«Kannst du das bei Youtube abspielen?»

Von Berufskollegen verachtet, von den Gästen mit Hörerwünschen geplagt: Florian L. legt als DJ auf Hochzeiten auf. Hier sagt er, was er von seinen Kunden hält.

«Hier ein bisschen Sportfreunde Stiller, da ein bisschen Peter Fox»: Florian L. über seinen Job.

«Hier ein bisschen Sportfreunde Stiller, da ein bisschen Peter Fox»: Florian L. über seinen Job.

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Der grösste Fehler, die viele von euch meiner Meinung nach machen, ist das mit der Torte um Mitternacht. Die wird reingefahren mit einem Tusch, alle stehen auf, zücken ihr Handy, das Hochzeitspaare legt gemeinsam die Hände auf das Messer, schneidet die Torte an, lächelt in die Kameras, füttert sich noch gegenseitig. Wenn die beiden fertig sind, holen sich die anderen 80 bis 100 Gäste auch noch ein Stück Kuchen, das ganze Gezeter dauert mindestens anderthalb Stunden - und dann, schwupps, sind die ersten 40 Gäste weg.

Es ist ein totaler Partybreaker, tötet die ganze Stimmung. Warum stellt ihr die Torte nicht einfach ans Buffet, schneidet sie beim Nachtisch an und zack, wird bis drei oder vier Uhr durchgetanzt?

Was die Musik angeht, sehe ich mich als Dienstleister. Dennoch gibt es natürlich Songs, die ich nur ungern für euch spiele. Der Pur-Hitmix steht an oberster Stelle, dieses Medley geht ewig und ist einfach nur schrecklich. Warum nur wollt ihr das immer wieder von mir hören? Das frage ich mich auch bei dieser genzen Ballermann- oder Après-Ski-Musik. Aber wenn Ihr als Brautpaar unbedingt «Hol' das Lasso raus» haben wollt, bitteschön, dann spiele ich das. Ich mache die Musik ja nicht für mich.

Das Witzige - und Erschreckende - ist: Die Tanzfläche ist dann fast immer voll, gerade bei Klassikern wie Gloria Gaynors «I will survive» - das kann ich selber nicht mehr hören. Und finde es doch wieder gut, weil ihr alle dazu tanzt. Vielleicht verdrehen zehn von euch die Augen und gehen von der Tanzfläche runter, aber dafür kommen zwanzig nach. Genauso ist es mit «Atemlos» von Helene Fischer. Ausserdem gilt: Je später der Abend, desto höher der Alkoholpegel. Am Ende tanzt und singt ihr ohnehin alle mit, fertig.

Abwägen, auswählen

Was die Reihenfolge der Songs angeht, ist es immer ähnlich: Zuerst kommt der Eröffnungswalzer, danach noch zwei, drei Standardtänze oder Songs, die auch die Oma gut findet. Die Alten sind ja die ersten, die gehen, die will ich nach dem Eröffnungstanz schon ein bisschen auf der Tanzfläche halten. Einmal ist es mir sogar gelungen, eine Braut, die sich fürchterlich mit ihrem angetrunkenen Bräutigam gestritten hatte, wieder ein bisschen glücklich zu machen: Ich kannte ihre Lieblingssongs und habe sie im richtigen Moment aufgelegt.

Viele von Euch unterschätzen den Job als Hochzeits-DJ. Da heisst es, du hast ein lockeres Leben hinter deinem DJ-Pult, du machst ja erst Musik, wenn der Brauttanz losgeht. Von wegen, ich stehe die ganze Zeit hier. Zum Glück bin ich Nichtraucher, denn man kann ja nicht ständig rauslaufen. Wenn beispielweise der Brautvater oder ein Hochzeitsgast plötzlich ein paar Worte sagen wollen, muss ich präsent sein, die Musik herunterdrehen und die Stimme auspegeln. Auch wenn Ihr das nicht wahrnehmt, so etwas gehört ebenfalls zu meinen Aufgaben.

