Euer Glaube ist leer

Jesus Christus ist auferstanden. Wer daran zweifelt, berührt den Nerv der christlichen Religion.

Wirklichkeit des Glaubens. Apostel Thomas prüft, ob Jesus von den Toten wiedergekehrt ist (gemalt von Caravaggio, 1571–1610).

Wirklichkeit des Glaubens. Apostel Thomas prüft, ob Jesus von den Toten wiedergekehrt ist (gemalt von Caravaggio, 1571–1610). Bild: Sanssouci Picture Gallery

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Jemandem zu sagen, dass sein Glaube leer sei, kann vor den Kopf stossen. Es ist eine Schlagzeile, die Menschen einen Schock versetzen kann. Jemandem zu erklären, dass sein Glaube leer sei, kann sogar Identitätskrisen auslösen.

Die Frage lautet allerdings, welcher Glaube in der heutigen Zeit eigentlich leer sein soll? Ist es der Glaube an den Menschen? Der Glaube an den Fortschritt? Der Glaube an die Technik? Der Glaube an die Medizin? Oder der Glaube an eine Wahrsagung? Es gibt verschiedene Arten von Glauben. Welcher Glaube ist heute leer?

Wenn wir so nachfragen, wird es nicht besser. Denn es ist nicht der Glaube an all diese erwähnten Dinge gemeint. Es ist der Glaube an Gott gemeint. Ja, für einen Christen wird es noch enger. Es ist der Glaube an Jesus Christus gemeint. Ja, noch mehr: Es ist der Glaube an Jesus Christus, den Auferstandenen, gemeint. Damit treffen wir den Nerv der christlichen Religion.

Was will also diese Schlagzeile genau sagen: «Unser Glaube ist leer»? Es ist ein Zitat aus dem Ersten Brief an die Korinther. Das Zitat stammt von Paulus, aus dem Jahr 54 oder 55 unserer Zeitrechnung. Im grösseren Zusammenhang sagt Paulus: «Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube» (1 Kor 15,13–14).

Über das Leben hinaus

Damit kommen wir zu einer eindeutigen Aussage über den leeren Glauben: Der Glaube an Gott ist leer, wenn Christus nicht auferweckt worden ist. Die Schlussfolgerung: Der Glaube, der von der Auferweckung oder Auferstehung Christi gesäubert ist, bleibt ein leerer Glaube. Es ist ein Glaube ohne Nutzen. Es ist ein nichtiger Glaube. Paulus sagt sogar: «Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden; und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren. Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen» (1 Kor 15,17–19).

Wenn wir Paulus richtig interpretieren, ist unser Glaube transzendent. Er geht über dieses Leben hinaus. Es wäre daher zu wenig, unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus zu setzen. Dem Glauben diese transzendente Dimension nehmen, bedeutet ihn zu entleeren.

Die Kirche hat den Glauben an die Auferweckung oder Auferstehung Jesu von Anfang an durch alle Jahrhunderte hindurch geschützt. Denn, wenn wir Paulus hören, können wir sagen: Das ist der Grundpfeiler, auf welchem der christliche Glaube steht, auf dem die Kirche steht. Das nizänisch-konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis hält seit dem vierten Jahrhundert daran fest mit den Worten: «Er ist auferstanden von den Toten.» Wer sich diesen Passus des Bekenntnisses zu Gemüte führt, wird mit grossem Gewinn etwa das Credo aus der grossen Komposition von Charles Gounod (1818–1893) hören können, aus der «Misse Solenelle de Sainte Cécilie». Der Komponist hat wie kaum jemand begriffen, was diese Glaubenswahrheit bedeutet.

Dennoch, so scheint es, hat man mit dem Glauben an die Auferweckung oder Auferstehung Jesu in gewissen Richtungen der Theologie, aber auch im Kanzelwort vieler Hirten gründlich aufgeräumt. Was hier festgehalten wird, so die Meinung, ist wenigstens nicht mehr zeitgemäss. Manche sagen, es sei überholt. Manche sagen, man müsse ein solches Bekenntnis neu interpretieren. Manche lassen es geradezu als überflüssig weg. Ein Bekenntnis dazu sei gar nicht mehr notwendig, um im Dienst der Seelsorge zu stehen. Das jedoch ist gerade die Entleerung des Glaubens.

