Feminismus verliert Bezug zur Wirklichkeit

Männer sind in den Augen von Feministinnen wahlweise Müll oder Nazis, die abgeknallt gehören. Dabei zeigen die Fakten: Männer sind deutlich häufiger Opfer von Gewalt als Frauen – und keineswegs häufiger die Täter.

Feministinnen für Frauenrechte erhalten viel Aufmerksamkeit. Dabei sind Männer weitaus häufiger Opfer als Täter.

Feministinnen für Frauenrechte erhalten viel Aufmerksamkeit. Dabei sind Männer weitaus häufiger Opfer als Täter. Bild: Reuters

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Die Berliner Journalistin Sibel Schick hat unlängst im Internet und in der taz – einer linksfeministischen Szenezeitung – in die Welt gesetzt, dass Männer Kehricht sind: «Men are trash». Im Missy-Magazin hatte sie sich schon zuvor mit dem Gedicht «Männer sind Arschlöcher» grosse Publizität verschafft.

Dieser literarischen Grossleistung wurde rundum attestiert, «fremdscham-induzierend schlicht» zu sein. Einigermassen beängstigend ist allerdings der Zuspruch zu diesem Poem, und beängstigend ist auch, dass der Beifall in unserer Gesellschaft zu solchen Elaboraten heutzutage umso grösser ist, desto analer sie sich geben.

Das positive Echo aus der Schweiz darf dazu natürlich nicht fehlen. Erwartungsgemäss und ebenso notorisch von der Juso-Frau Tamara Funiciello, überraschender auch von SP-Nationalrat Cédric Wermuth, der ja allgemeinhin als etwas intellektueller gilt und deshalb auch nicht mit blossem Oberkörper politisieren muss. Protest dagegen ist eher selten. Auf watson.ch widerspricht zum Beispiel Jacqueline Büchi: «Menschen sind kein Müll.» Und an die Adresse von Nationalrat Wermuth: «Und erst recht wirkt die Formulierung befremdlich aus dem Mund von einem, der sonst bei jeder Gelegenheit die Unantastbarkeit der Menschenwürde betont und Political Correctness grossschreibt.»

Misandrie

Nun steht das Ganze inzwischen in unserem Kulturkreis auch in einer gewissen Tradition von Misandrie (Männerfeindlichkeit). Galten Männer noch bis tief in die Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts primär als Schöpfer der Kultur, Entdecker, Weise, Staatenlenker oder Heiler, so setzte mit dem Beginn des Feminismus in den Siebzigerjahren eine grundlegende Umwertung von Männlichkeit ein. Männliche Wesen werden seither vor allem vorgestellt als Zerstörer der Natur, Kriegstreiber, Gewalttäter, Kinderschänder oder – in der Werbung zunehmend – als Trottel und Versager.

Männer sind schuld an der Finanzkrise, an den Bankenpleiten, daran, dass es beim Umweltgipfel nur harzig voranging, und überhaupt an allem Übel dieser Welt. In ihrem Buch «Pornographie» postuliert die amerikanische Radikalfeministin Andrea Dworkin ebenso schlicht wie dezidiert: «Terror strahlt aus vom Mann, Terror erleuchtet sein Wesen, Terror ist sein Lebenszweck.» Ihre Landsfrau Marilyn French setzt in ihrem globalen Bestseller «Frauen» alle Männer gleich mit Nazis, die abgeknallt gehören. Gleichwertige Fantasien äussert auch Andrea Dworkin: «Ich möchte einen Mann zu einer blutigen Masse geprügelt sehen.»

Gewalt hat kein Geschlecht

Dererlei Zitate sind nicht mühsam zusammengesucht, sondern repräsentativ für eine gewisse feministische Literatur. Die amerikanischen Wissenschaftler Katherine K. Young und Paul Nathanson haben in ihrer Untersuchung «Spreading Misandry» minutiös belegt, wie die moderne Populärkultur unter dem feministischen Einfluss vor allem im Fernsehen, im Film und in der Massenliteratur «die Verachtung gegenüber Männern» propagiert.

Die jetzt ausgelöste Debatte über Männergewalt zeigt einmal mehr, dass vor allem Linke und Grüne sich von Affekten statt Fakten leiten lassen. Noch einigermassen harmlos SP-Nationalrätin Barbara Gysi: «Gewalt hat primär ein Geschlecht und erst in zweiter Linie eine Nationalität.» Liest sich ebenso gut wie gebildet, stimmt nur leider nicht.

Es wäre einfach sinnvoll, sich erst einmal bei den empirischen Erkenntnissen umzusehen – bevor grossmundig Unsinn verzapft wird. Zur Gewaltfrage in der Geschlechterlandschaft gibt es inzwischen Tausende von internationalen Studien.

