sie haben das Gebet hundertfach, tausendfach gesprochen. Was ist Ihre Meinung zum Vorwurf, dass ein guter Vater seine Kinder nicht in Versuchung führe?
Es kommt darauf an, wie man das «Vaterunser» versteht. Da das Gebet Jesu eschatologisch, also auf das Ende der Zeiten orientiert ist, geht es bei der Versuchung um die endgültige Versuchung der Ablehnung Gottes. Da ich annehmen muss, dass ich diese Versuchung nicht bestehen könnte, bitte ich Gott darum, dass ich nicht in diese Versuchung gerate. Bei dieser Lesart ist die Übersetzung durchaus richtig. Wenn ich hingegen an die alltäglichen Versuchungen denke, legt sich eher die Interpretation von Papst Franziskus nahe. Ihm ist es jedenfalls zu verdanken, dass über das Vaterunser nachgedacht und darüber in der Öffentlichkeit gesprochen wird.

Im vergangenen Jahr ist in Deutschland auch in der Schweiz das Reformationsjubiläum gefeiert worden – vielfach mit katholischer Beteiligung. Ist dieses Jubiläum für einen Kardinal überhaupt Anlass zum Feiern?
Wir haben im Vorfeld des Reformationsgedenkens zusammen mit dem Lutherischen Weltbund die Schrift «Vom Konflikt zur Gemeinschaft» herausgegeben und damit zum Ausdruck gebracht, dass es in der Geschichte schwere Konflikte gegeben hat, dass wir aber auf dem Weg zur Gemeinschaft sind. Die genannte Schrift hat drei Akzente. Der erste ist Dankbarkeit. Wir haben nicht nur der 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre intensiven ökumenischen Dialogs zwischen der katholischen Kirche und den Protestanten gedacht und dabei sehr viel entdeckt, was uns gemeinsam ist. Das ist Grund zum Feiern.

Und das zweite Stichwort?
Schuldbekenntnis und Busse. Die Reformatoren wollten keine neuen Kirchen gründen, sondern die Kirche erneuern. Es kam aber zur Spaltung und zu grauenhaften Konfessionskriegen. Dies kann man gewiss nicht feiern. Wenn wir heute in der islamischen Welt sehen, wie sich Schiiten und Sunniten bekämpfen, müssen wir Christen bekennen: Dies haben wir in der Geschichte leider auch gemacht. Das dritte Stichwort ist deshalb Hoffnung, dass das gemeinsame Gedenken der Reformation neue Wege in die Zukunft ermöglichen wird.

Drei Viertel des Weges oder eben 1500 Jahre ist man mit den Reformierten zusammen gegangen, und das Ende ist – theologisch gesehen – ebenfalls übereinstimmend. Dennoch existiert sehr viel Trennendes. Ist da eine Einheit denn überhaupt notwendig?
Wenn wir den Willen unseres gemeinsamen Herrn erfüllen wollen, dann müssen wir dieses Ziel anvisieren. Im hohepriesterlichen Gebet (Johannes 17) hat Jesus darum gebeten, dass seine Jünger eins sein sollen, damit die Welt glaubt, dass er vom Vater gesandt ist. Die Einheit ist nicht ein Ziel in sich selbst, sondern dient der Glaubwürdigkeit der Sendung Jesu Christi und der Sendung der Kirche. Bereits die erste Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 hat erkannt, dass die Trennung der Christenheit das grösste Hindernis für die Evangelisierung der Welt ist.

Lässt sich der 500 Jahre alte Konflikt denn jemals überwinden?
Die Einheit können wir Menschen nicht schaffen. Wir können Spaltungen produzieren. Die Einheit ist ein Geschenk, um das wir beten und uns bemühen sollen. In diesem Sinn bin ich zuversichtlich.

Eine weitere Frage, die auch an der Basis immer wieder diskutiert wird, ist jene zu den wiederverheirateten Geschiedenen. Im Moment hat man das Gefühl, dass niemand so genau weiss, woran man sich da im Moment halten soll. Das Schreiben des Papstes an eine Gemeinde in Argentinien zur Thematik empfiehlt, zivilrechtlich Geschiedenen im Einzelfall den Zugang zu den Sakramenten zu gestatten. Diese Gangart scheint aber nicht die offizielle Lehrmeinung der Kirche zu sein.
Papst Franziskus hat erklärt, dass es sich bei dem genannten Schreiben um die authentische Interpretation von «Amoris laetitia» handelt. Zum Verständnis ist es wichtig zu sehen, dass der Papst die Lehre der Kirche nicht ändern und auch nicht neue Regeln aufstellen will, aber einen pastoralen Weg im Blick auf die Unterscheidung der konkreten Situationen der Menschen gesucht hat. In diese Richtung hat übrigens bereits Papst Johannes Paul II. gedacht, indem er betonte, man müsse die jeweiligen Situationen, in denen die Menschen leben, genau unterscheiden und danach pastoral handeln.