Tatsache ist, dass das Zeugnis der Auferstehung Christi seit jenem Morgen, da einige Frauen und einige Jünger Jesu zum Ort der Bestattung kamen und das leere Grab fanden, nicht mehr abbricht. Auch eine Intervention der damaligen Behörden konnte die Ausbreitung und Weitergabe der Kunde nicht verhindern: «Noch während die Frauen unterwegs waren, siehe, da kamen einige von den Wächtern in die Stadt und berichteten den Hohenpriestern alles, was geschehen war. Diese fassten gemeinsam mit den Ältesten den Beschluss, die Soldaten zu bestechen. Sie gaben ihnen viel Geld und sagten: Erzählt den Leuten: Seine Jünger sind bei Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Falls der Statthalter davon hört, werden wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr nichts zu befürchten habt. Die Soldaten nahmen das Geld und machten alles so, wie man es ihnen gesagt hatte. Und dieses Gerücht verbreitete sich [...] bis heute» (Mt 28,11–15).

Fest wie ein Findling

Glaubenszeugnisse sind eben stärker als Gerüchte, auch als philosophische und theologische Überlegungen. Ja, sie überholen solche Überlegungen sogar. Denn die Wirklichkeit, auch die Wirklichkeit des Glaubens, ist mächtiger als jede Theorie, mächtiger selbst als die edelste Theorie. Natürlich lassen sich solche Überlegungen als unvernünftig, als denkerisch nicht nachvollziehbar und unbegründbar von der Hand weisen. Das ist durchaus möglich. Deshalb sind Argumente oft nicht beizubringen und Diskussionen laufen ins Leere – auch ins Leere. Glaubenszeugnisse lassen sich dennoch nicht zum Schweigen bringen. Sie stehen fest wie ein Findling. Die zentrale Botschaft von Ostern ist nun mal die Botschaft der Auferstehung Jesu: «Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäss der Schrift, und erschien dem Kephas, dann den Zwölf. Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen. Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln. Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt» (1 Kor 15,4-8). Die Botschaft der Auferstehung Christi ist so zentral und ausschlaggebend, dass der gesamte christliche Glaube zusammenbrechen würde, wenn die Auferstehung ein Wahngebilde wäre. Das eigentlich Neue und Unerwartete der christlichen Botschaft ist die Auferstehung – die Auferstehung als Vollendung und Erfüllung des Erlösertodes Christi.

Jesus wurde in einem neuen Grab in der Nähe von Golgota beigesetzt, im Familiengrab des Joseph von Arimathäa. Diese Stätte wurde nun zu einem heiligen Ort für die Gläubigen, für die Christen in Jerusalem und in der ganzen Umgebung, schliesslich für den ganzen Erdkreis. Er überdauerte die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70. Bald wurde darüber eine Kirche gebaut.

Der zweite jüdische Aufstand gegen Rom unter der Führung von Bar Kochba (132–135) hatte die gänzliche Unterdrückung des jüdischen Volkes zur Folge und die weitere Romanisierung der Stadt Jerusalem. Über dem Grabesareal liess Kaiser Hadrian (117–138) einen Tempel zur Ehre der Göttin Venus und des Gottes Jupiter errichten. Jerusalem erhielt den Namen Aelia Capitolina. Auf diese Weise wollte sich Kaiser Publius Aelius Hadrianus verewigen. Doch gelang es dem Herrscher nicht, im Gedächtnis der Gläubigen den Ort der Auferstehung in Vergessenheit zu bringen. Ja, sein christlicher Nachfolger, Konstantin der Grosse (270/288–337), liess den heidnischen Tempel abtragen und über dem freigelegten Grab eine neue Kirche erbauen. Sie hat die verschiedenen Wechselfälle und Schicksalsschläge, welche im Laufe der Zeit über Jerusalem hereinbrachen, überlebt und gibt heute noch Zeugnis für das bedeutendste Ereignis des christlichen Glaubens, für die Auferstehung Jesu Christi.

