Helikoptereltern und Helikoptermoral

Die hysterische, dauererregte Mediengesellschaft neigt zum selbstgefälligen Moralisieren. Wer auch nur einen missverständlichen Satz äussert, landet am öffentlichen Pranger.

2014 posierte Steven Spielberg am Set von Jurassic Park vor einem «erlegten» Triceratops. Das Bild löste wegen empörter Tierschützer einen absurden Shitstorm aus. Bild: Jay Branscomb/Facebook

2014 posierte Steven Spielberg am Set von Jurassic Park vor einem «erlegten» Triceratops. Das Bild löste wegen empörter Tierschützer einen absurden Shitstorm aus. Bild: Jay Branscomb/Facebook

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Das Wort hat sogar Eingang in den Duden gefunden, laut Eigenwerbung «seit 130 Jahren die massgebliche Instanz für alle Fragen zur deutschen Sprache.» «Helikoptereltern» sind nach Auskunft des Nachschlagewerks Eltern, die ihre Kinder aus übertriebener Sorge ständig überwachen.

Aus Angst, etwas falsch zu machen oder zu versäumen, schweben immer mehr Eltern einer militärischen Eingreiftruppe gleich über ihren Kindern – bereit, bei den kleinsten Unwägbarkeiten herbeizustürmen und alles ins Lot zu bringen. Helikoptereltern, die die totale Lufthoheit über das Kind an sich reissen und zwanghaft alles um es herum steuern, wollen ihre Kleinen zu einem Gesamtkunstwerk formen. Die Folge: Die Kinder werden unselbständig, unengagiert und masslos anspruchsvoll. Die Generation alles, sofort, überall und immer wächst heran.

Der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrervereins, Josef Kraus, hat zu der Fehlentwicklung ein empfehlenswertes Buch veröffentlicht. (Helikopter-Eltern – Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung, rowohlt 2013)

Nun taucht ein neuer Begriff auf, das Pendent zu den Helikoptereltern: die Helikoptermoral. Der Psychologe, Psychoanalytiker und Autor Wolfgang Schmidbauer hat die Neigung der Mediengesellschaft zum überstürzten, selbstgefälligen und einfühlungslosen Moralisieren in einem spannenden und hochaktuellen Buch beschrieben. Journalisten und Politikern (aber nicht nur ihnen) sollte der schmale Band als Pflichtlektüre verschrieben werden. (Helikoptermoral, Empörung, Entrüstung und Zorn im öffentlichen Raum, kursbuch.edition, Murmann 2017)

Man braucht nur gelegentlich Leserbriefe oder Talkshows zu konsumieren, um der scharfsinnigen Diagnose von Wolfgang Schmidbauer folgen zu können. Eine hysterische, dauererregte Gesellschaft hungert nach schnellen und vor allem einfachen Antworten. «Es gibt Richtig und Falsch. Goldmarie und Pechmarie. Idylle und Schauder, alles und nichts.» Und weiter: «Es kostet Mühe, Widersprüche zu sehen, wo eine simple Problemlösung angeboten wird, und die Übel zu erkennen, welche eine schnelle Lösung mit sich bringt. Wer die Mühe des langsamen Denkens nicht auf sich nehmen kann, wird dem glauben, der ihm verspricht, seine Situation schnell zum Besseren zu wenden. Er wird auf die losgehen, welche er als schuldig an seiner Notlage erlebt.»

Minifanatismus in Tugendmaske

Gefordert wird allerorts ein moralischer Perfektionismus. Wer auch nur einen missverständlichen, vermeintlich falschen Satz äussert, landet am öffentlichen Pranger. Schmidbauer präsentiert für diese These in den 16 Kapiteln seines Buches eine Vielzahl eindrücklicher Beispiele. Als der 72-jährige britische Nobelpreisträger Sir Timothy Hunt einen Scherz über Frauen machte – «Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind. Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen» – verlor er seine Honorarprofessur an der University London (UCL), seine Position beim Europäischen Forschungsrat und an der Royal Society. Eine Universitätslehrerin hatte den Scherz ernst genommen und umgehend auf Twitter verbreitet. Die Helikoptermoral ist eine Moral, die gefährlich wird, weil sie den Urteilenden «unter dem Beifall der Massen erlaubt, gleichzeitig Richter und Henker zu werden».

Sie ist, fasst der Autor prägnant zusammen, als «Minifanatismus in Tugendmaske» zu verstehen. Vor Moralaposteln wird gewarnt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.08.2017, 14:40 Uhr

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