Hollywoods neue Historiker

Das patriotische Amerika ist wegen dem neuen Blockbuster «First Man» aus dem Häuschen.

Ryan Gosling spielt im Film Neil Armstrong.

Ryan Gosling spielt im Film Neil Armstrong. Bild: Keystone

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Dass Hollywoods Repräsentanten gerne Preisverleihungen oder Filme vereinnahmen, um ihre ideologischen Botschaften zu verbreiten, ist bekannt. Lustig ist, mit welcher Schamlosigkeit man jetzt sogar historische Ereignisse uminterpretiert, damit sie besser ins eigene Weltbild passen. Es geht um den neuen Blockbuster «First Man», eine Biografie über den Astronauten Neil Armstrong. Ein Porträt über den ersten Mann auf dem Mond zu erarbeiten und dabei die Schlüsselszene auszulassen, benötigt wahrlich besondere Begabung.

Der Film schafft es: Er zeigt den berühmten Moment nicht, wo Armstrong die US-Flagge auf dem Mond einsticht. Hauptdarsteller Ryan Gosling, ein Kanadier, verteidigt das im The Telegraph so: Armstrongs Leistung habe «Länder und Grenzen überschritten», die Mondlandung sei «weitgehend als menschliche Errungenschaft» gesehen und nicht als amerikanische, «das ist auch, wie wir uns entschieden haben, es zu sehen». Aha.

«Anti-amerikanisch»

Das patriotische Amerika ist natürlich aus dem Häuschen. US-Senator Marco Rubio twitterte: «Das ist Wahnsinn. Und ein schlechter Dienst zu einer Zeit, wo unsere Bevölkerung Erinnerungen braucht an das, was wir gemeinsam schaffen, wenn wir zusammenarbeiten. Das amerikanische Volk bezahlte für diese Mission, Raketen wurden von Amerikanern gebaut, mit amerikanischer Technologie und Astronauten. Es war keine UN-Mission.» Buzz Aldrin, 88, damals im Team mit Armstrong, postete Fotos vom Einstechen der US-Flagge und: «Stolz, ein Amerikaner zu sein.» Viele sehen den Film als anti-amerikanisch, fordern einen Boykott und das nachträgliche Drehen der Szene.

Über die Flaggen-Problematik wurde schon vor dem Raketenstart 1969 debattiert, weil der Einstich einer Flagge auf Grund eben auch ein Zeichen von Besitzanspruch ist. Laut dem Weltraumblog spacetec.org erwog ein NASA-Komitee verschiedene Optionen, etwa die UN-Flagge aufzustellen, oder viele kleine Flaggen sämtlicher Nationen. Am Ende entschloss man sich für die amerikanische.

Politisch gefärbter Anstrich

Klar, man kann diesen Akt des Nationalstolzes ausklammern, ein Film ist ja kein Geschichtsbuch. Auch zwingt niemand die Leute, ins Kino zu gehen. Nur: Das Ereignis ist Realität, Armstrongs Geste vor Millionen TV-Zuschauern monumental. Im Bewusstsein der Amerikaner ist der Moment tief verankert. Und trotz internationalen Partnern, der Löwenanteil dieses NASA-Programms war US-Verdienst. Ihm – gerade in einer Biografie – nicht die angemessene Bedeutung zu schenken, mutet schon würdelos an. Ein bisschen ähnlich wäre das, wie wenn man uns Schweizern das Aromat als helvetische Erfindung absprechen würde, weil es ja nicht nur aus urschweizerischen Ingredienzen besteht, sondern Herr Obrist die Zutaten auf der ganzen Welt gesammelt und für sämtliche Bewohner der Erde gemischt hatte. Ich fände das protestwürdig.

Nachdem halb Amerika auf die Barrikaden ging, verteidigte sich Regisseur Damien Chazelle laut Fox News: Die Szene wegzulassen sei kein politisches Statement, er wollte einfach den Fokus nicht auf das Einstecken der Flagge richten. Angesichts der Hollywood’schen Besessenheit mit politischer Korrektheit und Goslings Aussage mag man ihm das nicht recht glauben. Seit wann bedeutet Geschichte abbilden gleich fokussieren? Die Biografie hat doch einen politisch gefärbten Anstrich. Schade. Es ist vielleicht ein kleiner Schnitt für die Filmemacher, aber eine riesige Disharmonie für Freunde der historischen Wahrheit. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.09.2018, 10:29 Uhr

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