Daraus lassen sich ganz klar drei Konstanten ableiten. Erstens: Gewalt hat kein Geschlecht. Vor allem häusliche Gewalt, die ja von der Linken primär angeprangert wird, ist zwischen Männern und Frauen gleich verteilt.

Zweitens: Hierzulande verüben ausländische Männer mehr Straftaten und vor allem mehr Gewaltdelikte als Schweizer Männer. Nimmt man noch den Immigrationshintergrund hinzu, verschieben sich die Zahlen noch einmal zuungunsten ausländischer und zugunsten schweizerischer Männer.

Drittens: Bei einer Gesamtschau der Gewalttaten ist eindeutig, dass mindestens 75 Prozent der Opfer von Gewalt Männer sind – Opfer von Frauen, aber vor allem ihrer eigenen Geschlechtsgenossen.

Auch linke Journalistinnen sind von nachgerade peinlicher Unkenntnis geplagt. Nur ein Beispiel: In der Tageswoche interviewt Andrea Fopp den Leiter Politik von männer.ch, Nicolas Zogg. Als dieser erwähnt, dass Männer sehr viel häufiger Opfer von Gewalt werden, offenbart Fopp ihre totale Ignoranz: «Sind Sie sicher, dass Männer häufiger getötet werden? Kann ich die Statistik sehen?»

Die Realität zur Kenntnis nehmen

In der Schweiz gibt es rund zwei Dutzend öffentlich finanzierte Unterkünfte für geschlagene Frauen («Frauenhäuser»); für Männer gibt es nichts Vergleichbares. Das lässt nur die Interpretation zu, dass Frauen die Opfer gewalttätiger Männer sind. Die Realität hingegen schaut anders aus. Man sollte sie wohl einfach mal zur Kenntnis nehmen.

Dabei ist es auch gar nicht nötig, sich durch die Berge von Studien zu lesen. Es gibt inzwischen empirische Untersuchungen, die eigene Resultate vorstellen und zugleich die bisherigen Befunde resümieren; ein Beispiel wäre Peter Döges Buch «Männer – die ewigen Gewalttäter?» (Springer-Verlag). Danach: Frauen sind in gleichem Masse gewalttätig wie Männer; Gewalt hat also kein Geschlecht.

Gewalt kommt in rund 30 Prozent der Familien vor. 34,5 Prozent der Männer üben Gewalt aus und 30,4 Prozent der Frauen. Andere Studien zeigen, dass sogar mehr Gewalt von Frauen als von Männern ausgeübt wird. So gerade eine empirische Untersuchung der Universität Zürich.

Frauen treten, beissen, ohrfeigen

Bei schwerer körperlicher Gewalt dominieren Männer aufgrund ihrer grösseren Körperkraft, bei psychischer Gewalt und Gewalttaten, um den Partner zu kontrollieren, Frauen. Die weit verbreitete Meinung, dass von Frauen keine körperliche Gewalt ausgehe, ist falsch. Frauen treten, beissen, ohrfeigen, stossen, schlagen und werfen mit Gegenständen. Kinder – vor allem Buben – sind signifikant häufiger Opfer von Züchtigungen ihrer Mütter als ihrer Väter.

Gesamthaft sind Männer zu 75 Prozent Opfer von Gewalt, Frauen nur zu knapp 25 Prozent; andere Studien weisen Männern sogar einen Opferanteil von 85 Prozent zu.

Nun kommen diese Befunde nicht überraschend. Schon vor rund vierzig Jahren haben in den USA Forscherinnen und Forscher aufgezeigt, dass Gewalt zwischen den Geschlechtern annähernd gleich verteilt ist. Dafür wurden sie von eifrigen Feministinnen verleumdet, körperlich angegriffen und unter anderem mit Telefonterror «bestraft». Die Gründe liegen auf der Hand; sie sind ideologisch und pragmatisch zugleich. Wird Frauen ebenso wie Männern Gewalt nachgewiesen, zerbricht der Mythos vom «friedfertigen Geschlecht» und zerfällt die konstruierte Kluft zwischen weiblichen Opfern und männlichen Tätern. Pragmatisch betrachtet, lässt sich dann auch die Einseitigkeit der Schutzpolitik gegenüber Frauen und die damit verbundene Vernachlässigung männlicher Opfer nicht mehr aufrechterhalten.

Gewalt ist unentschuldbar

Dabei kann es selbstverständlich nicht darum gehen, gewalttätige Männer zu entschuldigen. Gewalt – von wem auch immer sie ausgeht – ist in unserem Kulturkreis schlicht unentschuldbar. Aber es muss darum gehen, zu verstehen, warum Männer überhaupt gewalttätig agieren. Mit der Erosion des traditionellen Männerbildes und der zunehmenden Auflösung von festen Familienstrukturen sind schon für Buben die gewohnten Sicherheiten zu Hause weithin zusammengebrochen. Es bleibt auch kein intaktes Männerbild mehr, an dem sie sich aufrichten könnten; ein neues, alternatives steht überdies nicht zur Verfügung.

