Flamingo oder Lama?

Dringend gesucht: ein Nachfolger fürs Einhorn. Im Rennen ums neue Trendtier sind: Flamingos und Lamas. Als Geheimfavorit wird das Faultier gehandelt.

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Eigentlich war das Einhorn schon letztes Jahr totgesagt. Aber jetzt ist es immer noch da – auf Feuerzeugen, Türvorlegern, WC-Papier und natürlich im Wasser. Ein Wunder? Nein, das mythische Tier vereint schlichtweg alles, wovon wir träumen. Es ist der ideale Gegenentwurf zu allem Technischen, Rationalen und Bösen auf dieser Welt («Weniger Hass, mehr Einhorn»). Es befriedigt eskapistische Fantasien («Mein Einhorn sagt: Die Realität lügt»). Vor allem aber stillt es unser narzisstisches Bedürfnis, einzigartig zu sein («Fresst meinen Sternenstaub, ihr Langweiler»).

Fragt sich bloss: Wie schafft man es aus dem Nichts zum Trendtier? Beziehungsweise wer bestimmt, welches Motiv auf Tassen, T-Shirts und sogar auf Kondomen gehypt wird? Die Designerin und Professorin Bitten Stetter kennt sich mit Trends aus. Sie doziert an der Zürcher Hochschule der Künste und sagt: «Das Einhorn war erst ein Social-Media-Phänomen, ein Zeichen der jungen Generation Z, auch Generation Unicorn genannt, weil sie sich nach Fantasie und Traumwelten sehnt.» Später wurde das Einhorn als Motiv von der Mode- und Dekobranche aufgegriffen, und dadurch schaffte es den Durchbruch auch in der realen Welt.

«Der Flamingo ist ein Saisontier»

Laut Stetter sei es selten ein einziger namhafter Designer, der einen Trend wie das Einhorn lostreten kann. Vielmehr handle es sich um ein Zusammenspiel aus Zeitgeist und Verfügbarkeit. «Wenn sich die Gesellschaft nach einer heilen Welt sehnt, sind die Voraussetzungen für einen Einhorn-Hype optimal. Allerdings müssen die Produzenten das Einhorn in allen möglichen Varianten innert nützlicher Frist auch auf den Markt bringen können.» Gelingt dies, befeuern sich Nachfrage und Angebot gegenseitig. Derzeit allerdings schwinden die magischen Kräfte des Einhorns.

Und was jetzt? Selbstverständlich stehen die Anwärter für das neue Trendtier bereits in den Startlöchern. In der Poleposition: der Flamingo. Der rosa Vogel wurde schon vor zwei Jahren als Einhorn-Konkurrent gehandelt. Mittlerweile ist er «von Dekoartikeln auch auf Textilien hinübergewandert», sagt Stetter. Es gibt Flamingo-Bettwäsche, Flamingo-Socken, Flamingo-Taschen und natürlich Flamingo-Kondome. Für Wenke Heuts, die als Pressesprecherin des Online-Marktplatzes DaWanda viele Trends hat kommen und gehen sehen, ist der Flamingo eher ein typisches Saisontier.

Mehr Gelassenheit dank Lamas

«Seit 2014 stillt es im Sommer die Sehnsucht nach Exotik und Wärme, vorzugsweise in Kombination mit Palmen oder Ananas», sagt Heuts. Wobei dieses Jahr ausnehmend viele Flamingos die heimischen Bäder und Boutiquen bevölkern. Und à propos Früchte: Die Ananas hat dieses Jahr definitiv die Avocado abgelöst. Eventuell endlich ein Zeichen, dass wir uns vom asketischen Gesundheitswahn (Avocado) lösen. Denn Ananas sind nicht nur gesund, sie schmecken auch richtig gut in alkoholischen Drinks, findet Dozentin Bitten Stetter. «Offenbar dürfen wir uns wieder etwas gönnen.»

Eine Rückkehr zu Genuss und Gelassenheit verspricht auch der zweite Anwärter auf das Trendtier 2018: das Lama, das manchmal auch als Alpaka angepriesen wird. Laut Trendexpertin Heuts sind dieses Jahr beide «omnipräsent und reihen sich perfekt in die seit Jahren gefeierte Ethno-Themenwelt ein». Im Internet findet man tatsächlich alle möglichen Gadgets mit Lamas verziert, sogar Staubwedel, die sich als Lamas ausgeben.

Die Tiere sehen mit ihren Kulleraugen und dem Zottelfell zwar knuffig aus, für Stetter symbolisieren sie aber auch etwas Rotziges. Heuts spricht gar von einer spöttisch-relaxten «Ist mir doch egal»-Attitüde. Schon deshalb eignen sich Lamas wie bereits die Einhörner bestens für freche Sprüche («No dramas with lamas»). «Vielleicht haben sie sogar das Zeug, sich als lässiger Gegentrend zum Achtsamkeits- und Fitnessterror zu etablieren», meint Stetter.

Chillen mit Faultieren

Glaubt man den medialen Trendmeldungen für 2018, fehlt noch ein Tier: das Faultier. Von einem Hype ist allerdings noch wenig zu spüren. «Der Trend braucht wohl noch ein paar Jahre, ganz dem Naturell des Tieres entsprechend», witzelt Heuts. Immerhin: Faultier-Kondome sind bereits auf dem Markt. Und Aufdrucke mit Faultieren auf Textilien setzen sich auch langsam durch.

Vielleicht müssen wir erst einmal vom Sternenstaubtrip runterkommen und dieses Jahr gemütlich mit dem Lama entschleunigen. Und nächstes Jahr sind wir dann endlich reif fürs Chillen mit dem Faultier. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.07.2018, 18:31 Uhr

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