Der DJ-Job ist Handwerk, ist manchmal auch Kunst, auch wenn einige von euch denken, ich hätte nur meinen Laptop dabei und drücke auf Play. Dabei muss ich abwägen, muss auswählen: Wann passt welches Genre? Ich schaue mir an, was funktioniert, spiele vielleicht erst Salsa und schwenke zum Beispiel um auf Deutsch, hier ein bisschen Sportfreunde Stiller, da ein bisschen Peter Fox. Wenn Ihr dann reagiert, wenn es funktioniert, dann mache ich so ein Fass später am Abend nochmal auf und spiele weitere vier Lieder aus diesem Genre. Das Wichtige ist am Ende, dass Ihr zufrieden wart. Dass jeder von euch mindestens einmal auf der Tanzfläche war.

Typische Hochzeitsplaylist auf Spotify.

1000 Euro nehme ich für den ganzen Abend. Manchen von euch mag das teuer erscheinen. Aber in der Regel ist man zwölf bis 14 Stunden unterwegs, Anlage einladen, aufbauen und so weiter, und natürlich die Vorbereitung. Als DJ auf einer Hochzeit bin ich der erste, der kommt, und der letzte, der geht.

In der Regel sind es die Frauen, die sich bei Hochzeiten um alles kümmern. Es ist fast immer so, dass sie sich als erste bei mir melden, etwa neun bis zwölf Monate vorher. Fotograf und DJ sind mit die wichtigsten Personen auf einer Hochzeit. Steht das Datum fest, fange ich an, die Leute zu duzen. Ich bin 45, die meisten von euch sind Ende 20, Anfang 30, und man sieht sich ohnehin den ganzen Abend, also würde ein «Sie« etwas merkwürdig zwischen uns stehen. Die Krawatte lasse ich übrigens weg. Einen Anzug ziehe ich schon an, aber ich will nicht besser aussehen als eure Gäste, sage ich immer.

Bei manchen Hochzeiten denke ich mir schon: Um Gottes Willen, hier möchtest du selbst aber nicht heiraten. In einem heruntergekommenen Wirtshaus zum Beispiel, mit billigem Schnaps hinter dem Tresen. Die Leute damals wollten dauernd den Gassenhauer «Das rote Pferd» hören. Am Ende haben sich aber alle überschwänglich für die tolle Musik und den schönen Abend bedankt.

Zwei DJs buchen

Was mich total nervt, ist, wenn ihr mit eurem iPhone ankommt und mir irgendein Lied unter die Nase haltet, das Ihr hören wollt. Das ist das Schlimmste, was es gibt. Und dann diese Frage: «Kannst du das bei Youtube abspielen? Bei Spotify?» Nein, kann ich nicht. Ich logge mich grundsätzlich nicht im Restaurant oder Hotel ins WLan ein. Wenn plötzlich die Verbindung weg ist und die Musik ausgeht, habe ich ein Problem. Oder wenn jemand währenddessen bei euch auf dem Telefon anruft und es plötzlich klingelt - nein, sorry. Bitte habt Verständnis, das mache ich nicht. Sagt mir einfach den Song oder Interpreten, den ihr hören wollt.

Genauso schlimm ist die Frage: «Wann spielst du das und das Lied denn?» Das kann ich euch nicht sagen - wenn es eben passt. Oder: «Kannst du das und das nochmal spielen?» Nein, kann ich nicht. Warum muss ein Song, den ihr ohnehin dauernd im Radio hört, noch ein zweites Mal laufen? Es gibt doch so viel tolle Musik.

Wenn ich mal heirate, würde ich vielleicht sogar zwei DJs buchen. Am Anfang jemanden, der alles bedient, also auch die ältere Generation. Dann den anderen. Dem würde ich sagen: «Mach, wie du willst , du weisst, ich mag Housemusik, ich mag Studio 54. Lass es einfach krachen!» Das würde ich Euch auch empfehlen: Gebt dem DJ ruhig ein paar Anregungen, zwei, drei Genres, die ihr und die eure Gäste mögen, schickt ihm vielleicht sogar eine grobe Playlist, aber lasst ihm ansonsten freie Hand. Das funktioniert am besten. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.05.2017, 08:46 Uhr

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