In Vergessenheit geraten

Männer werden nur noch als Defizitwesen hingestellt. Es gibt kein intaktes Männerbild mehr, an dem man sich aufrichten könnte.

«Männer sind Schweine.» Typen wie Harvey Weinstein befördern solche Bilder.

«Männer sind Schweine.» Typen wie Harvey Weinstein befördern solche Bilder. Bild: Keystone

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Irgendwie hat es sich mittlerweile in den Köpfen festgesetzt: «Männer sind Schweine.» Typen wie Harvey Weinstein befördern solche Bilder. Nun ist es ja noch nicht so lange her, als dies alles ganz anders tönte. In Joseph Haydns Oratorium «Die Schöpfung» heisst es im Text nach John Miltons «Verlorenem Paradies» über den Mann: «Mit Würd’ und Hoheit angetan, mit Schönheit, Stärk’ und Mut begabt.»

In seinem Drama «Egmont» bekundet Johann Wolfgang von Goethe, wie stolz ein Mann doch sein kann, ein Mann zu sein. Das liesse sich endlos fortsetzen, um zu demonstrieren, was ein Mann vor wenigen Jahrzehnten noch wert war, bevor er demontiert wurde. Dabei geht es nicht darum, berechtigte Kritik zurückzuweisen. Aber eben: berechtigt und nicht gnadenlos.

Männer werden nur noch als Defizitwesen hingestellt, die alles nur falsch machen.

Männer fühlen sich denn heutzutage nur zurecht als Opfer eines gewandelten Zeitgeistes. Das macht einen gehörigen Teil ihrer Identitätskrise aus. Schon in den Fünfzigerjahren merkte der Stuttgarter Psychiater Joachim Bodamer an, dass wir nicht mehr wissen, was ein Mann ist, weil wir kein Ideal mehr haben, an dem wir ihn messen können. Rund fünfzig Jahre später stellte der amerikanische Männerforscher James A. Doyle fest, dass Männer heute das ganz dringliche und existenzielle Bedürfnis haben, zu wissen, was ein Mann eigentlich ist.

In der Tat ist das – zumindest in einem positiven und konstruktiven Sinne – unklar geworden. Was einmal in der öffentlichen Darstellung die «Krone der Schöpfung» gewesen ist, erscheint nun als Latrine der Gegenwart. Die Geschichte wird präsentiert als eine Abfolge von männlichen Kriegen, Brutalität, Zerstörung, Unterdrückung und Gewalt; ihre Akteure sind Judas, Nero, Brutus, Napoleon, König Blaubart, Hitler, Stalin, Karadzic, Saddam Hussein oder Charles Manson. Die amerikanische Feministin Andrea Dworkin notiert, dass Terror der Lebenszweck des Mannes sei, und ihre deutsche Schwester Alice Schwarzer stimmt ihr begeistert zu.

Tiefe Verunsicherung

Auf der ideologischen Strecke bleiben Philanthropen wie Sokrates, Jesus von Nazareth, Thomas von Aquin oder Albert Schweitzer, die kulturellen Leistungen von Aristoteles, Descartes, Kant, Hegel oder Marx, die grossartige Literatur von Dante, Shakespeare, Schiller, Proust, Neruda oder Cervantes, die seelenbewegende Musik von Haydn, Mozart, Beethoven, Bach, Verdi oder Puccini und die epochale Kunst von Michelangelo, Brancusi, Henry Moore, Matisse, Paul Klee, Leonardo da Vinci oder Rembrandt. Menschlichkeit, Güte und Nachhaltigkeit werden einzig Frauen zugeschrieben von Jeanne d’Arc bis Mutter Theresa.

In dieser verzerrten Geschichtsschreibung geht auch unter, dass es zum Beispiel männliche Wissenschaftler waren, die die Hygiene voranbrachten, das Kindbett-Fieber besiegten und die Verhütungspille erfanden und damit das Leben der Frauen ganz wesentlich erleichterten. Das alles ist öffentlich in Vergessenheit geraten.

Männer werden nur noch als Defizitwesen hingestellt, die alles nur falsch machen. Für das männliche Geschlecht bedeutet diese Entwicklung eine tiefe Verunsicherung, und es bleibt kein intaktes Männerbild mehr, an dem man sich aufrichten könnte; ein neues, alternatives steht überdies nicht zur Verfügung. Die Orientierungslosigkeit trifft seither vor allem das heranwachsende männliche Geschlecht. Knaben werden inzwischen in einer gesellschaftlichen Konstellation gross, die ihnen keine authentische Verhaltenssicherheit mehr vermittelt.

Die Folge: Knaben haben immer mehr Entwicklungsstörungen; ihre Suizidrate wächst; sie brechen vermehrt Schule und Ausbildung ab; Jugendkriminalität ist heute fast ausschliesslich Jungenkriminalität; die Quote der jungen Aussteiger, Versager und Drückeberger steigt kontinuierlich an und damit explodiert der Kostenfaktor für den Staat.

Walter Hollstein: «Was vom Manne übrig blieb». Opus Magnum, 296 S., ca. 35 Franken. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 13:30 Uhr

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