Die Orientierungslosigkeit trifft vor allem das heranwachsende männliche Geschlecht. Jungen werden inzwischen in einer gesellschaftlichen Konstellation gross, die ihnen keine authentische Verhaltenssicherheit mehr vermittelt. Die Ratlosigkeit der heranwachsenden männlichen Generation ist inzwischen zur offenkundigen Krise mutiert; Jungen haben immer mehr Entwicklungsstörungen; sie fallen bildungsmässig immer mehr hinter die Mädchen zurück, was Aggressionen auslöst; ihre Suizidrate wächst; sie brechen vermehrt Schule und Ausbildung ab; Jugendkriminalität ist heute vor allem Jungenkriminalität.

Suche nach verlässlichen Rollenmodellen

Buben – so schreiben Kindlon und Thompson («Raising Cain») – sind auf der verzweifelten Suche nach verlässlichen Rollenmodellen. Was die Väter heute nicht mehr als Vorbild leisten können, müssen sich dann die Söhne mühsam auf der Strasse, in der Peergroup, auf dem Sportplatz und dem Schulhof selber erwerben – oft in «andauernder Kriegsführung». Wenn ein konkretes, also erfahrbares Wissen über Männlichkeit fehlt, suchen es Jungen in der Adoleszenz zumeist in physischen Auseinandersetzungen. Auch Gewalt «erwachsener» Männer wird so beschrieben, dass sich Männer in der Auseinandersetzung mit Frauen als ohnmächtig empfinden und dies bei ihnen ein Gefühl von Erstarrung auslöst. Gewalt wird dann als letztes Mittel erlebt, um sich wieder zu spüren.

Die «Männerberatung des Landes Oberösterreich» präzisiert: Im Unterschied zu Frauen hätten Männer nur selten gelernt, ihre tagtäglichen Belastungen wahrzunehmen. Sie powerten sich aufgrund der wachsenden Anforderungen in der Arbeitswelt im Beruf aus und fühlten sich als Versager, wenn sie einmal etwas nicht bewältigten.

Möglichkeiten und Techniken, sich zu entspannen und zu entlasten, seien den meisten Männern nicht bekannt. Damit stiegen der Druck, die Überforderung und die Gefühle von Ohnmacht und Demütigung. Der Mann spüre, wie er den Boden unter den Füssen verliere. «Indem er zuschlägt, erlebt er sich schlagartig wieder ‹stark› und ‹männlich› – doch nur für kurze Zeit.» Dann komme das böse Erwachen – zumeist allerdings auch nur für kurze Zeit.

Prävention durch Rollenänderung

Erfahrungen aus der Arbeit mit gewalttätigen Männern dokumentieren, dass Männer, die sich ihr emotionales und soziales Potenzial und damit ihre Beziehungsfähigkeit erschlossen haben, nicht mehr zur Gewalttätigkeit Zuflucht nehmen müssen. Die männliche Rollenveränderung wäre also die beste Garantie gegen Männergewalt und auch die beste und wirksamste Prävention.

Wenn Männer ihren eigenen Schmerz entdecken und spüren, was sie als Kinder alles verdrängen mussten – so argumentiert beispielsweise der amerikanische Arzt und Männerforscher Ronald F. Levant –, dann hören sie auf, ihrer Partnerin wehzutun.

Erstaunlich ist in diesem Kontext, dass vor allem Linke diese Erkenntnisse aus der Geschlechterforschung gar nicht zur Kenntnis nehmen und stattdessen lieber pauschalisieren, mit unsinnigen Zuschreibungen hantieren und beleidigen. Erstaunlich ist überdies, dass beim Geschlechterthema Linke plötzlich nicht mehr gesellschaftskritisch zu denken imstande sind.

Ulrike Prokop, Soziologin und selber Feministin, bemerkt dazu grundsätzlich: «Die männliche Herrschaft als unmittelbare Gewaltherrschaft ist eine Fiktion; die Zurechnung von Schuld trifft mit der Kategorie des unmittelbar gewalttätigen Mannes nicht den Kern gesellschaftlicher Widersprüche, sondern ein ‹Fassadenproblem›. Damit die Vorstellung von gesellschaftlicher Herrschaft und das Verständnis von Leiden noch persönlich begriffen werden können, wird auf den Wahrheitsanspruch von Erkenntnis verzichtet.»

Walter Hollstein ist emeritierter Professor für Soziologie und Geschlechterforschung,Gutachter des Europarats für Männerfragen und Autor des Standardwerks «Was vom Manne übrig blieb». (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.08.2018, 11:00 Uhr

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