«Ich fühle mich verletzt»

Wie verwöhnte Kinder verwandeln sich ultraempfindliche und opferselige Trigger-Warning-Aktivisten in rabiate Zeitgenossen, wenn ihnen ein Wunsch abgeschlagen wird.

Polizisten beschützen eine Statue eines konföderierten Soldatens auf dem Campus der Universität von North Carolina während einer Demonstration.

Polizisten beschützen eine Statue eines konföderierten Soldatens auf dem Campus der Universität von North Carolina während einer Demonstration. Bild: Reuters

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«Etwas Seltsames geschieht an den amerikanischen Hochschulen.» So beginnt ein längerer Artikel mit dem Titel «Die Verhätschelung der amerikanischen Seele», der vor zwei Jahren im linksliberalen Magazin The Atlantic erschien, starke Beachtung fand und aktueller ist denn je. «Eine studentische Bewegung breitet sich aus», fährt er fort, «die alle Worte, Ideen und Themen von den Campus verbannen will, welche Unbehagen verursachen oder kränken können.» Als Mittel, solcherart gesäuberte Lehrstätten zu schaffen, dienen den hypersensiblen Jungakademikern Begriffe wie «Mikroaggressionen» und «Trigger Warnings» (Auslöser Warnungen).

Mit Ersteren sind subtile, vielleicht auch unabsichtliche verbale Verletzungen gemeint, die aber trotzdem als Gewalthandlungen gelten und daher unterlassen werden müssen. So gilt die Frage an einen Latino- oder Asienamerikaner: «Wo bist du geboren?», gemäss etlichen Campus-Richtlinien als unstatthafte Mikroaggression. Professoren wiederum sollen «Trigger Warnings» aussprechen, wenn sie in ihren Vorlesungen auf Texte zu sprechen kommen, die bei Studierenden starke emotionale Reaktionen auslösen könnten.

Die Listen der problematischen Bücher und Themen werden dem Professor von den Studenten vorgelegt. Theoretisch könnte jedes Werk der Weltgeschichte auf den Listen landen, da Literatur und Kunst sich bekanntlich auch mit den verstörenden Aspekten des menschlichen Daseins befassen. Als psychologisch potenziell gefährdend wurde zum Beispiel der epochale Roman «Alles zerfällt» des Nigerianers Chinua Achebe beurteilt (beschreibt rassische Gewalt); auch F. Scott Fitzgeralds «Der Grosse Gatsby» (enthält Szenen von Frauenfeindlichkeit und körperlichem Missbrauch); Ovids «Metamorphosen» (sexuelle Übergriffe); Virginia Woolfs «Mrs. Dalloway» (Selbstmordneigungen). Und Rechtsprofessorinnen von Harvard berichten von studentischen Druckversuchen, auf Vorlesungen zum Thema Vergewaltigung zu verzichten. Das Thema, ja, nur schon die Verwendung des Begriffs könnte weibliche Zuhörerinnen in seelische Nöte stürzen.

Eine denkbar schlechte Vorbereitung auf das Berufsleben und die reale Welt.

Die beiden Autoren des Atlantic-Artikels bemerkten zu Recht, dass eine teure akademische Ausbildung, die vor unangenehmen Ideen und Worten schützen will, eine denkbar schlechte Vorbereitung ist auf das Berufsleben und die reale Welt. Wenn die Befindlichkeitsmeldung «Ich fühle mich verletzt» mehr gilt als Fachkompetenz und rationales Argumentieren, werden «Infantilisierung und anti-intellektuelle Haltungen» gezüchtet. Und politischer Missbrauch gefördert.

Die Vorlesung des Pädagogik-Professors Val Rust der Universität Los Angeles etwa wurde mit einem Sitzstreik boykottiert. Die Protestierenden warfen ihm Mikroaggressionen gegenüber farbigen Studenten vor. Sein Delikt? Er hatte Grammatik und Rechtschreibung der studentischen Texte korrigiert, unter anderem die fehlerhafte Grossschreibung des ersten Buchstabens des Wortes indigenous (einheimisch). Eine rassistisch motivierte Herabsetzung der betreffenden Studentin und ihrer Identität, nach Auffassung der Sitzstreikler.

Wie alle verwöhnten Kinder verwandeln sich auch die ultraempfindlichen und opferseligen Trigger-Warning-Aktivisten in rabiate Zeitgenossen, wenn ihnen ein Wunsch abgeschlagen wird. Val Rust kam noch glimpflich davon. Andere unerwünschte Dozenten wie der Politikwissenschaftler Charles Murray oder die Publizistin Heather Mac Donald wurden niedergebrüllt, körperlich angegriffen und wie Diebe vom Campusgelände gejagt. Aber auch historische Statuen, Denkmäler, Gedenktafeln wurden umgerissen und verwüstet. Deren Anblick war für die feinnervigen Bilderstürmer angeblich nicht zu ertragen.

Eine Aufforderung an professionelle Opferaktivisten jeglicher Provenienz.

Eine wichtige Rolle bei der Entstehung dieser verschärften neulinken Form von Political Correctness spielte die Obama-Administration. 2013 erweiterten Justiz- und Erziehungsdepartement die Definition von sexueller Belästigung. Bis dahin waren noch «objektive» Kriterien nötig gewesen, um einen Übergriff als solchen zu anerkennen. Gemäss den neuen Gesetzesvorschriften genügt es, dass eine Aussage oder Handlung subjektiv als «unerwünscht» empfunden wird, um als juristische Klage wegen sexueller, aber auch rassistischer, religiöser oder sonstiger Belästigung akzeptiert zu werden. Geradezu eine Aufforderung an professionelle Opferaktivisten jeglicher Provenienz.

Ein Ende des akademischen Kulturkampfes ist nicht in Sicht. Eher ist ein Überschwappen des anti-aufklärerischen und totalitären Trends auf Europa zu befürchten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 12:19 Uhr

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