Hollywood: Kultur des Verdrängens

Laut der «New York Times» war es das «am schlechtesten gehütete Geheimnis», und dennoch will Hollywood während 30 Jahren nichts davon gewusst haben.

Harvey Weinsteins sexuelle Übergriffe - und wie ganz Hollywood während 30 Jahren nichts davon gewusst haben wollte.


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Es war im Hauseingang, als er mir beim Abschied jäh und unbeholfen seine Zunge in den Mund stiess. Ich war knapp 20, lebte seit Kurzem als Schauspielschülerin in Hollywood, er Filmproduzent, ein bisschen bekannt, nicht unsympathisch. Nach einer Party fuhr er mich nach Hause und vergass auch nicht, die noch unbesetzte Rolle in seinem nächsten Projekt zu erwähnen. «Karriere gelauncht!», mein naiver Gedanke. Wir stehen dann aber vor der Tür, ich winde mich aus seiner Klammerumarmung, husche in meine Wohnung. Falls die Rolle je existierte, erhielt sie eine andere. Ich empfand etwas zwischen Scham und Schaudern, hakte den Vorfall unter «unwillkommene Avancen» ab, das Leben ging weiter.

Manche Schauspielerinnen (auch Schauspieler) schlafen mit Produzenten, um eine Rolle zu bekommen. Ganz freiwillig. Und jetzt bitte keine Moralpredigt. Ich weiss es, ich habe fünf Jahre in Hollywoods Filmkreisen verkehrt. Gefallen für Gefallen? Man kann es ablehnen oder annehmen – ein Urteil über Letzteres sollte sich niemand anmassen. Es ist wie ein einvernehmliches Tauschgeschäft. So naiv, verletzlich, hilflos, wie Frauen ständig von Feministinnen dargestellt werden, sind sie nicht.

In Realität gehst du an 100 Castings, konkurrierst dort mit 500 Frauen, alle schöner, schlanker und besser vernetzt.

Zum Fall Harvey Weinstein. Er hat, wie die New York Times aufdeckte, Frauen über Jahrzehnte sexuell belästigt und genötigt. Die Anschuldigungen reichen vom Bitten und Drängen nach Massagen bis hin zu drei Vergewaltigungsvorwürfen.

Bei Weinstein war es kein Tauschgeschäft. Er verlangte etwas von den Frauen, das sie ihm nicht geben wollten, und ihm dies signalisierten. Weinstein, der einige aufstrebende Schauspieler zu Stars machte, wird wohl ständig attraktive Frauen um sich herumgehabt haben. Er war der Inbegriff einer gigantischen Chance. Er wird sich gewöhnt gewesen sein, dass sie Einladungen zum Abendessen oder zu mehr annahmen. In einer perfekten Hollywood-Welt sind alle tugendhaft, arbeiten hart, und die Person mit dem grössten Talent bekommt die Rolle. In Realität gehst du an 100 Castings, konkurrierst dort mit 500 Frauen, alle schöner, schlanker, besser vernetzt, merkst, dass du dich an diesem Ort der unheilvollen Allianz aus Ehrgeiz und Traum kaum durchzusetzen vermagst und entscheidest dich vielleicht für eine Abkürzung – lässt dich freiwillig mit einem wie Weinstein ein.

Hätte ich mich damals mit dem Typen eingelassen, wäre ich heute Schauspielerin?

Und bevor jetzt alle aufschreien: Ich will hier nicht die Vergehen von Weinstein kleinreden oder verteidigen. Im Gegenteil: Männer wie er sind Schweine. Was er getan hat, hat mit Tauschhandel nichts zu tun. Seine Machtposition ausnützen, Frauen zu sexuellen Handlungen nötigen, ihnen drohen, ist abscheulich, gehört bestraft – die Vergewaltigungen, sollten sie sich als wahr herausstellen, gehören hart bestraft. Heute, wo unsere Gesellschaft sensibilisierter ist und aufgeklärter, ist es für Opfer von sexuellen Übergriffen zum Glück einfacher als vor 25 Jahren, Hilfe zu finden.

Wenn jetzt aber Hollywoods selbsternannte Gralshüter der Moral in ihren Weinstein-Statements pingelig genau darauf bedacht sind, den Anschein von kategorischer Ehrenhaftigkeit zu vermitteln, als habe dort noch nie jemand seine persönliche Würde ein Stück weit für den beruflichen Erfolg zurückgestellt, dann ist das heuchlerisch. Hollywood hat zwei Seiten. Hätte ich mich damals mit dem Typen eingelassen, wäre ich heute Schauspielerin? Ehrlich gesagt, die Frage habe ich mir schon in aller Sachlichkeit gestellt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.10.2017, 12:30 Uhr

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