Immerhin war es sehr aufregend, als 1980 die Schlagzeile erschien: Man hat die Gebeine von Jesus, dem Sohn des Joseph, gefunden. Auferstehung Christi und leeres Grab haben einen inneren Zusammenhang. Weil Jesus auferstanden ist, fanden zunächst die Frauen, dann die Apostel das Grab leer vor. Denn die Auferstehung bedeutet nicht nur eine geistige Gegenwart des Herrn inmitten der Gläubigen nach seinem Tod, sondern ebenso die Verherrlichung des entseelten Leibes Christi. Der tote Leib des Herrn empfängt neues Leben und wandelt sich zum Auferstehungsleib. Die Folge ist: Der zu Tode gebrachte Leib des Herrn wird nicht wiedergefunden: «Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht.

Und es geschah, während sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. Erinnert euch an das, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war: Der Menschensohn muss in die Hände sündiger Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen. Da erinnerten sie sich an seine Worte. Und sie kehrten vom Grab zurück und berichteten das alles den Elf und allen Übrigen» (Lk 24,1–9). Aufschlussreich ist alsdann die Reaktion der Apostel. Sie waren nicht leichtgläubig, sondern «aufklärerisch» kritisch: «Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht» (Lk 24,11).

Freudiger Ruf

Nun, am 30. März 1980 fanden Bauarbeiter in Talpiot, einer Siedlung im südlichen Teil von Jerusalem, eine Grabstätte mit zehn Ossuarien, Gefässen, in welchen Gebeine von Verstorbenen aufbewahrt werden. Solche Gefässe kamen im Laufe der Zeit an verschiedenen Orten zutage. In einem Katalog aus dem Jahre 1994 sind 895 Behältnisse aufgeführt. Einige von ihnen sind beschriftet und geben den Namen des Verstorbenen wider. Unter anderem findet sich auch ein Ossuarium mit dem Namen «Jesus, Sohn Josephs».

Wer sich im alten Jerusalem und im antiken Judentum nicht auskennt, nicht um den damaligen Totenkult weiss und auch wenig Ahnung hat von den Namen und Vornamen der damaligen Menschen, wird sich gleich fragen: «Ja, war das Grab Jesu dennoch nicht leer? Hat man nach der Verwesung des Leibes des Herrn seine Gebeine in einem Ossuarium gesammelt, sorgfältig angeschrieben und an geeigneter Stelle aufbewahrt? Ist die Botschaft von der Auferstehung Jesu und der Hinweis auf das leere Grab eben doch die Botschaft von falschen oder getäuschten Zeugen?» Dann gilt eben das, was Paulus daraus folgert: Die christliche Verkündigung ist leer und der Glaube an den Auferstandenen sinnlos. Wir wurden an der Nase herumgeführt. Es stimmt nicht, dass Jesus leibhaft auferstanden ist. Dann gilt, was Paulus sagt: «Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen» (1 Kor 15,19).

Tatsache ist, dass der Name Jesus zu den häufigsten Namen gehört, die wir zu Lebzeiten unseres Herrn in Palästina, aber auch anderswo finden. Ebenso häufig ist auch der Name Joseph. So ist es nichts Ausserordentliches, wenn ein Ossuarium mit der Aufschrift «Jesus, Sohn Josephs», gefunden wurde. Wir denken bei den Namen Jesus und Joseph gleich ans Neue Testament und an Jesus Christus und den Nährvater unseres Herrn, Joseph. Das ist der Fall, weil wir uns zu wenig in der Kultur der Antike, in der Kultur Palästinas auskennen. Damit ist eindeutig: Das Ossuarium mit der Aufschrift «Jesus, Sohn Josephs» ist kein Beweis gegen die Auferstehung des Jesus von Nazareth.

Bisher sind alle Versuche, die Auferstehung von Jesus Christus in Frage zu stellen, gescheitert. Es sind alle Versuche, unseren Glauben zu entleeren, im Sand verlaufen. Es bleibt uns an Ostern immer noch der freudige Ruf: «Christus ist erstanden. Christus ist wahrhaft auferstanden. Halleluja!»

Vitus Huonder ist Bischof von Chur.. (Basler Zeitung)

Erstellt: 29.03.2018, 07:30 Uhr

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