Wir hatten das Gefühl, dass sich diese Problematik hinsichtlich der Geschiedenen in letzter Zeit zuspitzt. Merken Sie das? Werden Sie von Seelsorgern zu solchen Fragen aktiv angegangen?
Ich sehe vor allem eine Schwierigkeit darin, dass verschiedene Bischofskonferenzen bei dieser Frage unterschiedliche Wege gehen: Während die deutsche Bischofskonferenz den Weg der pastoralen Öffnung begrüsst hat, hat die polnische Bischofskonferenz entschieden, dass sich in der Pastoral nichts ändern wird. Wenn man bedenkt, dass es sich beim Ausschluss von den Sakramenten um eine schwerwiegende Situation handelt, tun mir die Gläubigen bei derart unterschiedlichen Wegen in den verschiedenen Ländern leid.

Wie ein Vatikankenner letzthin meinte, brächten sich die Papstkritiker zunehmend in Stellung. Gleichzeitig gibt es diese Unterschriftensammlung, genannt «Pro Pope Francis», von Anhängern des Papstes, deren Zahl zuletzt auf 62'000 gestiegen ist. Sind das erste Anzeichen für einen sich anbahnenden Machtkampf im Vatikan?
Von einem Machtkampf im Vatikan kann man sicher nicht reden. Dass es in der Römischen Kurie eine starke Opposition gegen Papst Franziskus gebe, wie ich in verschiedenen Medien lese, kann ich nicht bestätigen. Dass es in der Kirche Spannungen und Polarisierungen gibt, ist freilich nicht ein neues Phänomen. Dies war auch im Pontifikat von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. so, freilich unter anderen Vorzeichen: Nicht wenige von denen, die früher sehr papsttreu gewesen sind, kritisieren heute Papst Franziskus öffentlich. Umgekehrt wird Papst Franziskus heute von nicht wenigen verteidigt, die seine Vorgänger kritisiert haben. Spannungen hat es in der Kirche immer gegeben, wichtig ist, dass daraus keine Spaltungen gemacht werden.

Ihr Weihspruch ist aus dem Paulusbrief an die Kolosser und lautet: «Christus hat in allem Vorrang.» Wenn man diesen Ausschnitt als Protestant liest, dann erkennt man darin schon fast ein reformiertes Bekenntnis: Diese Rückbesinnung auf die Quelle des Glaubens, auf die Essenz des Christseins, auf Christus. Können Sie ausführen, was es mit diesem Weihspruch auf sich hat?
Er ist sicher nicht reformiert in einem konfessionellen Sinn, sondern er ist biblisch.

Nichtsdestotrotz ist es für einen Kardinal der katholischen Kirche ein spannender Spruch. Was bedeutet dieser für Sie?
Die Kirche ist die Gemeinschaft der Menschen, die an Jesus Christus glauben und auf seinen Namen getauft sind. Deshalb steht Christus im Mittelpunkt des kirchlichen Lebens. Sie ist nur dann wirklich Kirche, wenn Christus in ihr den Primat hat. Christ sein bedeutet Leben mit Jesus Christus, und alles andere folgt daraus. Daran muss auch und gerade ein Bischof immer wider erinnern. Und die Kirche muss sich immer wieder darauf besinnen, was ihr Sinn und ihre Bestimmung ist. Mein bischöfliches Leitwort will darauf hinweisen, dass der Sinn der Kirche darin besteht, als jene Gemeinschaft zu leben, die von Christus zusammengerufen ist, um seine Gegenwart im Gottesdienst zu feiern und seine Botschaft in die Welt zu tragen.

Wie feiern Sie Weihnachten?
Im Vatikan heisst einer der ältesten Friedhöfe, wo die frühchristlichen Märtyrer ihren Tod erlitten haben, Campo Santo Teutonico. Bei diesem Friedhof stehen eine Kirche und ein Haus für deutschsprachige Priester. In dieser Kirche feiere ich die Weihnachtsgottesdienste. Denn es gibt in Rom viele Deutschsprachige, die zwar schon lange Zeit in Rom leben, aber an Weihnachten eine Heilige Messe in der deutschen Sprache mitfeiern möchten. Anschliessend gehe ich ins Haus des Campo Santo zum Weihnachtsessen und danach in die Petersbasilika, um den Weihnachtsgottesdienst mit Papst Franziskus mitzufeiern.

Haben Sie einen Wunsch zu Weihnachten?
Ich wünsche allen Menschen, dass sie das tiefe Geheimnis von Weihnachten wieder entdecken und darüber froh werden. Denn es gibt keine schönere und tröstlichere Botschaft. Wenn Menschen in dieses Geheimnis eintauchen, werden sie von den kulturellen Begleiterscheinungen nicht abgelenkt und bleiben nicht an der Oberfläche. Die grösste Hilfe ist deshalb der Gang zur Krippe, um Gott in der Ohnmacht des Kindes persönlich zu finden. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.12.2017, 10:24 Uhr

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