Die neue Mode der Firma Big Brother

Kann ich mir nach einem Cyberangriff überhaupt noch eine Tasse Baldrian-Tee kochen?

Türsysteme, Schliessanlagen, Kühlschränke und Kaffeeautomaten – alles wird vernetzt.

Türsysteme, Schliessanlagen, Kühlschränke und Kaffeeautomaten – alles wird vernetzt. Bild: Keystone

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Woran erkennst du, dass du alt wirst? In meinem Fall war es sehr einfach. In den letzten Ferien zum Beispiel. Im Hotel habe ich die TV-Fernbedienung mit der Fernsteuerung für den motorisierten Vorhang verwechselt. Der Vorhang ging zu, der Fernseher nicht an. Grand succès.

Und weiter: Unser Leihwagen hatte keinen Schlüssel, sondern ein kleines Tablet mit vielen geheimnisvollen Zeichen; die Qumran-Schrift ist ein Klacks dagegen. Mit einer der Tasten konnte man wenigstens die Autotür öffnen. Als ich den Kleinwagen abgab, hatte der Autovermieter die Kilometerzahl schon im Computer, obwohl er zuvor keinen einzigen Blick auf die Karre geworfen hatte. Irgendwas kommunizierte hier unsichtbar und ohne mein Wissen. Was geht da ab?

Wie die neuen Technologien im Einzelnen funktionieren, zum Beispiel die berühmte Cloud, können mir nicht einmal die Digital Natives erklären. Aber sie machen mit. Ich nicht. Ich will einen ehrlichen alten Autoschlüssel zum Umdrehen und Abbrechen. Schon weil ich sonst nicht durchblicke. Doch die Entwicklung geht weiter, zuerst über mich hinweg, dann über dich. Wie? Das zeigen die folgenden Beispiele.

Türsysteme, Schliessanlagen, Kühlschränke und Kaffeeautomaten – alles wird vernetzt. Kann ich mir nach einem Cyberangriff überhaupt noch eine Tasse Baldrian-Tee kochen?

Der Modekonzern Tommy Hilfiger ist dabei, Mikrochips in gewisse Jeans oder Baseball-Caps einzuweben. Mit den Chips kann die Firma im Internet verfolgen, ob der Kunde auch brav die Hilfiger-Klamotten trägt. Wer oft damit unterwegs ist, wird belohnt. Per App erhält man Rabatt.

Die Hose hätten wir schon mal, jetzt fehlt noch die Jacke. Gemeinsam mit Google hat die Firma Levi’s eine Funktionsjacke der besonderen Art entwickelt. Preis: 350 Dollar. Streicht man über den Ärmel, geht das Handy an, zum Beispiel mit Musik, je nach Programm. Klopft man zweimal auf die Manschette, sagt das Handy, wie man nach Hause findet. In das sogenannte Smart Jacket sind elektrisch leitende Fasern eingenäht, der Manschettenknopf ist ein Bluetooth-Sender. So kann ich auf dem Velo, ohne abzusteigen und am Handy zu fummeln, einen Telefonanruf annehmen. Will ich das haben? Es gibt auch so schon genügend Unglück auf der Welt.

Hose, Jacke, nun zur Brille. Für die Nase gibt es Google Glass. Antippen der Datenbrille genügt, und sie fotografiert alles, was um uns herum kreucht und fleucht. Per Bluetooth mit dem Handy verbunden, kommen die Videos fast in Echtzeit ins Netz. Umgekehrt sendet das Handy alle Informationen über eine Stadt oder einen Menschen auf den winzigen Bildschirm an der Brille. Natürlich ist es nicht gerade angenehm, einem Menschen mit Datenbrille zu begegnen, der viele Infos über uns hat und jede Regung von uns ins Netz stellen kann. Google Glass floppte und wurde 2015 vom Markt genommen. Google und die israelische Firma Plataine werkeln bereits an einer neuen Version, etwa für Firmen ...

Auch mit dem Büro-Nickerchen ist es vorbei. In Japan arbeiten Klimaanlagenhersteller Daikin und Elektronik-Multi NEC an folgender Technologie: Eine am Computer des Angestellten angebrachte Kamera beobachtet die Bewegungen seiner Augenlider. Bei Anzeichen von Müdigkeit lenkt die Klimaanlage kühle Luft auf die japanische Schlafnase.

Wacht auf, Verdammte dieser Erde. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.10.2018, 14:13 Uhr

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