Fussball im Fastenmonat: Gelehrte streiten sich

Imame denken darüber nach, ob man Fussballspielern die kulinarische Enthaltsamkeit wirklich zumuten müsse.

Als sich Mohamed Salah (links) während des Ramadan die Schulter verletzte, meinte ein besonders Frommer: Das sei die Strafe Allahs dafür, dass Salah nicht gefastet habe.

Als sich Mohamed Salah (links) während des Ramadan die Schulter verletzte, meinte ein besonders Frommer: Das sei die Strafe Allahs dafür, dass Salah nicht gefastet habe. Bild: Keystone

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Wochen vor dem Beginn der Fussball-WM plagte die Gelehrten des Islam ein Problem. Der Beginn der Weltmeisterschaft fiel auf das Ende des Fastenmonats Ramadan, also in eine Zeit, in der gläubige Muslime tagsüber auf Essen und Trinken verzichten. Betroffen davon waren 100 Spieler aus sechs Ländern mit muslimischer Mehrheit. Deshalb dachten im Vorfeld der WM Imame darüber nach, ob man den Kickern die kulinarische Enthaltsamkeit bei der Vorbereitung der Spiele wirklich zumuten müsse, oder ob der Koran nicht doch Bestimmungen enthalte, die während des Ramadan Ausnahmen fürs Training und Freundschaftsspiele zulassen, um für die WM gerüstet zu sein.

Die Imame waren und sind sich nicht einig. Aus Medina kam für die sunnitischen Spieler aus Saudiarabien zunächst die frohe Kunde, dass sie sich nicht strikt ans Fastengebot halten müssen. Der Koran erlaube nämlich muslimischen Reisenden während des Ramadan, das Fasten auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, entschied der Imam der Qutba-Moschee in Medina. Zudem, meinte der Imam in einem Interview, seien gute Leistungen muslimischer Spieler dem Ansehen des Islam förderlich, weil die WM weltweit übertragen wird. Deshalb dürften auch die Gebetszeiten verschoben werden, um weder Training noch Leistung zu beeinträchtigen.

Die Strafe Allahs

Doch das Internationale Al-Azhar Zentrum für Fatwas in Kairo war da ganz anderer Meinung. Im Gegensatz zu den pragmatischen Gelehrten in Saudiarabien kam es zum Schluss, dass die Fasten-Erleichterung für Reisende drei Tage nach Erreichen der Destination verfalle. Die Begründung: Ab dem vierten Tag sei man nicht mehr «unterwegs», sondern «angekommen.» Deshalb, so die Al-Azhar-Fatwa, sollten die Trainingszeiten in die Nacht verlegt werden – dann seien Essen und Trinken erlaubt. Im Übrigen sei Fasten nicht zwangsläufig ein Hindernis für Spitzenleistungen. In der Frühzeit des Islam hätten Muslime ihre grossen Siege auch während des Ramadan errungen.

Diese enge Interpretation des Koran war für den Trainer der ägyptischen National-Elf, den Argentinier Héctor Cúper, nicht akzeptabel. Er wandte sich deshalb an andere Imame in Kairo. Sie kamen Cúper zu Hilfe. Wer wie Fussballstars hart arbeite und mit Spitzenleistungen sein Brot verdiene, dürfe das Fasten verschieben. Dieser Pragmatismus ist freilich umstritten. Als sich der ägyptische Fussballstar Mohamed Salah während des Ramadan die Schulter verletzte, meinte ein besonders Frommer: Das sei die Strafe Allahs dafür, dass Salah nicht gefastet habe.

Eine WM im Orient?

Fussball sei die zweite Religion im Mittleren Osten, sagte zwar einmal ein Kenner der Materie. Aber Muslime haben mitunter ein gespanntes Verhältnis zum Ballspiel. Einige konservative Kleriker bezeichnen es als gefährlich «un-islamisch», weil dessen Regeln die Vorrangstellung der Sharia in Frage stelle. Doch andere, darunter zum Beispiel Osama bin Laden, schätzten den Fussball als willkommene Plattform, um bei den U-20 ihre konservative Interpretation des Islam zu verbreiten.

Wie überall vermischen sich auch im Orient Fussball und Politik. So will Saudiarabien in der Fifa künftig eine prominentere Rolle spielen und eines Tages die Weltmeisterschaft ins Wüstenreich holen. Marokko, das sich als Austragungsort für 2026 ins Spiel gebracht hatte (und letzte Woche unterlag), hatte deshalb von Anfang an keine Chance auf den Zuschlag. Riad hatte nämlich mit Erfolg eine Kampagne lanciert, welche die panarabische Solidarität untergrub. Zudem hatte sich Saudiarabien für eine schnelle Erhöhung der WM-Konkurrenten von 32 auf 48 Mannschaften eingesetzt, die eigentlich erst für 2026 vorgesehen ist. Damit, so hoffen die Fussballstrategen im Königreich, wäre Katar als einziger Durchführungsort der WM zu klein und müsste von anderen Staaten unterstützt werden – zum Beispiel von Saudiarabien. (Basler Zeitung)

Erstellt: 19.06.2018, 09:11 Uhr

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