Wie gefährlich ist «legales Gras» vom Kiosk?

Cannabisforscher Rudolf Brenneisen über den medizinischen Nutzen und die Risiken von CBD.

Hier werden sie produziert, die ersten Hanf-Zigaretten aus der Schweiz.

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THC, der Wirkstoff der Cannabis-Pflanze, löst Räusche aus und ist verboten. Weil THC auch eine heilende Wirkung besitzt, kann der Wirkstoff als Medikament eingesetzt werden – doch wegen der Gesetzeslage stossen Patienten und Ärzte auf grosse Hürden. Ihre Hoffnung liegt nun auf CBD, einem weiteren Cannabis-Wirkstoff, der eine ähnliche molekulare Struktur wie THC hat, aber nicht berauschend wirkt und deshalb nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fällt. Das «legale Gras» hat in den vergangenen Monaten zu einem regelrechten Boom geführt: In der Schweiz gibt es mehrere Produzenten, die einen Millionenmarkt wittern und versuchen, die schnell wachsenden Nachfrage zu stillen.

Herr Brenneisen, CBD ist nun im Supermarkt und an Kiosken zu haben. Für wen sind diese Produkte gedacht?
Junge erwachsene Lifestyler oder Experimentierfreudige. Aber auch Patienten, die komplementär oder anstelle von Schulmedizin CBD-Selbsttherapie mit der hochstilisierten «Wunderdroge» CBD-Hanf betreiben wollen – nach dem Motto «Natur hui, Chemie pfui».

Sie klingen skeptisch.
Die Diskrepanz zwischen Wissensstand und Verbreitung ist bei CBD frappant. Wenn man sieht, wer sich alles in das lukrative Geschäft einmischt, kann einem Angst und Bange werden. Cannabidiol ist eine pharmakologisch hoch aktive Cannabiskomponente, dessen therapeutisches Potenzial wie auch die Langzeittoxizität klinisch noch völlig ungenügend abgesichert sind. Auch wenn es nicht berauschend wirkt und nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt ist, gehört CBD nicht in die unkontrollierte Selbstbedienung und den Onlinemarkt, sondern in die Hände von Fachpersonen, also Apothekern und Ärzten, die eine Abgabeberatung leisten können.

Video: Die Cannabis-Boutique

Legal Gras kaufen am Zürcher Lochergut.

Die allerwenigsten Apotheker führen CBD. Wieso?
Das ist ein Missstand. CBD darf gemäss Swissmedic als Reinsubstanz von Apotheken nicht abgegeben werden. Medizinische Präparate auf der Basis von CBD-Cannabisextrakten – also Präparate mit wenig THC- und hohem CBD-Gehalt – können dagegen über Apotheken bezogen werden, aber die meisten Apotheker kennen sich mit der Substanz noch nicht aus. Diese Situation ist für die SACM schwer nachvollziehbar. Zumal die Verschreibung und Abgabe im Falle des berauschenden THC mit einer BAG-Sonderbewilligung möglich ist. Auch störend: In Hemp-Shops und Hanf-Theken ist reines CBD erhältlich. Der Gehalt und die Reinheit sind aber manchmal nicht der Deklaration entsprechend.

Wie sollte die Abgabe von CBD Ihrer Meinung nach geregelt sein?
Als Medikament sollten alle CBD-Präparate in Apotheken erhältlich sein, auch reines CBD. Mit einem Qualitätszertifikat und behördlicher Kontrolle erachte ich auch eine Abgabe über andere Kanäle wie Hemp-Shops als sinnvoll. Dies aber nur mit Abgabeberatung und ohne Heilsversprechungen.

Gibt es politischen Widerstand?
Im Falle des nicht berauschenden CBD sowieso nicht. Die Motion Kessler, welche verlangt, dass Schwerstpatienten Zugang zum Medikament Cannabis erhalten sollen, wurde im Parlament verabschiedet. Links und rechts waren sich für einmal einig. Der Ball liegt nun beim BAG, welches für die Umsetzung verantwortlich ist und die notwendige Gesetzesrevision vorbereiten muss. Es kann nicht sein, dass THC und Cannabis in der Liste der verbotenen Stoffe sind, also in der Nachbarschaft von Heroin und Kokain. Sie gehören in die Liste mit den verschreibungsfähigen Betäubungsmitteln wie etwa Morphin. Krebs- oder chronische Schmerzpatienten haben bei Selbstmedikation mit THC-Hanf kein Verständnis dafür, dass sie allenfalls kriminalisiert werden und die Gesetzesmühlen viel zu langsam mahlen.

Welches ist das konkrete medizinische Potenzial von CBD – und wie unterscheidet es sich von THC?
Leider wird das therapeutische Potenzial noch allzu oft überbewertet bzw. CBD als Wundermittel gefeiert, ich nenne das «Indikationslyrik». Erst wenige klinische Studien sind vielversprechend bezüglich Einsatz bei schwerer Epilepsie und Psychosen, andere deuten etwa auf Wirkung bei Schlafstörungen, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen und Kopfschmerzen. Weitere behauptete Effekte sind nur in Zell- und Tierversuchen aufgezeigt worden, etwa Tumorhemmung und Stimulierung von Knochenwachstum. Der medizinische Nutzen von THC ist besser belegt, so etwa bei Muskelspasmen, chronischen Schmerzen, Übelkeit, Tourette-Syndrom, Migräne und Appetitlosigkeit.

Wieso gibt es bis jetzt kaum klinische Studien zur Wirkung von CBD?
Big Pharma ist bis jetzt wenig interessiert, denn CBD ist als Substanz nicht patentierbar, nur im Falle spezieller Herstellungsverfahren oder Applikationsformen wie Pflaster, Kaugummis oder Nasensprays.

Es gibt allerdings viele Selbsterfahrungsberichte.
Ja, und ich bin der Meinung, dass solche Einzelfälle von Wissenschaftlern und Ärzten nicht arrogant abqualifiziert werden dürfen, denn sie sind allenfalls eine gute Basis für schulmedizinische Studien.

Man muss davon ausgehen, dass viele Leute das Kiosk-CBD aus medizinischen Gründen probieren werden. Wie umgeht man als Konsument die grössten Risiken?
Falls medizinisches CBD nicht zugänglich ist, empfiehlt es sich, nur seriöse Anbieter zu wählen, etwa Grossverteiler. Dann sollte man mit tiefen Dosen beginnen und sich im Selbstversuch an die wirksame Dosierung herantasten. Ein weiteres Risiko der unkontrollierten Selbstmedikation ist das Verpassen der schulmedizinischen Standardtherapie – etwa bei einer Krebserkrankung. Auch rate ich von CBD-Cannabiszigaretten oder CBD-E-Zigaretten ab und empfehle Verdampfer oder einnehmbare Präparate. Durch das Inhalieren der Dämpfe wird die Lunge weniger geschädigt als durch Rauch.

Video – Die weltweit ersten Hanf-Zigaretten aus der Schweiz

Seit kurzem sind in der Schweiz Cannabis-Zigaretten erhältlich. Wir begleiteten die Produktion dieser Weltneuheit im Video. (Video: Tamedia) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 21:51 Uhr

Zur Person

Rudolf Brenneisen ist emeritierter Professor der Pharmazie und gilt als einer der international führenden Cannabisforscher. Er ist Gründer und Leiter der Schweizerischen Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin (SACM).

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