Es war einmal ein Geheimtipp

Ein Video reicht – und das Verzascatal wird überrannt. Was mit Ferienorten passiert, wenn Hypes die Touristenströme steuern.

Gratiswerbung: Italienische Touristen zeigen ihren Landsleuten das Verzascatal. Quelle: Tamedia Webvideo, Youtube

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Zwei Jungs, zwei Mädchen, Sonnenschein, glasklares Wasser. Mehr ist nicht zu sehen. Doch für Lavertezzo im Verzascatal reichte der 74 Sekunden lange Clip mit dem Titel «Die Malediven von Mailand» aus, um den Sommer 2017 zu einem Ausnahmeerlebnis werden zu lassen. Seit das Video im Juli online ging, sind unzählige Touristen der Aufforderung des Youtubers Marco Capedri gefolgt: Un'Ora da Milano, eine Stunde von Mailand entfernt, liege dieses Paradies, malerische Felsen, türkises Wasser, hineinspringen, wunderbar. In den Medien liessen die Klagen nicht lange auf sich warten. Die Rede war von «Touristenhorden», vom «Überrennen» eines pittoresken Ortes ohne Infrastruktur. Der Gemeindspräsident sagte tapfer, die Lage sei unter Kontrolle.

Geschichten wie diese gibt es viele – statt von Broschüren im Reisebüro lassen sich die Menschen heute bei der Wahl des Urlaubsziels online animieren. Immer mehr folgen Social-Media-Promis, so genannten Influencern, an Orte, die durch Filter und geschicktes Licht wie Traumdestinationen aussehen. Ein Video wie das von Lavertezzo wird von Millionen Menschen angeschaut. Eine unglaublich effiziente Werbemassnahme – wenn man sie richtig einsetzt.

«Das Lavertezzo-Video hätten wir sicher anders gemacht», sagt Markus Berger von «Schweiz Tourismus». Man arbeite gern mit Influencern zusammen – allerdings wäre es schön, wenn dann die Botschaft stimme. Im Klartext: Die Follower sollen zum Geldausgeben animiert werden, Hotels, Restaurants oder auch Bungee-Jumping-Kurse angeboten bekommen. Im Verzascatal habe man derzeit fast nur Nachteile: Die Leute kommen, springen ins Wasser, picknicken, fahren wieder weg.

Wie im Freibad

Trotzdem hat auch «Schweiz Tourismus» das Video weiterverbreitet: Man wolle schliesslich nicht aussehen, als hätte man einen Trend verschlafen, sagt Berger. Und so ganz grundsätzlich sei das Video ja «wirklich schön». Doch es gibt auch Risiken. Wenn Tourismus durch spontane Hypes gesteuert wird, gibt es keine Kontrolle mehr. Von einem Tag auf den anderen sind Tausende Menschen da – einfach weil es in Mailand seit Wochen unerträglich heiss ist und dieses Video schnelle Abkühlung verspricht. Diesen Kontrollverlust kennen auch manche Restaurantbesitzer: Nachdem ein prominenter Gast da war, stehen Tausende Schlange – und die Stammgäste flüchten.

Ohnehin verändern Social-Media-Trends ganze Urlaubsregionen: In Russland warnen Plakate davor, Selfies mit einfahrenden Zügen zu schiessen. Und die Geschichten von Urlaubern, die beim Tier-Selfie vom Walross ins Wasser gezogen oder vom Bär angegriffen wurden, sind zahlreich, sie enden meist tödlich. Andere Trends sind einfach skurril. Ein aktuelles Beispiel: Urlauber ziehen an einsamen Orten die Hosen runter und machen ein Foto ihres nackten Hinterteils vor malerischer Kulisse. Hunderttausende haben die Bilder abonniert.

Im Verzascatal dauert die Parkplatzsuche nun ewig, die malerischen Felsen sind voller Leute. Wer in das glasklare Wasser springen will, muss also warten. Und dann aufpassen, dass er niemandem auf den Kopf springt. Im Prinzip: wie in der Badi. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.08.2017, 10:38 Uhr

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