Home-Assistenten fordern den Familienfrieden heraus

Alexa und Siri haben auf alles eine Antwort und wollen kein «Danke» hören. Das hat einen Einfluss auf die Erziehung.

Die persönliche Assistentin Siri kann jederzeit aktiviert und zur Bespassung eingesetzt werden: Kinder mit einem iPhone im Zug.

Die persönliche Assistentin Siri kann jederzeit aktiviert und zur Bespassung eingesetzt werden: Kinder mit einem iPhone im Zug. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Wenn ich eines meiner Kinder wäre, hätte ich vielleicht auch manchmal lieber eine Alexa oder eine Siri zu Hause als mich. Möchte zum Beispiel mein Kindergartenkind ihre Kindermusik hören, die sich auf meinem Handy befindet, muss sie mich fragen. Und zwar mit «Bitte», sonst läuft gar nichts. Kann sogar vorkommen, dass ich keine Lust auf Kindermusik habe. Will mein Schulanfängerkind wissen, wie viele Eisbären genau auf der Welt leben, muss er darauf warten, bis ich es nachgelesen habe. Hätten sie bloss einen Home-Assistenten - wobei, Moment, falsches Geschlecht: Alexa und Siri, diese elektronischen Hausgeister, sind ja weiblich gegendert. Wie Mami halt, aber ohne Widerstand.

Alexa fragt nur: «Welche Kindermusik meinst du?» Sie klingt nie genervt, sondern immer so wie jemand, der keinen anderen Zweck kennt, als zu Diensten zu stehen. Und bei Siri muss man nicht warten, bis sie einem sagt, wie viele Löwen existieren, sie legt einem kein Buch hin und sagt: «Schau mal, hier steht das, da kannst du noch auch ein bisschen Lesen üben.»

Amazon Echo, iPhone oder Google Home heissen die Geräte, in denen Alexa, Siri und auf welche Namen die Assistenten noch so hören zu Hause sind. Warum ihr menschliches Vorbild nicht der männliche Butler wurde, ist eine Frage für Kultursoziologen. Hier mal eine Theorie: Zu den Grundeigenschaften des Butlers gehören, so suggerieren das jedenfalls britische Romane, Würde und eine eigene Persönlichkeit. Von einem Kind würde er sich nie herumscheuchen lassen. Alexa und Siri aber sind nach dem Bild der persönlichen Assistentin geschaffen, die man prekär beschäftigen, jederzeit aktivieren und auch zur Kinderbespassung einsetzen kann. Die Kleinen lieben sie!

Fröhliche Kinder springen um eine labernde Box

Das ist jedenfalls eine Schlüsselbotschaft der Marketingwellen, mit denen vor allem Echo und Home durch die Gabensaison gepustet wurden. Für jede Assistenzmaschine gibt es Videos, in denen fröhliche Kinder um eine sanft labernde Box springen. Google Home hat ein eigenes Kinderprogramm und kann Reise nach Jerusalem spielen. Alexa kennt ein paar okaye Witze und hat auf komplizierte Fragen diplomatische Antworten. Auf Youtube kann man sich Unboxing-Clips - so heisst die Gattung, bei der Menschen ein neues Produkt auspacken und erzählen, wie sie es finden - ansehen, in denen sich Familien um ihre Alexa scharen wie früher um das Lagerfeuer. Nur dass ein Lagerfeuer natürlich kein Home-Entertainment-Beleuchtungs-System auf Befehl eines Kleinkindes einschalten kann.

Überhaupt scheint das die Hauptfunktion von Alexa und der anderen Assistenten in Familien zu sein: Befehlstöne bei Kindern zu aktivieren. Nichts ist so anstrengend wie ein Mensch, der nie gelernt hat, seine Forderungshaltung zu regulieren. Gilt auch für minderjährige Menschen. Google, Amazon und Apple leben schon jetzt von Erwachsenen, die nie aufhören, Dinge und Informationen zu brauchen, jetzt, so schnell wie möglich. Jetzt haben sie Geräte geschaffen, die diese Mentalität schon in Kindern zementieren.

Kinder reden mit der Mama wie mit einer Maschine

Eine Bekannte erzählte neulich, dass sie das Gerät langsam einstauben lassen wolle, weil sie es nicht mehr aushalte: «Die Kinder reden mit mir wie mit einer Maschine.» Mama – Wann – Geht – Die – Bundesliga – Wieder – Los? Mama – Schalte – die Eiskönigin – an. So wird aus dem Familienzuhause eine Dienstleistungslandschaft.

Die Apparate lassen sich dabei so unauffällig in Wohnungen integrieren, dass sie den Impuls der meisten Eltern, ihren Nachwuchs eigentlich nicht unbeaufsichtigt mit Fremden im Netz kommunizieren zu lassen, neutralisieren. Die neue Lieblingsmitbewohnerin ist nichts weiter als ein mit dem Netz verbundenes Mikro, das für jede Anfrage Daten und Stimmen sammelt. Die Assistenten sind in der modernen Familie also das, was das hölzerne Pferd bei den Trojanern war: Ein unwiderstehliches Angebot für eine strategisch kurzfristig denkende Bevölkerung. Könnte eine interessante Geschichte werden. Zumindest für die Maschinen.

(Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 12:42 Uhr

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