Europa bald ohne Juden?

Laut einer EU-Studie über Antisemitismus denken 38 Prozent der Juden Europas an Auswanderung.

Antisemitismus geht heute von allen politischen Parteien und gesellschaftlichen Richtungen aus.

Antisemitismus geht heute von allen politischen Parteien und gesellschaftlichen Richtungen aus. Bild: Keystone

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Mit 16 395 befragten Jüdinnen und Juden ist die Umfrage, welche die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) im Auftrag der EU-Kommission 2018 durchgeführt hat, die bisher grösste ihrer Art. Sie umfasst die zwölf Länder der Europäischen Union, in denen 96 Prozent der mittlerweile nur noch knapp 1,4 Millionen europäischen Juden leben.

Die Resultate der im Dezember publizierten Umfrage sind verheerend: Rund 85 Prozent der Befragten halten Rassismus und Antisemitismus für das grösste Problem Europas. 89 Prozent geben an, dass der Antisemitismus seit der letzten EU-Umfrage im Jahre 2013 massiv zugenommen habe. 28 Prozent der Jüdinnen und Juden Europas haben im vergangenen Jahr antijüdische Äusserungen und Übergriffe erlebt. In Deutschland sind es sogar 41 Prozent. Drei Prozent wurden Opfer physischer Gewalt. 38 Prozent aller europäischen Juden denken an Auswanderung.

Es sind vor allem französische, deutsche und britische Juden, die sich dieser Tage die Emigration überlegen. In Frankreich haben wegen gewaltsamer Übergriffe, Terroranschlägen und des vehementen Alltags-Antisemitismus von rechts, links und vor allem auch von islamistischer Seite seit mittlerweile zehn Jahren 150 000 der knapp 600 000 Jüdinnen und Juden das Land verlassen – zumeist in Richtung Israel.

Israel bereitet sich vor

In letzter Zeit hat diese Bewegung zwar etwas nachgelassen, doch wird für die nahe Zukunft wieder eine Zunahme erwartet. So überlegen sich gemäss der EU-Umfrage 44 Prozent der verbleibenden französischen Jüdinnen und Juden, dass sie auswandern wollen.

Entsprechend erklärte in Israel der bis Ende 2018 für Einwanderung und Absorption zuständige Minister Naftali Bennett kürzlich, dass sein Ministerium sich auf die Einwanderung von zusätzlichen 200 000 französischen Jüdinnen und Juden in naher Zukunft vorbereite. Trotz der Ernennung eines neuen Einwanderungsministers und trotz Wahlkampfs in Israel mit einem möglichen Regierungswechsel gehen diese Vorbereitungen weiter.

Die Lage scheint zu eskalieren

In Deutschland sind es mittlerweile 44 Prozent der Jüdinnen und Juden, die über Auswanderung nachdenken. Sprach man noch vor wenigen Jahren von einer Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland, steht nun die Zukunft der Jüdinnen und Juden im Land wieder zur Debatte. Die Lage scheint zu eskalieren: 75 Prozent der Juden in Deutschland verzichten auf das Tragen jüdischer Symbole in der Öffentlichkeit. 46 Prozent vermeiden es, gewisse Gegenden und Quartiere zu betreten.

In Grossbritannien haben schon in einer früheren Umfrage im September rund 40 Prozent der rund 290 000 Jüdinnen und Juden erklärt, dass sie das Land verlassen würden, sollte die sozialdemokratische Labour-Partei unter Jeremy Corbyn an die Macht kommen. Dieser gilt nach diversen grösseren Antisemitismus-Skandalen in seiner Partei als judenfeindlich.

Die englische jüdische Gemeinschaft hat ihre Wurzeln in der Tudor-Zeit. Seit der offiziellen Zulassung unter Oliver Cromwell im Jahre 1656 existiert sie kontinuierlich und gehört zu den traditionsreichsten, am besten integrierten und akkulturiertesten jüdischen Gemeinden weltweit. Ihre Abwanderung wäre ein schwerer Schlag für die Zukunft der Juden in Europa.

Schweiz: Keine aktuellen Daten

Über die Ursachen der wiederaufgeflammten Judenfeindschaft in Europa gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist, dass die europäische Dauerkrise, die wirtschaftliche Unsicherheit und die zunehmend schärfer geführten Diskurse über Identität und Migration dazu beitragen. Soziale Medien sorgen zusätzlich dafür, dass der moderne Judenhass nicht auf marginale Milieus beschränkt bleibt, sondern sich bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitet – und das rasant.

Antisemitismus geht heute von allen politischen Parteien und gesellschaftlichen Richtungen aus, von alteingesessenen Bürgern ebenso wie von Migranten. Motive des traditionellen christlichen Antijudaismus vermischen sich mit rassistisch und politisch motiviertem Antisemitismus und islamischer Judenfeindschaft zu einem brandgefährlichen Amalgam, dem die europäischen Gesellschaften letztlich hilflos gegenüberstehen, wie auch die Debatte rund um die Sicherheit der Juden in Basel und in der restlichen Schweiz gezeigt hat.

In der Schweiz wurden übrigens keine Daten erhoben. Die letzte wissenschaftlich seriöse und flächendeckende Studie zum hiesigen Antisemitismus datiert auf das Jahr 2007. Eine Aktualisierung scheint dringend nötig.

Die EU-Studie über Antisemitismus in Europa ist unter dem folgenden Link nachzulesen: www.antisemitismus.baz.ch (Basler Zeitung)

Erstellt: 03.01.2019, 11:48 Uhr

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